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Die ersten Tage und Wochen fühlte sich alles so surreal an

Maria, Vereinigte Staaten von Amerika, 2010/11,

Die ersten Tage und Wochen fühlte sich alles so surreal an

Mein Austauschjahr fing mit einem kleinen Schock an. Nach unserem Arrival-Camp in Eugene, Oregon, wurden alle Austauschschüler darauf vorbereitet, die zukünftigen Gastfamilien kennen zu lernen. Viele Menschen waren da, aber mir wurde mitgeteilt, dass meine Familie noch nicht da war und sie nicht erreichbar seien. So musste ich ungefähr dreißig Minuten warten, bis auch ich meine Familie endlich persönlich kennen lernen konnte - aber es fühlte sich sehr viel länger an.

Verständigungsprobleme im Einkaufsparadies

Dann stand mir eine zweistündige Autofahrt bevor mit Leuten, die ich nie zuvor gesehen hatte und die ich, sogar wenn sie sehr langsam sprachen, kaum verstehen konnte. Auf dem Weg zu meinem neuen Zuhause hielten wir bei Walmart, unsere Haupteinkaufsquelle, wie ich später herausfand. Alles war neu und aufregend und es war so viel wärmer als ich gedacht hatte. Dem entsprechend war ich also viel zu warm angezogen und versuchte niemanden merken zu lassen, wie sehr ich schwitzte. Im Supermarkt war ich dann erst einmal erschlagen von der Grosse und Auswahl. Selbst die Milchkanister sind riesig im Vergleich zu unseren ein Liter Packungen. Walmart ist ein Paradies, wo man einfach alles kaufen kann. Es gibt Lebensmitten, Klamotten, Spielsachen, Hygieneartikel, Kosmetikartikel und sogar Möbel.

Wir waren an dem Tag aber nur da um ein paar Lebensmittel und Bettwäsche und Kissen für mich zu kaufen. Mit der Bettwäsche gab es dann auch die ersten Sprachschwierigkeiten. Meine Mutter versuchte mir zu erklären, dass ich die Farbe meiner neuen Bettwäsche selber aussuchen könne. Was ich zu der Zeit allerdings nicht verstand, war, warum sie sowohl ein Spannbettlaken als auch ein großes normales Laken kauften, aber keine Bettbezüge. Jetzt weiß ich natürlich, dass das Spannbettlaken über die Matratze gehört und das andere Laken und Wolldecken anstelle von einer Daunendecke dienen. So viel dazu.

Nach dem abenteuerlichen ersten Mal Walmart ging es auf zum Sandwichladen Subway. Leider wollte meine Gastmutter, dass ich selbst entscheide und bestelle. Ich war aber noch nie in meinem Leben bei Subway gewesen und wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte. Außerdem hatte ich Angst etwas falsch auszusprechen. Ich konnte sie zum Glück davon überzeugen für mich einfach das Gleiche zu bestellen wie für sie selbst, da ich ja sowieso nicht wusste, wie etwas schmecken würde. Ich denke immer noch, dass dieses Sandwich das Beste von Subway ist, obwohl ich es jetzt selber und mit „flatbread“ anstelle von normalem Brot bestelle.

Riesige Weiden, viele Schafe und ein winziges Dorf

Als wir dann endlich in Sutherlin, meinem Heimatdorf hier, ankamen, sah ich wie klein das ganze Dorf wirklich ist. Ich war geschockt. Das Einzige, was es in der Innenstadt gibt, ist ein winziger Kiosk und ein Frisör. Außerdem gelangten wir mehr und mehr aufs Land, weiter weg von den asphaltierten Strassen. Schließlich hielten wir an einem kleinen ursprünglich weißen, mit der Zeit aber verblichenen Haus. Es standen zwei andere Autos vor der Garage und in dem großen Garten hörte man einen der Hunde schon weit entfernt bellen. Weiter weg hinter dem Haus konnte man die riesigen ausgetrockneten Weiden mit vielen Schafen sehen. Die ersten Tage und Wochen fühlte sich alles so surreal an. Ich fühlte mich, als würde ich Urlaub machen und bald wieder in den Flieger zurück nach Hamburg steigen.

Auch die Tatsache, dass ich die ersten drei Wochen noch keine Schule hatte und mit meinen drei Geschwistern alleine zu hause blieb, machte es schwer sich einzugewöhnen. Mit meinen Schwestern wusste ich erst gar nichts anzufangen, obwohl eine so alt ist wie ich und die andere nur drei Jahre älter ist. Ich wusste einfach nicht, worüber ich mit ihnen sprechen sollte und die Autofahrten zur größeren Nachbarstadt oder zum Fluss, um schwimmen zu gehen, waren immer mit peinlicher Stille gefüllt.

Jetzt bin ich Teil der Familie

Mit meinem kleinen Bruder jedoch war es alles von Anfang an leicht. Ich konnte einfach drauf los reden ohne Angst zu haben, einen Fehler zu machen. Er wollte mir die Umgebung zeigen und mir alle möglichen Spiele erklären. Ich mag ihn immer noch total gern, aber inzwischen ist er sehr viel frecher und geht mir oft auch ziemlich auf die Nerven. Ich verstehe mich jetzt super gut mit meinen beiden Schwestern. Mit Lindsay gehe ich zur Schule und auf dem Weg zurück, wenn wir im Schulbus sitzen, reden wir sehr viel. Wir sind uns sehr ähnlich und sie ist hier meine beste Freundin geworden. Klarissa ist einfach die perfekte ältere Schwester. Sie fährt uns überall hin wenn wir shoppen gehen wollen und stärkt uns den Rücken, wenn wir was Blödes gemacht haben. Ich schlafe mit ihr in einem Zimmer und öfters, wenn wir beide im Bett liegen, reden wir noch über Anstehendes am nächsten Tag oder Ereignisse, die geschehen sind. Viele Leute haben mir vor meinem Austauschjahr erzählt, wenn du deinen ersten richtigen Streit mit deiner Familie hast, weißt du, dass du wirklich Teil der Familie bist. Ich bin jetzt ungefähr fünf Monate hier und warte noch immer auf den ersten Streit. Trotzdem glaube ich, dass ich schon jetzt ein Teil der Familie bin und alle sagen mir das auch oft genug.

Freunde finden, braucht Zeit

Schule ist hier definitiv ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben und die Ferien sind daher eher langweilig. Die meisten meiner Freunde hier sind über die Ferien bei Verwandten oder verbringen Zeit mit ihrer Familie, so dass man sich nicht so viel trifft. Die Schule hier ist wirklich einfach. Man muss einfach nur immer alle Hausaufgaben erledigen und ansonsten in der Klasse sitzen und zuhören, dann hat man ein „A“ (beste Note) sicher. Mit den Freunden war es das schon etwas schwieriger. Ich hatte anfangs Schwierigkeiten die „richtigen” Freunde zu finden und habe zwar sehr viele Leute kennen gelernt - aber immer nur ein bisschen - bis ich endlich wusste mit wem ich mich verstehen würde. Ich hatte aber auch Glück, dass ich den Freundeskreis meiner Schwester gerne mag. Wir haben nicht dieselben besten Freunde, aber wir sitzen beim Mittagessen immer an einem Tisch. Außerdem habe ich vor drei Wochen angefangen ein bisschen mit anderen Mädchen für Softball zu üben, wodurch ich auch super viele neue Leute kennen lerne.

Fazit: Ich weiß, dass ich wieder meine zweite Familie besuchen werde

Mein Leben hier ist definitiv sehr anders als das, was ich bisher gewohnt war, aber mittlerweile fühlt es sich richtig an. Ich vermisse hier zwar auch sehr viel - meine Bettdecke, mein eigenes Zimmer, meine Familie und Freunde - aber ich genieße trotzdem die Chance zu haben, all dies zu erleben. Ich weiß jetzt schon, dass der Abschied in fünf Monaten wahrscheinlich noch schwerer werden wird als der in Deutschland, weil es ein Abschied auf ungewisse Zeit ist. Trotzdem weiß ich, dass ich eines Tages meine zweite Familie besuchen werde.