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„Russland nach vorn.“

Sascha, Russische Föderation, 2007/08, FSJ

„Russland nach vorn.“

Russland ist kein perfektes Land, aber es fasziniert. Ich bin immer sehr gern mit der Eisenbahn gefahren, habe endlose Stunden mit Warten in Schlagen verbracht, bin Schwarz gefahren und habe auch einmal Selbstgebrannten getrunken. Ich habe im größten See Europas gebadet, war in der Eremitage St. Petersburgs und habe mir die Parade zum 09. Mai, dem Tag des Sieges angeguckt und jedes Mal Gänsehaut bekommen, wenn Menschen gerufen haben: „Russland nach vorn.“

Der russische Charakter

Wie die Entwicklung im Lande weitergeht, bleibt offen… und vielleicht für nicht alle ganz verständlich. Manche Dinge habe auch ich nicht verstanden, aber an sich ist alles ganz einfach und einleuchtend, wenn man zum Beispiel den Charakter des Durchschnittsrussen betrachtet, der versucht für sich und seine Familie das Beste rauszuholen, aber dafür den Blick für das Gesamtwerk vergisst. Einen Schritt weiterzudenken (außer beim Schach) und seinem Mitmenschen eine Nettigkeit zu erweisen (außer beim Trinken) vermisst man des Öfteren und besonders auf der Straße ist die Freundlichkeit nicht zu Hause. Wenn man etwas von einer situationsbedingt höhergestellten Person will, ist man sehr auf die Laune dieser Person angewiesen. „Danke“ und „Bitte“ sind überflüssige Phrasen, man sagt, was man will. Alles ist sehr hierarchisch. Wichtige Dinge sind Geld, teure Klamotten und ein großes Auto, das vor Fußgängern nur notgedrungen haltmacht. Kurz, auf der Straße ist es auch im Sommer in Russland kalt.

Auf der Anderen Seite ist der Russe durchaus sehr gesellig, hat lieber 100 Freunde als 100 Rubel und pflegt diese Freundschaften auch sehr intensiv. Vielleicht haben die jahrhundertlangen schweren Bedingungen den Russen so geformt. Das Verständnis für Gerechtigkeit ist ausgeprägt und man kann mit dem Russen reden und die Hoffnung ist nicht vergebens, wenn man erwartet, dass der Gegenüber einen versteht. Der „Russe“ ist sehr interessiert. Er stellt oft Fragen, woher du kommst und ob wir wirklich so viel Bier trinken. Außerdem ist es mit ihm nie langweilig!! Weil er unter anderem auch schnell mit dir eine gemeinsame Sprache findet. Zudem ist er in fast jedem Fall überaus gastfreundlich und spontan.

Meine Gastfamilie

Trotz alledem habe ich einmal meine Gastfamilie gewechselt, bedingt jedoch durch den Wohnortwechsel Nishnij Nowgorod – Moskau, wobei ich im Nachhinein doch sehr zufrieden war, weil meine neue Gastfamilie in Moskau (fast) perfekt war. Das Einleben fiel mir eigentlich leicht und die ersten Eindrücke haben sich auch im Laufe des Jahres so bestätigt. Dabei lief die sprachliche Verständigung über russisch bzw. am Anfang mit dem Gastbruder über Englisch, was später ein bisschen nervte, da er sich im Verlauf nur noch mit mir auf Englisch unterhielt, ich aber Russisch lernen wollte.

Die Sprache

Die Sprachkenntnisse am Anfang waren ok. Das Schulrussisch hatte mir eine gute Lexik und Grammatik vermittelt, auf die ich jetzt noch zurückgreife. Hilfreich wären Pflichtrussischkurse gewesen, um die man nicht hätte erst extra fragen müssen. Insgesamt hängt viel von der Eigenmotivation des FSjlers ab, da er nicht wie die Schüler jeden Tag in die Schule geht und dort Sprache aktiv lernt. Er muss vielmehr zwischen Arbeit und Freizeit neuen Wortschatz finden. Dummerweise habe ich im Februar aufgehört zu lernen. Die Arbeitskollegen im Büro haben mir immer alles erklärt und auch, wenn ich nicht ganz verstand, geduldig versucht mir den Sachverhalt verständlich zu machen.

Meine Arbeit

Auf Arbeit war ich unter anderem für Kurieraufgaben in der Stadt, das Anfertigen von Informationsmaterialen, die Arbeit in Global- Link und ähnliches verantwortlich. Ein größeres Projekt wurde mir nicht übertragen, was mir die Möglichkeit verschuf viel zu Reisen, Freunde und Städte zu besuchen. Auf der anderen Seite gab es dann auch in manchen Stunden nichts für mich auf der Arbeit zu tun.

Sehr angenehm waren die häufigen AFS- Veranstaltungen sei es Lager, Orientationen oder Seminare, auf den ich immer entweder als Teilnehmer oder Volunteer eingeladen war. Die Atmosphäre am Arbeitsplatz war immer sehr freundschaftlich und familiär, wenngleich darunter auch die Effektivität des Gesamtprozesses leidet.

Was ich zukünftigen FSJ-lern auf den Weg mitgeben möchte ist, dass alles von ihnen abhängt, wie kreativ, stark sie selber sind. Aus diesem Jahr ist sehr viel herauszuholen, aber man kann auch schnell, tief sinken. Nicht aufgeben, weiter machen. Die kulturellen Unterschiede sind meines Erachtens relativ geringfügiger Art. Das wichtigste lernt man schnell vor Ort.