AFS-Erfahrungsbericht Schüleraustausch Türkei
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In vielen Situationen bin ich viel gelassener und toleranter als vorher

Vincent, Türkei, 2016, Schuljahr im Ausland mit Mercator-Stipendium

Am 19. Juni 2017 bin ich nach insgesamt fast 10 Monaten Austauschaufenthalt aus der Türkei nach Hause zurückgekehrt. Dies war eine ausreichend lange Zeit um tiefgreifende Erfahrungen und Eindrücke von der Kultur und der Religion des Landes zu sammeln. Ein kürzerer Zeitraum hätte mir sicher weniger Möglichkeiten verschafft die Lebensweise in der Türkei zu verstehen. Rückblickend kann ich sagen, dass das Leben in der Türkei sehr große Unterschiede zu meinem bisherigen Leben in Deutschland gezeigt hat.

Meine zwei Gastfamilien

Da ich meine Gastfamilie einmal in der Mitte meines Austausches wechseln musste, was mir zu dem Zeitpunkt jedoch sehr schwer gefallen ist, kann ich heute sagen, dass der Einblick in zwei sehr unterschiedliche türkische Familien mein Verständnis für die türkische Kultur sehr verstärkt hat. Meine Gasteltern in der ersten Gastfamilie sind sehr europäisch geprägt und reisen sehr viel und gerne. Auch war die wirtschaftliche Situation der Gastfamilie sehr gut, da der Gastvater in einer leitenden Position in einer Privatklinik arbeitete. Das hat sich sehr auf das Familienleben ausgewirkt. Es war ziemlich normal für die Kinder im Haushalt zu helfen, wie auch in meiner deutschen Familie. Auch die Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern war sehr europäisch. Es wurde sehr direkt miteinander gesprochen und auch mit mir als Austauschüler wurde größtenteils auf die europäische, direkte Art kommuniziert, die in der Türkei sonst eher unüblich ist. Ich konnte mich in dieser Familie, da sie sehr ähnlich zu meiner leiblichen Familie war und alle Familienmitglieder mit mir Englisch gesprochen haben, sehr schnell zuhause fühlen.
 
Meine zweite Gastfamilie hat deutlich traditioneller gelebt. Die Kinder waren kaum bis gar nicht am Haushalt beteiligt und wurden mehr behütet, so musste auch ich, wenn ich mit Freunden unterwegs war um sechs Uhr zuhause sein. Der größte Unterschied zu meiner deutschen Familie war hier allerdings die Kommunikation zwischen Familienmitgliedern und vor allem mit mir. In der türkischen Kultur werden viele Dinge nicht, wie in Deutschland üblich, wörtlich ausgesprochen, sondern dem Gegenüber auf anderem Wege übermittelt. So kam es am Anfang zwischen mir und meiner Gastfamilie häufig zu Missverständnissen und es fiel mir schwerer, mich in der Familie einzuleben, ich hatte bis zum Schluss Schwierigkeiten, auf diese Art der Sprache einzugehen und auch selber diese "nonverbale Sprache" zu sprechen. Denn das Lernen und Sprechen einer Fremdsprache allein, in meinem Fall Türkisch, ist schon eine Herausforderung, aber wenn man schon eine Sprache gelernt hat, möchte man die Sprache natürlich auch so gebrauchen, dass man zu seinen Mitmenschen und vor allem der Gastfamilie höflich und respektvoll ist.

Respekt und Smalltalk in der Türkei

Mir ist in der Türkei aufgefallen, dass der Umgang miteinander und besonders mit älteren Menschen sehr respektvoll und hilfsbereit ist. So wird für ältere Menschen z.B. im Bus grundsätzlich der Sitzplatz frei gemacht und aufgestanden oder am Bahnhof das Gepäck getragen. In Deutschland würde mir zwar niemand, der mich nicht kennt, einfach sein Gepäck geben, aber die Offenheit anderen bekannten oder unbekannten Menschen zu helfen (wenn sich dies ergibt) möchte ich in Deutschland weiterhin beibehalten. Mir ist es in der Türkei deutlich leichter gefallen, eine Konversation aufzubauen, und ich habe sehr viel Smalltalk gelernt, zumal das auch das war, was ich auf Türkisch am besten kann, aber es ist in der Türkei auch üblich, wenn man sich nur flüchtig kennt, trotzdem miteinander Höflichkeiten auszutauschen und zu sprechen, wenn man sich trifft, und da bleibt einem häufig nichts anderes übrig, als Smalltalk.

Meine Erfahrungen im Austauschjahr zeigen Wirkung

Während ich in der Türkei lebte habe ich viel über andere Länder und Kulturen, nicht nur die türkische, nachgedacht. Mir ist mehr und mehr klargeworden, wie glücklich ich mich schätzen kann, in einem europäischen Land aufzuwachsen. Ich habe sehr viele Chancen auf kostenlose Bildung und viele einfach zu erreichende Güter. Als Europäer habe ich viele Rechte und Freiheiten, die Menschen aus anderen Teilen der Welt möglicherweise nicht haben.
 
Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich mich während meines Austauschjahres und in den inzwischen 3 Monaten danach persönlich weiterentwickelt habe. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, wirken sich zum jetzigen Zeitpunkt bereits auf meinen Umgang mit Menschen in meiner direkten Umgebung aus. In vielen Situationen bin ich viel gelassener und toleranter als vorher.
 
An dieser Stelle möchte ich mich nochmals ganz besonders bei der Stiftung Mercator bedanken, dass sie mir dieses Auslandsjahr mit einem großzügigen Stipendium ermöglicht hat.