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Eine zweite Heimat

Denise, Schweden, 2011, Schuljahr im Ausland mit dem Allgemeinen AFS-Stipendienfond-Stipendium

Eine zweite Heimat

Ein Jahr in Schweden ist nun vorbei. Vor einem Jahr bin ich mit vollgepackten Koffern in Stockholm aus dem Flughafengebäude gekommen und habe mich mit großen Augen umgesehen. Heute sitze ich in meinem Zimmer, am selben Schreibtisch wie zuvor, im selben Haus, im selben kleinen Ort. Was sich verändert hat? Äußerlich nicht viel. Ein neuer Esszimmertisch, ein neues Sofa, ein neues Haus die Straße runter, der Bus in die Schule fährt zwei Minuten später. Doch irgendwie hat sich alles verändert. Ich habe jetzt nicht nur dieses eine Leben, ich habe zwei. Eines hier, eines in Schweden. Und ich vermisse Schweden.

Schweden ist sicher nicht das Land, in dem Milch und Honig fließen, es hat auch seine schlechten Seiten, auch manche Bewohner haben ihre Macken, aber wo ist das nicht so? Für mich ist Schweden und die schwedische Verhaltensweise zur Heimat geworden. Es gibt so viele Unterschiede zwischen Deutschland und Schweden und irgendwie sind sie doch alle so klein. Ich glaube auch, dass ich heute die falsche Person bin, diese zu beurteilen. Einfach, weil es für mich Normalität geworden war.

Alltag in der Gastfamilie

Das Leben in meiner Gastfamilie hätten viele vielleicht als „seltsam“ bezeichnet. Trotzdem war sie die beste Gastfamilie, die man sich vorstellen konnte, oder besser, die ich mir vorstellen konnte, denn ich habe Austauschschüler kennen gelernt, die wären in meiner Familie niemals klar gekommen. Unser Umgang war immer sehr locker und ungebunden. Wir haben zusammen geredet und gelacht, aber es waren keine Zwänge da, kein „Komm, wir müssen was zusammen machen“. Allen voran haben wir die gleiche Ansicht geteilt, dass es schwachsinnig ist, die ganze Zeit aufeinander zu hocken. Ich habe viel Zeit in meinem Zimmer verbracht, aber auch mindestens genauso viel mit meiner Familie auf dem Sofa. Und vor allem muss ich zugeben, dass mir wesentlich weniger Haushaltspflichten zugekommen sind. Mein Zimmer musste ich putzen, mein Geschirr in die Spüle stellen, aber da hörte es auch schon wieder auf. Klar, dass man auch mal den Rest der Wohnung gesaugt hat, wenn man den Staubsauger gerade draußen hatte, oder dass man den Hund mal gebadet hat. Aber all dies hat mir nie jemand aufgetragen, sondern ich habe es gemacht, weil ich helfen wollte.

Schule in Schweden

Schule in Schweden war für mich zu Anfang das Schrecklichste auf der Welt, aber man gewöhnt sich an alles. Meine zweite Klasse habe ich kennen und lieben gelernt und ich glaube, ich war an keinem Tag so traurig, wie an meinem letzten Schultag Anfang Juni. Im Grunde genommen funktioniert der Unterricht wie in Deutschland. Nur das Schulsystem ist anders. Es gibt schon mit Beginn der Oberstufe bestimmte Linien, die teilweise auch direkt eine Berufsausbildung mit einbeschließen. Wählt man also eine natur- oder geistes- oder sozialwissenschaftliche Linie, dann hat man ziemlich „normalen“ Unterricht, bezogen auf die jeweilige Linie. Es gibt allerdings auch technische Linien, Theater-, Musik- oder Friseurlinien. Ich war in der humanistischen und hatte damit „normalen“ Unterricht.

 

Neben kleinen organisatorischen Unterschieden, wie Schließfächer für jeden Schüler und täglich warmes Mittagessen für alle, war der Schulalltag dem Deutschen sehr ähnlich, jedoch wesentlich entspannter. Das lag für mich zum einen daran, dass meine Leistungen so oder so nicht gerechnet wurden, aber auch an der Einstellung aller. Es geht wesentlich ruhiger zu. Vor allem gefallen hat mir das super Verhältnis zu den Lehrern, die man allesamt duzt.

 

Meine Klasse war außerdem mein wichtigster sozialer Kontakt und ich habe so gute Freunde dort gefunden. Im Gegensatz zu Deutschland hat man in Schweden auch wirklich die Möglichkeit, mit ihnen in der Schule Zeit zu verbringen, alleine schon durch die mindestens 40-minütige Mittagspause. Ich habe ab einem gewissen Zeitpunkt fast täglich etwas mit Freunden unternommen.

Freizeit

Die schwedische Kultur lebt von „Fika“. Das bedeutet so viel wie „Kaffee trinken“ und die Schweden tun es wirklich ständig. Man trifft sich also mit Freunden eher in der Stadt und geht irgendwo einen Kaffee trinken, als dass man sich bei jemandem zu Hause verabredet. Letzteres habe ich in dem gesamten Jahr nur vier Mal getan. All die andere Zeit mit meinen Freunden haben wir zusammen in der Stadt verbracht, was für mich besonders schön war. Denn in Schweden hatte ich endlich all die Freiheiten, die ich mir in Deutschland immer erträumt habe. Ich kam selbstständig von A nach B, weil regelmäßig Busse und Züge gefahren sind, während ich in Deutschland ohne Auto einzig und allein in meinem Dorf festsitze.

Zurück in Deutschland

Nun, aus Deutschland aus betrachtet, sehne ich mich nach Schweden und würde gerne sagen: „Dort ist alles besser.“ Natürlich ist es das nicht und ich weiß auch nicht, ob ich glücklich würde, zöge ich jetzt nach Schweden. Allerdings bin ich hier in Deutschland auch nicht mehr so glücklich, wie ich es vor dem Austauschjahr vielleicht war. Ich kann mich mit meinem kleinen Dorf einfach nicht mehr zufrieden geben und sehne mich danach, endlich meinen Abschluss zu haben, volljährig zu sein und Richtung Großstadt zu ziehen. Ich fand es nicht schwierig, mich hier wieder einzufinden, ich finde es nur schwieriger, mich damit wieder zufrieden zu geben.

 

Ich fühl mich jetzt einfach auch ein Stück weit schwedisch, aber vor allem bin ich selbstständiger geworden und komme nun nur schlecht damit klar, durch die äußeren Umstände wieder so eingegrenzt zu sein. An Deutschland habe ich vor allem einige organisatorische Dinge zu schätzen gelernt, wie zum Beispiel das Gesundheitssystem. Alles in allem bin ich allerdings der Ansicht, dass Schweden für mich als spätere Heimat definitiv mehr in Frage kommt als Deutschland.