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Thailand alias T-Highland… mit berauschenden Tiefen und Höhen durchgestanden

Mariya, Thailand, 2011/12, weltwärts

Thailand alias T-Highland… mit berauschenden Tiefen und Höhen durchgestanden

Die deutsche Sonne lässt Lichtformen auf meinem Schreibtisch springen, bis sie sich wieder hinter der grauen tiefhängenden Wolkenschicht versteckt. In Deutschland freut man sich, wenn die Sonne sich zeigt. In Thailand ist man froh, wenn sie weg ist, nicht nur wegen der Hitze, sondern vor allem wegen der Gefahr braun zu werden. Der Wind weht, so wie er in Thailand geweht hat, mit dem Unterschied, dass die alte Tanne vor meinem Fenster wackelt anstatt der schlanken Palme. Meine Füße würden jetzt ohne Socken frieren, dabei könnte ich gerade in thailändischem warmen Monsunregen duschen. Anstatt mit meinen Freunden im Park zu grillen, zu Konzerten zu gehen und zu kochen, so wie es für meinen deutschen Alltag üblich ist, würde ich mit der Truppe von meinen jüngeren Gastgeschwistern Fahrrad fahren, die Straße am Fluss entlang. Die Hunde würden hinter uns her rennen und kläffen. Wir müssten kräftig Gas geben, bis wir heile an unserem Sternfruchtbaum ankämen.

Kulturschock

Vor einem Monat kam ich zurück nach Deutschland und der Kulturschock haut mir wieder auf den Kopf, so wie mich vor einem Jahr die thailändische Kultur erschlug. Damals glorifizierte ich Deutschland mit dessen Genauigkeit und Kritikfähigkeit, allein weil ich es vermisste und mir Thailand noch zu unbekannt war. Diesmal schwärme ich für Thailand, weil ich mich der deutschen kalten Meckermentalität entfremdet habe. Aber im Grunde weiß ich, dass ich Deutschland und Thailand zwar vergleichen kann, aber nicht werten. Vor allem darf ich keine der beiden Länder abwerten, nur weil ich mich in der neuen Kultur gerade fremd fühle. Die westliche und die asiatische Kulturen ticken halt anders und sind genau wegen ihrer eigenen Werte und Normen auch so besonders. Jede von ihnen hat ihre Schatten- und Sonnenseiten.

Wenn ich die Erinnerungen wach rufe, dann denke ich, es war alles gar nicht so schlimm. Nachträglich steigen hauptsächlich die guten Momente auf in den Kopf. Tatsächlich aber deckte die Stimmungskurve vor, in und nach Thailand alle Stimmungslagen ab. Besonders am Anfang stand die Sprache wie eine Trennwand zwischen mir und den Thailändern. Ich sprach kein Thai, sie sprachen kein Englisch. Ich konnte niemanden so richtig fragen, was es so mit Thailand auf sich hat. Um sanft einzusteigen wären schnelle und unkomplizierte Freundschaften hilfreich, die einem den Ort zeigen und besänftigend auf meine Probleme reagieren. Oder eine Gastfamilie, wie die eigene, bei der man auch mal die Tür zum eigenen Zimmer zumachen kann, ohne gleich unhöflich und desinteressiert zu wirken. Aber was tun, wenn man das Zimmer und das Bett mit zwei jüngeren Geschwistern teilen soll und wenn das Badezimmer keine Türen hat. Was tun, wenn die Privatsphäre in der thailändischen Kultur einen viel geringeren Stellwert hat, als in Deutschland? Was tun, wenn man nicht richtig kommunizieren kann, sich nicht auskennt und fast nur auf die anderen angewiesen ist? Wenn die Menschen aus der neuen Umgebung noch gar nicht vom Gesicht ablesen können, wann es einem schlecht geht und man sich verloren fühlt? Was ist, wenn man banale Ängste vor Eidechsen, Geckos, Fröschen und Schlangen hat? Und wenn man auf der Toilette instinktiv nach Klopapier greift, aber keins findet? Aber die Zeit vergeht, mit ihr gehen die Krisen und kommen Freunde, Sprachkenntnisse und Mut zur Eigeninitiative. Man hat nur ein Jahr Zeit. In dieser Zeit möchte ich mich wohlfühlen, anstatt ein Jahr zu leiden. Nach einem Monat wechselte ich die Gastfamilie. Und irgendwann wurde vieles Ungewohnte zum Normalen. Der eingebrochene Alltag nach den ersten zwei sehr langen Monaten war das erste Zeichen davon. Meine Rolle in der Umgebung hat sich gefestigt und ich hatte mich an das scharfe Essen gewöhnt. Mit den ungenierten Blicken der Thais kam ich schon besser klar, obwohl nie so richtig. Das Waien (Begrüßungsart der Thais) habe ich gelernt, richtig anzuwenden.

Die Schule und meine Arbeit

Die Schule, an der ich gearbeitet habe, war die Kamphaeng Phet Pittayakom School. An dieser Sekundärschule (Matteyom) sind rund 3000 Schüler ab der siebten und bis zur neunten oder zwölften Klasse. Da dies die größte in der Provinz ist und sie als beste Schule gilt, gibt es eine große Auswahl an Fächern, AGs und Möglichkeiten zur Weiterbildung. Ab der siebten Klasse wählen Kinder reicher Eltern meist das STEM-Programm, bei dem sie Naturwissenschaften, Mathe und Computer auf Englisch lernen. Diese zwei Klassen pro Jahrgang werden von ausländischen Lehrern unterrichtet und lernen ein sehr gutes Englisch. Ich bekam allerdings Klassen, die sonst keine Chance haben Englisch von Ausländern zu lernen. Ihre Dankbarkeit konnte ich deshalb oft spüren. Die Klassen sind überfüllt, da es nicht ausreichend Lehrer gibt. In jeder der zehn Klassen pro Jahrgang sind zwischen 40 und 55 Schüler - das Doppelte an Schülern einer deutschen Klasse. Ob der Unterricht frontal oder nicht stattfindet, hängt stark von der Lehrkraft ab, vor allem ist dies eine Generationsfrage. Allgemein wird mehr in Gruppen gearbeitet, da es bei der Klassengröße nicht leicht ist, auf den jeden einzelnen einzugehen. Damit hängt vielleicht zusammen, dass die Thaischüler sehr gern voneinander kopieren, egal ob Hausaufgaben oder Arbeit in der Klasse, egal ob von Freunden oder aus dem Internet. Sie brauchen feste Vorgaben, um so wenig wie möglich selbst nachzudenken.

Mein Tagesablauf während der Schulzeit war fast immer gleich: Jeden Morgen gegen halb acht kam ich gemeinsam mit Pi Nutch, meiner Hostmutter, zur Schule. Es ist keine Seltenheit, dass die Gasteltern Lehrer sind. In meinem Office war ich die erste... immer diejenige, die die Lichter, die Klimaanlage, den Wasserkocher für den Morgenkaffee und den PC anschaltete. Gegen 8 Uhr versammelten sich dann die anderen Kollegen. Genau dann, wenn die morgendliche Begrüßung mit der lauten stolzen Thailandhymne begann. Im Laufe des Jahres sollte ich durchschnittlich 15-20 Stunden pro Woche vorbereiten und unterrichten. Es war nicht leicht, da man zwischendurch immer noch einen Haufen von Korrekturen durchgehen musste. Also war man schon nicht übel beschäftigt. Um 16 Uhr ging der Arbeitstag zu Ende. Aber oft gab ich Französisch-Nachhilfe für Boom, einen 22-jährigen Thailänder, der vorhatte, für sein Studium nach Frankreich auszureisen. Und er hat es geschafft! Abends blieb gar nicht viel Zeit für andere Dinge. Zum Quatschen mit Tanten, Nachbarn und Geschwistern während des Abendessens musste man aber schon Zeit einplanen. Die letzte Energie ging für die neuen Thaivokabeln drauf. Hunderte von Namen zu lernen und sich Gesichter zu merken, erforderte ständige Konzentration. Während der Gespräche grübelte sich mein Gehirn fast zu Tode. Die ständige Suche nach dem richtigen Wort und dem korrekten Satzbau war eine ermüdende Angelegenheit. UFF!

An Wochenenden versammelten sich Schüler und Lehrer öfter zu den English Camps, bei denen Englisch lernen immer am meisten Spaß gemacht hat, weil es mit Bewegung und besonderen Projekten aufgefrischt wurde. Das ist eine Stärke der Thailänder: ihre Gemeinschaft zu stärken. Mit meinen Freunden aus der AFS-Gruppe besuchten wir uns gegenseitig und halfen aus, was bedeutete, dass wir gegenseitig unsere Schulen und Gastfamilien gesehen haben. Doch für die harte Arbeit in der Schule wurde ich mit dem Unterricht für Thai Kochen, Kunst und Sprache entschädigt. Für dieses Angebot war ich sehr dankbar, da es nicht nur Spaß, sondern auch Abwechslung bedeutete. Meine Adviserin Pi Ni On organisierte diesen Unterricht für mich. Als meine Ansprechperson vor Ort half sie mir zum Beispiel die Gastfamilie zu wechseln, gab mir einige Tipps, wie ich meinen Unterricht gestalten könnte und letztendlich war sie diejenige, die mich nach Hause fuhr, wenn Pi Nutch mal nicht konnte. Obwohl AFS Deutschland nicht kompetenter hätte sein können und ich mich da so sicher, wie in Mamas Schoß fühlte, war Pi Ni On meine Hilfe vor Ort. Ich unterrichtete einige ihrer elften Klassen und zusammen führten wir die English Drama AG ein, bei der zum Schluss englische Märchen aufgeführt wurden. Meine Koordinatorin und Pi Ni On haben viel Erfahrung mit Ausländern und sind offen und tolerant anderen Sitten gegenüber. Obwohl ich mich mit ihnen gut verstanden habe, versuchte ich meine Unabhängigkeit zu wahren und Entscheidungen selbst zu treffen, wann es ging.

Meine Rolle als Lehrerassistentin

Gerade in der Anfangszeit beschäftigte ich mich viel mit meiner Rolle an der Schule. Englischsprachige Lehrerassistentin. Den Unterricht leitete ich selbständig, nur selten unterstützten mich Lehrer im Unterricht. Ich korrigierte selbst, gab Noten und bereitete den Unterricht vor. Mit dieser Lösung waren beide Seiten zufrieden. Zum anderen war mir nicht ganz klar, was genau die Erwartungen an eine Lehrerassistentin sind. Man sprach von einer Art Freundin für die Schüler, die diese zum Englisch sprechen motiviert. Allerdings musste ich zum Teil streng werden, um die 50 Schüler im Klassenraum zu kontrollieren, da fiel es mir schwer dann noch eine nicht autoritäre Freundin außerhalb des Unterrichts zu sein. Also steckte ich im Zwiespalt und versuchte das Richtige für mich zu finden. Alles selbst zu entdecken war sowieso eine Art Motto dieses Freiwilligendienstes!

Etwas Erholung und die Entdeckung des Landes

Zum Glück hat man im Lehrerberuf genug Ferien! Hier konnte ich mich vom Alltag wegreißen und meine Wege gehen, aber nur selten alleine. Mit meiner Gastfamilie besichtigten wir historische Städte wie Sukhothai und Tak, schlichen uns durch den Dschungel und badeten im Becken, wo der schönste Wasserfall Thailands auftrifft – der Ti Lo Su an der Grenze zu Myanmar. Während unseres Midstay- und des End-of-stay-Camps hatten wir Gelegenheit, in der gesamten Gruppe die atmosphärische Stadt Chiang Mai im Norden und Cha-Am an der Küste zu besichtigen. Doch am prägendsten waren die Ausflüge in der kleinen Freundesgruppe! Im Oktober flohen wir vor dem Hochwasser in den Süden an Orte wie Goh Tao und Krabi, wo man andere Dialekte und Mentalitäten kennengelernt hat. Die großen Ferien im April glänzten mit der Tour durch Kambodscha und Vietnam. Kambodscha ist dabei sich von der dunklen Vergangenheit des Pol-Pot-Genozides und der Khmer Rouge zu erholen. Vietnam trägt immer noch tiefe Wunden des Krieges davon. Thailand dagegen hat eine ruhige Vergangenheit, was man stark spüren kann, weil die Menschen sehr hilfsbereit und freundlich zu einander sind. Fast nie habe ich mich in Thailand unsicher gefühlt! Jedoch war die Reise in die Nachbarsländer sehr eindrucksvoll, da man einen anderen Landschaftsstich sah, unterschiedliche Spezialitäten ausprobierte und neue Sprachen hörte. Vor allem war es spannend, nach der Reise zurück nach Thailand zu kommen und zu merken, wie sehr man sich hier schon auskennt und wohlfühlt! Nach acht verbrachten Monaten fühlte sich das Land wie zu Hause an und dieses warme Gefühl wurde mir von den Thailändern selbst gegeben, durch ihre Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Meine Gastgeschwister stürzten sich jedes Mal auf mich, wenn ich von einem Trip nach Hause kam. Wir spielten zusammen, lernten Englisch und Thai und machten kleine Fahrradtouren durch die Gegend. Für meine Gastfamilie empfinde ich sehr große Wertschätzung, weil sie mir Halt und Geborgenheit geben konnte. Die gesamte Familie war verständnisvoll und geduldig mit mir, besonders am Anfang, als mein Thai so schlecht war, dass sie langsam, einfach und deutlich reden mussten. Obwohl ich allein mit Pi Nutch, einer 44-jährigen, nicht verheirateten Frau gelebt habe, war ich immer unter Menschen, weil sie zehn Geschwister hat, die Kinder und Enkelkinder haben und fast alle in der Nachbarschaft wohnen. Diese Familie sprengte anfangs alle meine Vorstellungen von einer großen Familie! Wooow!

Freundschaften und Kultur

Nach etwa sechs Monaten wurde das Leben in Thailand sehr angenehm, weil ich einige Freundschaften geschlossen hatte und die Zeit nach der Schule frei gestalten konnte. Ab und zu unternahm ich etwas mit Boom und seinen Freunden oder mit Nam, einer jungen Lehrerin aus China, mit der ich schwimmen ging und an Wochenende öfter verreiste, z. B. nach Nakhon Sawan zum chinesischen Neujahr. Die Freundesrunden waren meist sehr interkulturell gemischt mit Vertretung aus Amerika, Schottland, Frankreich, Deutschland, Thailand, China, den Philippinen und Korea. Das war ein großes Glück für mich, weil ich so nicht nur Thailand erlebte, sondern auch viele weitere Nationen. Wir konnten voneinander Sprachen lernen, füreinander kochen und gemeinsam über das herausfordernde Einleben in unserer neuen Heimat sprechen. Darüber zum Beispiel, wie es ist, in Thailand ständig als Ausländerin aufzufallen und auch so benannt zu werden - allein wegen der helleren Haar- und Hautfarbe, der anderen Körperstatur und Augenfarbe.

Auch wenn die thailändische Kultur mir bis zum Schluss Fragezeichen ins Gesicht malte, habe ich doch so Einiges gelernt – andere Denkweisen und Handlungsmuster, die weder richtig noch falsch sind, sondern nur anders als die deutsche Art. Die Werte und Normen, die ich aus meinem Geburtsland Ukraine und aus Deutschland, wo ich jetzt schon seit 9 Jahren lebe, kenne, sind keineswegs natürlich. Sie sind von der jeweiligen Kultur abhängig. Und genau deshalb ist es wichtig, dass Jugendliche wie ich die Möglichkeit haben, ein Schuljahr oder einen Freiwilligendienst in anderen Ländern abzuleisten. Schließlich können sie Offenheit und Toleranz für Neues lernen und damit zu einer neuen, besseren Gesellschaft beitragen. Sie haben nicht nur mehr Chancen für sich selbst, sondern lernen Hilfsbereitschaft und Zusammenarbeit. Sie tauschen den komfortablen deutschen Lebensstandard gegen den des Gastlandes und lernen mit weniger auszukommen, damit andere mehr haben. Sie sind die Drehscheiben zwischen den Kulturen. Das ist das Lernen voneinander und miteinander, weiterhin global verbunden über E-Mails und Facebook. Wer sollte schon bei einer starken internationalen Vernetzung von sozialen Kontakten noch Interesse am Krieg haben? Ich nicht! Weil ich mich selbst davon überzeugen konnte, was genau die Entwicklungsarbeit bewirkt, würde ich gern mehr Menschen motivieren ähnliche Erfahrungen zu machen.

Jetzt kann ich auch hinter dem Prinzip von AFS stehen, da diese Organisation auf eine Unterbringung in Gastfamilien besteht. Denn das war meine Tür zur thailändischen Kultur. Das würde ich als Seminarleiterin bei Vor- und Nachbereitungen, die zu so einem Auslandsjahr gehören, gern an zukünftige Freiwillige weiterleiten. Unter anderem, um in Verbindung mit vielen großartigen Menschen zu bleiben, die ich während des Jahres kennengelernt habe. Damit jedes Mal, wenn wir uns treffen, wir an die holprigen Pick-up-Fahrten, Reis, Hitze bis zu 45 °C, das Big Mountain Music Festival, die Motorcycle-Taxis, die Stinkefrucht, das Meditationscamp, Palmen, lange Bus- und Zugreisen, die Sonnenauf- und Untergänge, farbige Unterwasserwelten, Berge über den Wolken, Hilfsbereitschaft, das Som Tam, den Monsunregen, die Full-Moon-Party, die Fruchtshakes, die respektvolle Art der Thais, die zahlreichen English Camps, den Sprung von den Klippen und an viele weitere Überwindungen, an das Bier mit Eis, das Lächeln, an die dunklen seidigen Haare und glänzende schwarze Augen, den „Teacher, I love you“-Satz, das Hochwasser, das Vater-Abraham-Lied,  die Tempel, Buddhas und Mönche in senfgelben trichivaras, das Swensen´s Eis, Geckos, Schlangen und Skorpione, Chilischoten, die Karaokeabende, unsere Gastfamilien, Freunde, Kollegen und Schüler und natürlich an den König Bhumibol Adulyadej zurückdenken und uns melancholisch nach Thailand zurück sehnen.