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Türkiye’ye Hoşgeldiniz!

Paul, Türkei, 2012/13,

Türkiye’ye Hoşgeldiniz!

Aydın, die Stadt, in der ich für ein Jahr lebe, hat circa 200.000 Einwohner, was eine angenehme Größe ist. Mittlerweile sind gut dreieinhalb Monate vergangen, in denen mir ein paar Dinge besonders aufgefallen sind.

Die türkische Gastfreundschaft ist nicht nur irgendein Schlagwort, sondern tatsächlich ein wichtiges Element des türkischen Lebens. Wann immer wir Gäste erwarten, bemüht sich meine Gastmutter sehr, dem Besuch vielfältiges und leckeres Essen anbieten zu können. Insgesamt sind die Deutschen- so mein Eindruck - stärker in sich gekehrt und weniger offen als die Türken. Und wenn ein Uhrmacher für eine kleine Reparatur an meiner Uhr kein Geld nehmen will, ist auch klar, dass die Menschen sich in der Türkei noch irgendwie näher sind.

Familie spielt eine große Rolle

Auch die Familie selbst ist hier sehr wichtig; sehr viel Freizeit wird gemeinsam mit der engeren und weiteren Verwandtschaft verbracht. In meiner Gastfamilie habe ich ein besonders eindrückliches Bespiel für diesen Familiensinn erlebt. In der Türkei ist es Tradition, dass ein Jahr nach dem Tod eines geliebten Menschen die Familie zusammenkommt. Auf der Straße wird Passanten Lokma (süße frittierte Teigbällchen) zur Erinnerung an den Toten angeboten und die Frauen der Familie machen im Haus einen Korankreis, während die Männer draußen warten. Auch wenn der Anlass für dieses Zusammensein sehr traurig war, war ich sehr positiv von dem Familienzusammenhalt beeindruckt. Diesen Tag werde ich bestimmt nicht so schnell vergessen.

Insgesamt ist es schwer, die Unterschiede in Geisteshaltung und Miteinander zu beschreiben. Deutlich werden diese am ehesten, wenn Menschen sich dafür interessieren, wo ich herkomme, was ich hier mache und wie mir so gefällt. Bekannte oder Verkäufer in Geschäften fragen mich dann, ob es irgendwelche Probleme gäbe. Falls es eins gibt, ist es Ehrensache, mir bei der Lösung zu helfen.

Religion für jüngere Leute weniger wichtig

Als AFS-Schüler befindet man sich eigentlich immer in der säkularen Mittelschicht der Westtürkei, deshalb sind von meiner Seite Aussagen zu den politischen Vorstellungen der türkischen Bevölkerung sicher verzerrt. Tatsächlich habe ich aber noch keinen Fan der AKP-Regierung getroffen. Von der Großmutter in meiner Gastfamilie werden die religiösen Vorschriften des Islam streng befolgt, aber für die jüngeren Familienmitglieder spielt die Religion im Alltagsleben keine größere Rolle als bei uns.

Es gibt die drei großen Fußballvereine Galatasaray, Beşiktaş und Fenerbahçe, allesamt aus Istanbul. In der Türkei sind die so wichtig, dass ich mich nicht wundern würde, wenn irgendwann der Lieblingsclub im Pass eingetragen wird. Für Jung und Alt ist Fußball ein wichtiges Thema; auch das ist nicht viel anders als in Deutschland. Die Duelle zwischen den verschiedenen Schulen der Stadt sind aber auch immer einen Besuch wert, egal ob Basket-, Volley- oder Fußball.

Ähnliche Freizeitgestaltung wie in Deutschland

Türkische Jugendliche verbringen wohl mehr Zeit mit Lernen als deutsche, aber ihre Freizeit gestalten sie ganz ähnlich. So erfreuen sich die Modeshows von Victoria’s Secrets großer Beliebtheit unter türkischen Jugendlichen, egal welchen Geschlechts. Ansonsten treffen sie sich mit Freunden in der Stadt oder zu Hause. Aber nicht nur mit Freunden, auch mit Nachbarn oder Verwandten verbringen sie viel Zeit, meist treffen sich dann auch ganze Familien daheim.

Insgesamt glaube ich, dass die meisten Deutschen die kulturellen Unterschiede überschätzen. Zumindest die Städte der Westtürkei sind westlicher als so manch deutsches Dorf.

Bei mehr Interesse an der Türkei kann ich das Buch „Istanbul, mit scharfer Soße?“ der Illustratorin Alexandra Klobouk wärmstens empfehlen. Es zeigt, im Gegensatz zu „Kulturschock: Türkei“ von Manfred Ferner, ein realistisches und auch amüsantes Bild der türkischen Kultur.

Die kleinen Dinge machen es schön

Eine Zwischenbilanz: Insgesamt geht es mir sehr gut in der Türkei. Es sind die kleinen Dinge, wie eine kleine Überraschungsparty mit engen Freunden, die das Leben hier so schön machen. Auch ist es ein tolles Gefühl, zu merken wie mein Türkisch jeden Tag ein bisschen besser wird. Desweiteren ein schönes Erlebnis war das Camp mit AFSern, die dieses Jahr in der Türkei sind. Eine Woche lang waren wir in einem sehr schönen Hotel am Strand und haben über unsere Erfahrungen gesprochen, Türkisch gelernt und eine gute Zeit gehabt. Ein großes, negatives Ereignis hatte ich bis jetzt noch nicht, es gibt aber immer wieder Momente, in denen Leute annehmen, ich würde sie immer verstehen und dann sauer werden, wenn ich ihren Anweisungen nicht folge.

Zukünftige AFSer sollten die Türkei auf jeden Fall als Gastland vorurteilsfrei in Erwägung ziehen. Wir alle sind in Städten mit über 100.000 Einwohnern gelandet und lernen eine Sprache, die wir im Alltag daheim tatsächlich gebrauchen können. Die Wechselkurse ermöglichen ein entspanntes Leben. Auch Wetter, Essen und Leute sprechen auf keinen Fall gegen die Türkei.

Zum Schluss möchte ich ein großes Dankeschön an AFS und besonders Mercator richten. Ich hoffe, ich konnte mit meinem Bericht meinen Dank ansatzweise zeigen.