Erfahrungsbericht Auslandsjahr

Mein Austauschjahr in Ungarn

Frowin, Ungarn, 2016, Schuljahr im Ausland mit Deutsche Postbank-Stipendium
Beim Wakeboard-Fahren an einem nahe gelegenen See

Ich bin 15 Jahre alt und verbringe mit AFS ein Auslandsjahr in Ost-Ungarn. Für mein Auslandsjahr habe ich von der Deutschen Postbank AG ein Stipendium erhalten. Ich komme aus Bonn und wohne hier in Nyíregyháza, einer mittelgroßen Stadt mit 120.000 Einwohnern. Für Ungarn habe ich mich entschieden, weil ich sehr gerne Gitarre spiele und es hier die Möglichkeit gab, das AFS-Auslandsjahr mit einem Musikprogramm zu verbinden.

Die ersten Eindrücke

Ich lebe hier in einer momentan kleinen Familie, da einer meiner beiden Gastbrüder in Dänemark studiert und der andere gerade ein Auslandsjahr in Belgien macht. Also wohne ich hier alleine bei meinen Gasteltern. Ab und zu allerdings besuchen wir entweder meine Gastoma, oder sie kommt uns besuchen.

 

Als ich hier angekommen bin, war es erstmal sehr warm. Im Sommer ist es hier wärmer und im Winter, wie momentan zum Beispiel, auch kälter als in Deutschland. Nur wenige Ungarn beherrschen Fremdsprachen. Deswegen muss ich mich, wenn ich mich mit jemandem unterhalten will, meistens auf Ungarisch unterhalten. Zum Glück sprechen aber viele meiner Mitschüler Englisch, was das Freunde finden am Anfang sehr erleichtert hat. In den ersten Tagen meines Auslandsaufenthaltes war ich auf einer Klassenfahrt mit älteren Schülern zusammen. Obwohl ich niemanden kannte, hatte ich bereits nach diesen 3 Tagen viele Freunde. So konnte die Schulzeit beginnen.

 

Jetzt nach 4 Monaten habe ich sehr viele Freunde und Bekannte, nicht nur aus meiner Schule, sondern auch viele, die ich außerhalb der Schule kennengelernt habe. Ich besuche ab und zu einen Jugendclub, in dem ich einige Freunde gefunden habe. Jetzt beherrsche ich auch schon soweit Ungarisch, dass ich zum Beispiel neulich mit unserem alten Nachbarn, der natürlich nur Ungarisch spricht, ein ziemlich langes Gespräch führen konnte. Außerdem besuchte ich am Anfang einen Judo-Verein, womit ich aber aufgehört habe, seit ich mir dort meinen linken Daumen gebrochen habe. Das Resultat war, das ich einen Monat einen Gips tragen musste. Das hat mich – trotz der Bedenken meiner Gastmutter – aber nicht davon abgehalten, gleich am nächsten Wochenende an einer Kletter- und Wandertour in Slowenien teilzunehmen. Meinen Gitarrenunterricht allerdings, den ich sonst zweimal wöchentlich bekomme, musste ich für diesen Monat ausfallen lassen.

Der Schulalltag

Hier sieht man mich mit einem Teil meiner Schulklasse (9. von rechts, neben dem Lehrer)

In den ersten Tagen war es sehr schwer für mich, so früh aufzustehen, da die Schule schon um 7:30 beginnt. In Deutschland stehe ich normalerweise zwischen 7 und halb 8 Uhr erst auf. Jetzt habe ich mich jedoch schon etwas daran gewöhnt, und dass ich mittwochs und freitags nicht direkt in der ersten Stunde Unterricht habe, ist schon sehr angenehm. In den Klassen an meiner Schule sind jeweils ungefähr 40 Schüler, und jeder Jahrgang hat 4 Klassen. Die Schule gilt als eines der besten Gymnasien in Ungarn, deswegen müssen die Schüler sehr viel lernen. Es gibt in jedem Jahr mehrere Austauschschüler an dieser Schule, deswegen sind die meisten Mitschüler bereits an Austauschschüler gewöhnt. Doch da in Ungarn das Schulsystem anders ist, tritt man entweder in der siebten oder in der neunten Klasse ins Gymnasium ein.

 

Die ungarischen Schüler sind offen, aber am Anfang ist es nicht sehr leicht, mit ihnen auf Englisch zu kommunizieren, da sie Angst haben, Fehler zu machen. Deswegen habe ich am Anfang meines Jahres eigentlich nur mit denen gesprochen, die schon sehr gut Englisch konnten. Doch je mehr sie gemerkt haben, dass ich Ungarisch lerne und mir es völlig egal ist, ob ich Fehler mache oder nicht, desto "tapferer" wurden auch sie.

Das Leben in Nyíregyháza

Sich in Nyíregyháza zurecht zu finden, ist nicht sehr kompliziert, und ich kann mich inzwischen völlig problemlos orientieren und jedes Ziel in der Stadt finden. Ich fahre eigentlich immer Fahrrad, da die Busse sehr unregelmäßig kommen und ich mit dem Fahrrad meistens sowieso schneller bin.

 

Das Leben hier ist auf den ersten Blick gesehen nicht sehr unterschiedlich von meinem Leben in Deutschland: Schule, lernen (hier Ungarisch anstatt für Schulfächer), Freizeit, Freunde... Trotzdem brauche ich mehr Schlaf, um erholt zu sein. Dieses Problem habe ich besonders in den ersten Tagen unterschätzt. Ich versuche meine Zeit hier so gut auszunutzen wie nur möglich. Deshalb unternehme ich sehr viel mit meiner Familie (Zoo, Bergwanderungen, Stadtbesichtigungen...), und mit meinen Freunden mache ich auch viele Sachen zusammen - angefangen vom Kaffeetrinken im Stadtzentrum, Gesellschaftsspiele-Nacht, Fahrradtour bis zum LEGO Wettbewerb.... Meine Gastfamilie ist sehr nett und lustig. Bisher hatten wir sehr viel Spaß zusammen.

 

Die ungarische Küche gefällt mir sehr, ich mochte eigentlich bisher jedes Gericht. Die Sprache ist natürlich wie erwartet kompliziert. Aber zum Glück nicht unlernbar. Wie schon gesagt, kann ich inzwischen sogar schon ganz gut kommunizieren. Einmal habe ich mein Portemonnaie verloren. Fast jeder, dem ich es erzählt habe, hat versucht mir auf irgendeine Weise zu helfen. Wir mussten zur Polizei, um es zu melden und anschließend noch, wie ganz am Anfang des Jahres, zum Immigrationsamt. Schlussendlich wurde sogar in zwei lokalen Radiosendern ausgestrahlt, dass ich mein Portemonnaie vermisse. Wiederbekommen habe ich es leider trotzdem nicht.

Jugendkultur

In der Schule mit zwei guten Freunden

Die Jugendlichen hier gehen sehr unterschiedlichen Beschäftigungen nach. Die einen treiben Sport, die anderen machen Musik, lernen Fremdsprachen und treffen sich mit Freunden. Doch wenn man etwas macht, dann wird es sehr ernst genommen und man macht es auch mehrere Male die Woche. Anders als in Deutschland benutzen nur die wenigsten hier WhatsApp. Aber dafür besitzt jeder einen Facebook-Account. Ich habe, glaube ich, noch niemanden hier getroffen, der keinen Facebook-Account besitzt. Die Jugendlichen hier nutzen, wie in Deutschland auch, viel Instagram und Snapchat. Damit ist verbunden, dass hier jeder ein Smartphone besitzt. Am Wochenende sind fast alle Kneipen voll von Jugendlichen, und Hauspartys sind auch sehr beliebt.

 

Wenn ich wieder nach Hause komme, werde ich wahrscheinlich sehr viel erzählen, aber sicher besonders häufig die Geschichten von meinem gebrochenen Daumen und meinem verlorenen Portemonnaie. Vielleicht auch von meinen zukünftigen Konzerten, die ich haben werde, da ich vorhabe, hoffentlich noch diesen Monat in eine Band einzutreten.

Mein Rat an zukünftige Austauschschüler

Allen zukünftigen AFS-Austauschschülern kann ich nur empfehlen: Lernt die Sprache des Gastlandes. Spricht man die Sprache nicht, ist es schwieriger Freunde zu finden, was dazu führt, dass man Zuhause bleibt und sich langweilt. Dadurch schließt man sich aus von den Abenteuern, die man in dieser Zeit erleben könnte. Besonders wenn die Leute merken, dass du versuchst, ihre Sprache zu lernen, werden sie freundlicher und offener und versuchen, dir zu helfen.

 

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei AFS und der Postbank, von der ich ein Vollstipendium für mein Auslandsjahr erhalten habe, bedanken. Denn ohne sie wäre ich nicht dazu in der Lage gewesen, dieses Auslandsschuljahr zu machen, diese ganzen Erfahrungen zu sammeln und besonders die vielen neuen Menschen und Freunde kennen zu lernen.