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Mein Austauschjahr in Virginia Beach (USA)

Clarissa, Vereinigte Staaten von Amerika, 2015,

Seit ungefähr einem Monat bin ich nun wieder zurück - zurück in Deutschland, zurück in meiner kleinen Stadt, zurück in meinem alten Umfeld. Das Leben scheint sich hier manchmal in den immer gleichen Kreisen zu drehen, und manchmal erscheint mir das vergangene Jahr wie ein Traum. Dann schaue ich jedoch an meine Wand und sehe dort meine riesige Amerikaflagge hängen, und denke mir: vor einem Jahr hättest du über denjenigen den Kopf geschüttelt, der sich sowas an die Wand hängt. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich jetzt nicht dem blinden Patriotismus verfalle und Amerika immer noch differenziert sehen kann, aber dass diese Flagge für mich einen großen symbolischen Wert hat. Sie erinnert mich zum einen an die Veränderung, die ich durchlebt habe. Zum Anderen erinnert sie mich täglich daran, dass ich ein Zuhause und ein Leben mit wundervollen Menschen auf der anderen Seite der Welt habe.

Besondere Erinnerungen

Meine AFS-Austauschfamilie nach einem sogenannten „Polar Plunge“ – dabei sind wir im Februar bei ca. 10 Grad Außentemperatur in den kaum wärmeren Atlantik gesprungen.

Wenn ich an mein Austauschjahr denke, erinnere ich mich insbesondere an zwei Szenen mit Menschen, die mir etwas bedeuten. Zum einen sehe ich die Sommertage und Wochenenden vor mir, die ich mit meiner besten amerikanischen Freundin Kari verbracht habe. Zum Beispiel wie wir gerade vom Strand zurückgekommen und erschöpft von der Hitze und Sonne auf ihrem Bett liegen (Nicht, dass ich das Wetter dort nicht genossen hätte; ganz im Gegenteil). Wie natürlich oft in Amerika, ist der Deckenventilator angeschaltet und bringt Abkühlung an diesem sonst heißen Junitag. Wir machen Siesta, essen Himbeeren und reden über Gott und die Welt- über das Leben in Amerika, das amerikanische Schulsystem und unsere Schule, die Präsidentschaftswahlen; über Deutschland, über kulturelle Unterschiede, und über Freundschaft; über die Zukunft und uns selbst, über die Ursachen globaler Krisen, und über verschiedene Ideen in der Welt. Eben über alles, was uns in den Kopf kommt, wenn wir unsere Gedanken laufen lassen.

 

Eine andere Szene, die mir im Kopf vorschwebt, ist komischerweise das Anstehen bei den Achterbahnen in Disneyland in Florida mit meiner Gastfamilie, das sich bis zu 140 Minuten hinziehen kann. Das lässt sich nur humorvollen Mitanstehenden aushalten, wie die Mitglieder meiner Gastfamilie, die sich gerne gegenseitig auf den Arm nehmen. Nach 9 Monaten fühle ich mich auch schon so als Teil der Familie, dass ich, wenn ich, wie man in Amerika so schön sagt „geroasted“ (also auf den Arm genommen) werde, dies lachend hinnehme, aber auch schon gleich mit den anderen in den nächsten Witz („Prank“) über das nächste Opfer einsteige. Dadurch wurde selbst das lange Anstehen zu einem Vergnügen.

Die kulturellen Unterschiede

Meine Gastfamilie und ich beim „Shaved Ice“ (Gecrushtes Eis mit Geschmack) essen in Downtown Disney in Orlando, Florida.

Zwischen zwei Kulturen zu stehen hat auch den Vorteil, diese vergleichen zu können. Zum Beispiel Unterschiede in der Familie: Meine Gastfamilie war, wie schon zuvor angedeutet, sehr humorvoll, locker, und fast immer gut drauf (was aber möglicherweise auch mit ihrem lateinamerikanischen Hintergrund zusammenhängt). Diese Eigenschaften kontrastieren sich manchmal mit der deutschen Strenge und der ernsten Lebensauffassung, die ich aus Deutschland kenne.

 

Die Familie hat einen sehr hohen Stellenwert in der amerikanischen, und besonders in der lateinamerikanischen Kultur: „Family always comes first“ (Familie kommt immer zuerst). Ein Konzept, das ich in meiner Familie jetzt auch immer bewusster auslebe, da ich den Wert des Zusammenhaltes der Familie in Amerika so stark erfahren habe. Das Verhältnis mit meinen Gastgeschwistern spiegelte ähnliches wieder; sie nahmen mich, meine kleine Schwester fast sofort, mein großer Bruder nach ein paar Monaten, als ihre Schwester an. Für mich war es neu und toll die große Schwester zu sein, aber auch anstrengend mehr Verantwortung zu übernehmen.

 

Zum Thema Freundschaft muss ich sagen, dass ich lange geglaubt habe, dass in Amerika Freunde eher eine Ergänzung und Beschäftigung sind, da die Familie sowieso den obersten Stellenwert hat. In Deutschland hingegen erscheinen vor allem in den Teenagerjahren Freundschaften manchmal fast wichtiger als Familie. Mir gefällt es aber in Amerika sehr, dass oft auch die Eltern mit dem Freund oder der Freundin befreundet sind, und die Freunde sich vor den Eltern eigentlich immer gut präsentieren und einen immer unterstützen, wenn man zum Beispiel mal früher nach Hause muss, oder eine Mitfahrgelegenheit braucht. In Amerika redet man auch weniger mit Freunden über die eigene Familie, sondern eher über das, was in der Schule passiert oder ähnliches.

Was ich gelernt habe

Meine besten Freundinnen und ich vor der Britischen Botschaft auf einem „Diplomatie- Ausflug“ unserer Schule, bei dem wir verschiedene Botschaften besucht haben.

In meinem Gastland ist es mir leichter gefallen, zu realisieren, wie viel Glück und Gutes ich in meinem Leben habe und dafür dankbar zu sein. Das gilt zum Beispiel für meine Gastfamilie, meine Schule und Freunde, für mein Stipendium, dafür dass ich eine Austauschschülerin sein darf, dass ich in Deutschland geboren bin, dass ich in Sicherheit lebe etc., aber vor allem für meine leibliche Familie. Man lernt eben richtig zu schätzen, was man hat, wenn man etwas Distanz dazu bekommt. Außerdem habe ich ganz im amerikanischen Sinne gelernt, dass man mit Disziplin und Eigeninitiative fast alles erreichen kann und nur die Chancen, die sich bieten erkennen muss. Zudem ist mir Englischsprechen sehr leicht gefallen, und ich habe es auch bis zum letzten Tag gerne gemacht. Auch auf Leute offen zuzugehen und nur zuzuhören, anstatt zu urteilen sind Fähigkeiten, die ich mir leicht angeeignet habe.

 

Amerikanische Werte oder Konzepte, die ich übernommen habe, sind z.B. „Pull yourself up by your own bootstraps“ (sich an dem eigenem Schopf aus dem Sumpf ziehen) oder auch, dass man das Leben weniger ernst nehmen sollte und über seine Kultur, aber vor allem sich selbst lachen können muss.

 

Während ich im Ausland war, fing ich irgendwann an Deutschland und die deutsche Kultur sehr zu vermissen und zu idealisieren. Nun, dass ich ca. einen Monat wieder zurück bin, fühle ich mich Deutschland in Teilen auch wieder verbundener. Zum einen habe ich in Amerika gemerkt, wie deutsch ich doch bin, aber dass ich auch stolz bin Deutsche zu sein und mich zu dieser Kultur zugehörig fühle. Deutlich stärker fühle ich mich mittlerweile auch Deutschlands Demokratie verbunden, da sie die Basis unser aller Zusammenleben ist, und egal welche Kräfte sie gerade regieren, ihre Grundordnung schützens- und verteidigenswert ist. Damit wäre ich dann wieder bei einem amerikanischen Wert, den ich froh bin gelernt zu haben: Patriotismus. Und zwar in einem Sinne stolz auf sein Land zu sein, aber diesen Stolz nicht aus dem Vergleich mit anderen Kulturen abzuleiten.

Vielen Dank

Wie man schon an der Länge meines Berichts erkennen kann, fällt es mir schwer, die Erlebnisse in meinem Auslandsjahr in so wenigen Worten wiederzugeben. In diesem Jahr habe ich unglaublich viel erlebt und mindestens genauso viel daraus gelernt; das Ausmaß dessen kann ich hier nur anfangen darzulegen. Was ich jedoch garantieren kann, ist, dass dieses Jahr mein Leben in so vielsichtigen Arten zum Guten hin verändert hat, dass ich dieses Gute weitergeben, und mich für die Belange anderer Menschen in der Welt in irgendeiner Weise einsetzen möchte. Besonders mein Praktikum bei STIHL inc. in Virginia Beach hat mich noch in meinem Wunsch bestärkt, dass ich international tätig werden will. Ob nun für eine Internationale Organisation oder ein multinationales Unternehmen wie STIHL oder Daimler wird sich noch zeigen. So weiß ich nun auch, wo meine berufliche Leidenschaft liegt und bin gefestigt in der Vorstellung, was ich mit meinem Leben machen will.

 

Daher bedanke ich mich nochmal zu gerne für die Großzügigkeit der Andreas STIHL AG., von Daimler, der IHK Region Stuttgart und des DAZ. Ich bedanke mich dafür, dass Danke, dass sie mir diese Zeit möglich gemacht haben, mir eine neue Perspektive auf Amerika, Deutschland und die Welt gegeben haben. Außerdem bedanke ich mich dafür, dass sie mich als Stipendiatin im Januar 2015 ausgewählt haben und mir dadurch diese lebensverändernde Erfahrung zuteil geworden ist. Zudem freue ich mich, jetzt auch ein Daimler-Byrnes-Alumni voller Lebenserfahrung und toller Geschichten zu sein und weiter mit den anderen Alumni und Stipendiaten in Kontakt zu bleiben.