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Mein zweites Zuhause

Vivian, Türkei, 2012/13,

Mein zweites Zuhause

Seit genau 31 Tagen bin ich wieder in Deutschland und beginne, mich wieder in einen ganz normalen Alltag in meiner Heimat einzuleben. Erst hier zurück bemerke ich, wie ich mich überhaupt während dieses Jahres verändert habe. Ich nehme wahr, was für mich innerhalb meines Auslandsjahres normal war oder Normalität geworden ist. Für mich ist Istanbul zu einem zweiten Zuhause geworden. Ich möchte meine türkische Familie und auch meine Freunde dort gar nicht mehr missen. Ebenso all die emotionalen Hoch- und Tiefpunkte, die ich mit ihnen geteilt habe.

Meine Gastfamilie

Gastschüler mit seiner Gastmutter in der Türkei

Meine Gastfamilie bestand aus meinem Gastvater, der als Zahnarzt arbeitet, meiner Gastmutter, die Managerin bei einer großen türkischen Molkerei ist, meiner 22-jährigen Gastschwester Yasemin, die zurzeit studiert und meinem 18-jährigen Gastbruder Ege, der wie ich noch Schüler ist. Oft war der Umgang miteinander in der Familie gar nicht mal so verschieden zu dem in Deutschland, jedoch haben auch noch meine Tante und mein Onkel eine wichtige Rolle in der Familie gespielt, als Vorbilder und wichtige Ratgeber. Ich hatte das Gefühl, dass mein Gastbruder, auch wenn er schon 18 war, noch nicht als Volljähriger behandelt wurde. Es wurde noch nicht von ihm erwartet, selbständig zu sein und seinen eigenen Weg zu gehen. Insgesamt kam es mir so vor, dass die wichtigen Entscheidungen nie ohne die Einstimmung der Eltern erfolgten. Meine Eltern waren in dem Sinne modern, als dass beide gearbeitet haben und meine Gastmutter bei familiären Entscheidungen eine dominante Rolle spielte. Auch durch persönliche Tiefschläge innerhalb des Jahres habe ich tiefes Vertrauen in sie bekommen und Geborgenheit gefühlt. So haben sie mich beim plötzlichen Tod eines Familienmitglieds sehr stark unterstützt und emotional begleitet.

Die Schule

AFS-Austauschschüler Vivian mit seiner Klasse an einer Schule in der Türkei

In meiner Schule hatte mich zuerst die Lehrer-Schüler-Beziehung ein wenig verwundert. In der Türkei ist es üblich, die Lehrer mit ihrem Vornamen anzusprechen und persönliche Gespräche mit ihnen zu führen. Ich fühlte mich durch diese persönliche Atmosphäre wohler und in der Schule schneller integriert.

Freunde

Für mich selbst war es nicht allzu schwer, Freunde zu finden, da die türkische Kultur sehr gastfreundlich ist. Ob sich die Freundschaft insgesamt in der Türkei im Vergleich zu Deutschland unterscheidet, kann ich nicht vollständig beurteilen. Ich denke, dass Freundschaften überall auf der Welt entstehen können und für mich Freundschaft in meinem Gastland genau das Selbe wie in Deutschland bedeutet. Wie bei jeder Sache sind auch Konflikte nicht immer zu vermeiden. Mir ist aufgefallen, wie unterschiedlich die Kommunikation bei Konflikten in beiden Kulturen sein kann. Ich habe wahrgenommen, dass das Konfliktverhalten in der Türkei sich von dem in Deutschland unterscheidet. Deutsche gehen Konflikte generell eher offen an oder suchen oft auch nach Fehlern, die es manchmal gar nicht gibt oder die nicht so schwerwiegen sind. In der Türkei ging es eher darum, das Gesicht des anderen zu wahren und den anderen nicht direkt vor den Kopf zu stoßen.

Was hat sich verändert?

Am Ende meines Auslandsjahres wurde mir bewusst, wie mich dieses Auslandsjahr in meiner persönlichen Entwicklung geprägt hat. Ich habe den Eindruck, dass ich selbstbewusster oder gefestigter auftrete und entschiedener Verantwortung übernehmen kann. Mir fällt es leichter, auf fremde Menschen zuzugehen, um mit ihnen in Kontakt zu treten, etwas Neues zu entdecken oder anzupacken. Innerhalb dieses Jahres sind mir Dinge über Deutschland aufgefallen, die mir vorher nicht bewusst waren. Zum Beispiel wurde mir bewusst, wie gut gesichert man in Deutschland lebt und was einem alles geboten wird. Ich fühle mich nach diesem Jahr Deutschland mehr verbunden als je zuvor, aber genauso der Türkei, sodass ich beide Länder schätze mit ihrer jeweiligen Kultur und ihren Vor- und Nachteilen. Ich schätze an meiner Herkunftskultur vor allem die Offenheit und Direktheit der Menschen und die Freiheit, mit der ich meinen eigenen Weg gehen und meine Meinung äußern darf. An der türkischen Kultur schätze ich vor allem den starken familiären Zusammenhalt und das gute Essen.

Mein Fazit

Am Ende des Jahres kann ich guten Gewissens sagen, dass ich in der Türkei gute Freunde und eine neue Familie gefunden habe. Hiermit möchte ich mich nochmal ganz herzlich bei der Mercator Stiftung bedanken, dass sie mir diese vielfältigen neuen Erfahrungen und Erlebnisse erst ermöglicht hat. Ein großes Dankeschön!