AFS-Erfahrungsbericht Schüleraustausch Serbien
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Der Austausch ließ mich wachsen und eine reifere Person werden

Tilen, Serbien und Montenegro, 2017, Schuljahr im Ausland mit Kreuzberger Kinderstiftung-Stipendium

Der Abschied von meiner Familie fiel mir sehr schwer. Ich wollte es meinen Eltern nicht zeigen und den starken Sohn spielen, aber geweint habe ich trotzdem, nur als sie es nicht mehr sehen konnten. Kurz vorm Abflug fühlte es sich so an als hätte jemand mir mein Herz rausgerissen und würde es erst nach einem Jahr, bei meiner Rückkehr, zurückgeben.

 

Der Flug ging von Frankfurt nach Belgrad, dem Nikola Tesla Flughafen. An der Ankunft erwarteten uns die Freiwilligen von AFS Serbien. Sie würden uns begleiten in eine Art Motel und wir würden dort für 4 Tage Kulturdifferenzen und Normen in Serbien kennenlernen. Außerdem wurden wir ein bisschen in der Hauptstadt Serbiens herumgeführt. Es ist eine schöne Stadt mit viel Geschichte.

Erste Zeit in Serbien

Nach 4 Tagen des Lernens und Wiederholens von dem was uns in Deutschland gesagt wurde, kamen unsere Gastfamilien. Als meine Gastfamilie ankam mit einer Stunde Verspätung ohne sich zu entschuldigen hatte ich schon erste Zweifel bekommen, die sich später als richtig herausstellen würden. Zwischen uns hat es gar nicht funktioniert.

 

In der Schule in Valjevo, meiner ersten Stadt, habe ich schon zu Anfang einen richtig guten Freund gemacht. Sein Name war David und er konnte relativ gut Deutsch sprechen. Heutzutage denke ich, wenn er nicht in meiner Klasse gewesen wäre, hätte ich höchstwahrscheinlich mein Auslandsjahr abgebrochen. Er hörte mir zu, als ich jemanden brauchte und er gab mir als einer der wenigen das Gefühl wirklich integriert zu sein.

 

Mit meiner ersten Gastfamilie konnte es eigentlich gar nicht funktionieren. Sie waren streng gegenüber mir, erwarteten komplettes Gehorsam und wollten durchgängig im Recht bleiben. Schon nach der ersten Woche kamen komplett unnötige und leicht vermeidbare Probleme auf. Ich versuchte zu retten was zu retten ist, aber wenn die andere Seite kein richtiges Englisch kann und dich konstant nur anschreit wegen den kleinsten Fehlern ist das nahezu unmöglich.

 

Nach einer Weile, circa 2 Wochen, konnte ich es nicht mehr ertragen und es färbte auf mich ab. Ich hatte konstant schlechte Laune, war wütend, hatte in meiner Klasse Vertrauensprobleme, weil jemand alles an meine Gastfamilie weitergesagt hat, was ich zu meiner Klasse über sie gesagt habe. Eigentlich waren alle Probleme kinderleicht zu lösen, wenn beide Parteien dazu bereit gewesen wären.

Meine zweite Gastfamilie in der Vojvodina

Nach 2 Monaten ergab sich keine andere Familie in Valjevo und ich musste die Stadt verlassen. Ich reiste dann nach Subotica. Ich kam in eine kleine Familie, nur mit Mutter und Tochter. Mit meiner Schwester verstehe ich mich ganz gut, sie heißt Hannah und ist 15 Jahre alt. Mit der Mutter funktioniert eigentlich auch alles, nur missversteht man sich gelegentlich und muss dann sein bestes geben das wieder hinzubiegen.

 

In meiner neuen Schule in derselben Klasse hatte ich auch einen sehr guten Freund von AFS, der war aber leider nur an einen 3-monatigen Austausch beteiligt. Durch ihn konnte ich mich viel leichter integrieren und da meine Sprachkenntnisse schon hoch waren, als ich angekommen bin, es war nur eine Frage des Willens.

 

Serbien kann man generell in 3 Teile aufteilen: Vojvodina, Zentralserbien, Südserbien. In Ich hatte die Möglichkeit Zentralserbien und Vojvodina zu erleben und zu vergleichen und muss gestehen, dass es für mich einen Riesenunterschied zwischen den beiden Regionen gibt. In Zentralserbien konnte so gut wie niemand Englisch, man ist streng, sehr verschlossen und sozialisiert nicht viel. Dann kam ich in Vojvodina/Subotica an und es war für mich ehrlich gesagt ein Schock. Die Menschen waren komplett offen, haben von mir nichts erwartet und die Atmosphäre fühlte sich allgemein ehrlicher an. Und jeder konnte Englisch. Anstatt mit der Denkweise “Ich bin der Stärkere”, gehen die Leute hier mit der Denkweise “Ich bin dein Freund” auf dich zu.

 

In Zentralserbien sind auch fast alle orthodox und serbisch, im Norden ist das ganz anders. Hier gibt es viele Ungarn, Kroaten, Bunjewatzen, Rumänen, d.h. man ist offener für andere Kulturen und Menschen. Daher würde ich sagen kommt der riesige Unterschied innerhalb der Nation.

Betreuung durch AFS

Innerhalb des Austausches haben wir auch sowas wie 3-tägige “Camps” mit AFS,  wo wir unsere Erfahrungen austauschen können und andere Menschen die mit AFS zu tun haben kennenlernen. So konnte ich bisher schon viele gute Freunde kennenlernen.

Feiertage in Serbien

Generell feiern Serben Weihnachten am 07.01. und nicht wie wir am 25.12. und traditionelle Unterschiede gibt es viele. Orthodoxe Serben essen am 06.01 ein Schwein was am Spieß gebraten wurde. Kroaten hingegen pflanzen Weizen im Haus an und essen eine bestimmte Art von Brot an Heiligabend. Meistens versammeln sich die ganzen Familien an solchen Festtagen. Neben einen anderen Heiligabend gibt es in Serbien auch so etwas wie eine “Slava”. Das gibt es fast nur in Serbien und es ist eine Art Fest für die eigenen Schutzheiligen, es wird ausschließlich von orthodoxen Serben gefeiert und es ist mehr oder weniger ein Festessen mit vielen Gästen.

Schule in Serbien

In Serbien hat die Schule 2 “Phasen”. In einer Hälfte des Jahres hat man Unterricht morgens und in der zweiten nachmittags. Also von 8-14 und von 14-20. Das ist so, weil die Schulen meistens zu klein sind für die doppelte Menge an Schülern in einer bestimmten Zeit.

Ich bin erfolgreicher geworden in meinen sozialen Umfeldern

Um ehrlich zu sein, der Austausch hat mich bisher viel Energie gekostet. Aber dafür habe ich umso mehr in der Zeit hier gelernt. Ich bin erfolgreicher geworden in meinen sozialen Umfeldern, emotional bin ich stabiler und lasse mich nicht mehr so leicht von bestimmten Emotionen lenken, sondern versuche alles mit Empathie zu sehen und so zu handeln. Das wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen vor 4 Monaten. Der Austausch ließ mich wachsen und eine reifere Person werden. Ich bin gespannt was die nächsten Monate mir noch zu bieten haben und bedanke mich bei euch für diese Möglichkeit.