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Wunschland auf den zweiten Blick

Pauline, Schweiz, 2010/11,

Wunschland auf den zweiten Blick

Als ich die Zusage für die Schweiz bekam, war ich erst mal ein bisschen geschockt, da ich mir unter „Ausland“ etwas anderes vorgestellt hatte. Zudem war die Schweiz nicht meine erste Wahl. Ich wollte mein Auslandsjahr weit entfernt verbringen, in vielleicht einem etwas mehr exotischen Land, eine neue Kultur kennen lernen. Eben etwas ganz anderes erleben. Nun stand es jedoch schwarz auf weiß: französische Schweiz.

Die Schweiz: Vielseitiger als viele denken

Also habe ich mich über das Land erkundigt und immer mehr Vorteile entdeckt, die für die Schweiz sprechen: das Skifahren, die wunderbare und abwechslungsreiche Natur, die Nähe zu Deutschland - man kann sie als gut oder weniger gut interpretieren, aber ich kann relativ schnell nach meinem Auslandsjahr in die Schweiz zurückkehren- und das gute Essen. Vor allem das gute Essen ist ein großer Pluspunkt im Gegensatz zu meiner Erstwahl, den USA. Die Schweiz wurde immer mehr zu meinem Wunschland und ich bin froh, dass es so gekommen ist.

Wenn man sich die Schweiz vorstellt, denkt man als Erstes vielleicht an Kühe, Fondue, Schokolade und Uhren – so ging es mir zumindest anfangs. Dieser Anschein wird auch nicht revidiert, wenn man hier ankommt. Jedoch hat mich die Vielseitigkeit des Landes von Anfang an total fasziniert. Ich habe das Gefühl, dass viele Deutsche gar nicht so viel über ihr Nachbarland wissen.

Weltoffene Großstädte und verborgene Bergdörfer

Ich wohne hier mit meinen Gasteltern und meinen vier Gastgeschwistern in einem kleinen Bergdorf im Wallis auf 1120 Höhenmetern. Jedoch bin ich durch die guten Zugverbindungen sehr schnell in großen Städten wie Lausanne, Montreux oder Genf. Die Städte sind relativ vielseitig und international. Was die Kultur angeht, habe ich keine großen Unterschiede zu Deutschland feststellen können. Jedoch faszinieren mich die Leute, die abseits vom großen Trubel in den Bergen in ihrem Chalet wohnen, Landwirtschaft betreiben, ihren Traditionen nachgehen und „nichts“ vom Rest der Welt mitbekommen. Obwohl ich in den Bergen wohne, ist meine Gastfamilie sehr weltoffen, da sie ursprünglich aus der Stadt kommt.

Die Schweizer Kultur lerne ich in meiner Gastfamilie nur mehr oder weniger kennen. Wir essen zum Beispiel nicht jede Woche Fondue oder Raclette, wie es viele andere Gastschüler von AFS hier erleben. Jedoch lernt man trotzdem alle Traditionen kennen, da man viel unterwegs ist, andere Leute kennen lernt und sich mit anderen Austauschschülern unterhält und austauscht. Was mich jetzt - nach fast fünf Monaten- immer noch an der Schweiz fasziniert, ist, dass hier vier Sprachen gesprochen werden. Als ich noch in Deutschland war und an die Schweiz dachte, hatte ich immer nur die deutsche Schweiz im Kopf. Die französische Schweiz ist jedoch wie ein ganz eigenes Land, das sich etwas an Frankreich anpasst. Abgesehen davon wird jeder Kanton ganz anders regiert und hat seine eigenen Regeln.

Sprachvielfalt wohin man blickt

Die Schweizer Politik hat mich schon von Anfang an interessiert. Im Parlament wird Hochdeutsch gesprochen. Das heißt, dass alle Politiker, die aus den Teilen der Schweiz kommen, wo Französisch, Italienisch oder Räteromanisch (so eine Art Latein) gesprochen wird, trotzdem größtenteils der deutschen Sprache mächtig sind. Im Parlament geht es oft recht humorvoll und energiegeladen zu und es herrscht eine angeregte Stimmung. Auch die Abstimmungen über diverse Gesetze sind hier sehr speziell, da jeder einzelne Bürger sein Kreuz machen kann.

Der so genannte „Röstigraben“ hat einen mehr oder weniger festen Stellenwert in der Politik bekommen. Er teilt die deutsche von der französischen Schweiz bei vielen Wahlergebnissen. Die Deutschschweizer sind verhältnismäßig noch konservativer als die französischen Schweizer. Das der Konservatismus und die Ausländerfeindlichkeit oft in Verbundenheit mit der Schweiz gebracht werden, ist leider nicht nur ein Vorurteil. Jedoch werde ich als „Ausländerin“ von allen Menschen sehr nett und herzlich aufgenommen. Insgesamt ist mir sogar aufgefallen, dass der menschliche Umgang hier sehr groß geschrieben wird. Als Beispiel nenne ich die Busfahrten, bei denen man den Busfahrer am Anfang begrüßt, am Ende verabschiedet und ihm noch einen schönen Tag wünscht. Auch in den Geschäften sind die Verkäufer sehr zuvorkommend und im Gegensatz zu Deutschland fast „übernett“.

Schule und Freizeit

In der Schule ist mir jedoch das Gegenteil aufgefallen: Die Lehrer tun während des Unterrichts total nett und lächeln oft. Jedoch merkt man, dass die Freundlichkeit nur aufgesetzt ist und sie eigentlich gar keine sympathische Atmosphäre mit den Schülern aufbauen wollen. Meine Mitschüler sind aber alle total nett zu mir, auch wenn man die europäische Freundschaftsbezeichnung ganz klar von der amerikanischen unterscheiden muss. Hier ist man nicht gleich nach dem ersten Smalltalk befreundet und es ist nicht ganz so einfach, sich in eine Gruppe zu integrieren.

Am Anfang war es in der Schule für mich nicht ganz so einfach, zumal ich die Sprache noch nicht wirklich gut beherrscht habe und der Unterricht sehr frontal ist. Die Schüler sitzen die ganze Schulstunde lang still sitzen und machen sich Notizen. Ich konnte dem Unterricht anfangs nur schwer folgen und es war etwas langweilig. Jedoch verstehe ich jetzt schon fast alles - nach etwa vier Monaten ist das ein richtiges Erfolgserlebnis - und dadurch ist der Unterricht schon gleich viel interessanter. Hier in der Schweiz geht die Schule immer bis exakt 16.15 Uhr - außer Mittwochs, da hat man nur vormittags Unterricht.

Alle Schüler haben viele Hausaufgaben zu machen und müssen für viele Arbeiten lernen. Dass heißt, sie treffen ihre Freunde nur am Wochenende. In Deutschland ist es normal, dass ich meine Freunde fast jeden Tag nach der Schule treffe oder zumindest mit ihnen einen Kaffee trinken gehe. Hier ist das überhaupt nicht der Fall. Das hat mich am Anfang etwas gewundert, jedoch wird mir deswegen nicht langweilig.

Auf Entdeckungstour

Ich gehe viel spazieren in der Natur, schreibe viel Tagebuch, gehe im nahe gelegenen Schwimmbad schwimmen und habe anfangs auch im Basketballteam meiner Gastschwester gespielt. Hier machen ziemlich viele Jugendliche einen Sport, der die meiste Zeit neben der Schule einnimmt. Ansonsten haben die Jugendlichen hier die gleichen Gewohnheiten wie ich und meine Freunde in Deutschland. Sie hören die gleiche Musik, tragen die gleichen Klamotten und haben die gleichen Hochs und Tiefs. Die Wochenenden sind immer der beste Zeitpunkt in der Woche. Um mich nicht zu Hause zu langweiligen, nehme ich mir immer etwas vor.

Meistens treffe ich mich mit den anderen AFSern, die aus aller Welt kommen und ihr Auslandsjahr mit mir zusammen in der Schweiz verbringen. Mit Ihnen kann ich meine Erfahrungen austauschen und das Land erkunden. Ich habe schon sehr viel von der Schweiz gesehen, habe jedoch noch ziemlich viele Projekte. Ob das gute halbe Jahr, das ich noch hier sein werde, reichen wird, um alle Vorhaben abzuarbeiten, ist fraglich. Jedoch habe ich das Glück, dass „mein Land“ ja nicht weit entfernt ist von meiner Heimatstadt Frankfurt in Deutschland, so dass ich relativ schnell nach dem Auslandsjahr wieder zurückkehren kann.

Der Berg ruft: Skifahren mit der ganzen Familie

Vor allem fürs Skifahren möchte ich nächstes Jahr wieder in die Berge zurückkehren. Ich habe das Glück, dass meine Gastfamilie viel Ski fährt und ich mich mit ihnen sogar noch im Skifahren verbessern kann. Mein Gastvater und Gastbruder geben mir sozusagen Privatunterricht. Schon im November habe ich die Skier für die ganze Saison ausgeliehen. In den Weihnachtsferien war ich mit meiner Familie zwei Wochen Skifahren. Gewohnt haben wir im Chalet meiner Gastgroßeltern. Die Stimmung im Chalet war sehr gemütlich. Es war eben typisch schweizerisch im Holzhaus in den Bergen mit Blick auf die Walliser Alpen, inklusive Matterhorn und sämtlichen anderen Viertausendern.

Was die Natur, das Skifahren und Wandern in den Bergen angeht, habe ich wohl mit der Schweiz die allerbeste Wahl getroffen. Als Mädchen aus der Großstadt war es für mich am Anfang zwar schwer, in einem 130 Seelendorf zu wohnen, jedoch ist bei uns zu Hause immer etwas los und ich konnte mich schnell an das „neue Leben“ gewöhnen, Die grandiose Natur macht das einem natürlich noch viel einfacher.

Spätestens nach vier Monaten fühlt man sich wie zu Hause bei seiner Gastfamilie - wobei ich auch ziemlich Glück habe mit meiner Familie- und man macht enorme Fortschritte mit der neuen Sprache. Ich verstehe mittlerweile fast alles und kann mich gut integrieren. Ich denke schon manchmal an meinen Abschied in der Schweiz und weiß jetzt schon, dass ich am liebsten hier bleiben will. Die Schweiz ist definitiv zu meinem Wunschland geworden und hätte ich das früher gewusst, wäre es mit Sicherheit meine erste Wahl gewesen.