Auslandsjahr USA Erfahrungsbericht von Jenny

"Noch immer habe ich das Gefühl, in englischer Sprache zu träumen..."

Jenny Joy, USA, 2016, Schuljahr im Ausland mit dem Parlamentarischen Patenschaftsprogramm
Austauschschülerin Jenny war PPP-Stipendiatin
Austauschschülerin Jenny war PPP-Stipendiatin

Knapp ein Jahr ist es her, seit ich mit einem großen Koffer hier in Arkansas angekommen bin. Nun ist meine Zeit um und ich fliege mit zwei großen Koffern wieder zurück nach Deutschland. Was ich mitbringe, ist aber weit mehr, als in zwei Koffer passt.

 

Wir wurden auf dieses Jahr in Amerika wirklich gut vorbereitet. Mehrmals trafen wir uns in Weimar und Leonberg, um von ehemaligen Austauschschülern möglichst viel über Land und Leute zu erfahren. In Workshops bereiteten wir Vorträge vor und einigten uns auf ein nahezu einheitliches Bild, wie wir uns Deutsche im Ausland präsentieren wollten und sollten. Aber schon bald war klar, dass alle Theorie der Wirklichkeit nicht standhalten würde.

Ein Rückblick

Jenny vorm typischen Schulbus
Jenny vorm typischen Schulbus

Ich kann mich da an die eigene Nase packen. Auch ich  bin mit einer großen Zahl an Vorurteilen im Handgepäck gestartet. Mir war klar, dass Amerikaner sich nur von Fast-Food ernähren und den ganzen Tag Fernsehen. Wie ich zu der Annahme kam, weiß ich bis heute nicht. Beeinflusst werden wir tatsächlich durch amerikanische Spielfilme, die uns vorgaukeln, einen Blick in den amerikanischen Alltag zu werfen. Vor Serien wie „Desperate Housewives“ sei an dieser Stelle gewarnt. Ganz so ist es nicht. Aber so ganz widerlegen konnte ich einige Vorurteile auch nicht.

 

Tatsächlich bleibt im amerikanischen Alltag wenig Zeit für ausgiebiges Kochen und gesunde Ernährung. Und für meine Begriffe wird auch sehr viel ferngesehen. Mein Bild von Amerikanern und ihrer Lebensweise hat sich verfeinert. Aber ist es mir gelungen, das Bild der Deutschen zu verbessern?

 

Die häufigsten Irrtümer, denen ich in vielen Gesprächen und Vorträgen begegnet bin liegen darin begründet, dass Bayern bildhaft für ganz Deutschland steht. So denken oder dachten viele, dass das Oktoberfest ein nationaler Feiertag ist, wir Deutschen in Tracht laufen und mind. jeder zweite „Thomas“ heißt. Warum Bayern das Bild der Deutschen so nachhaltig prägt, wurde mir schnell klar.

 

Viele Amerikaner haben tatsächlich im Rahmen einer Europareise schon Station in Deutschland gemacht. Vorzugsweise konnten Sie München vom Bus aus erkunden und wurden durch Schloss Neuschwanstein geführt. Am nächsten Tag ging es dann weiter nach Paris.

Deutschland ist nicht Bayern

Ich habe es auf jeden Fall geschafft, dass meine Gesprächspartner und Zuhörer nun mit der Erweiterung ins Feld ziehen, dass Deutschland sich nicht auf Bayern reduzieren lässt und deutlich vielfältiger ist. Gerührt war ich als einige meiner Freunde verkündeten, dass sie in den kommenden Jahren nach Deutschland reisen wollen.

 

Sie wollen die Vielfältigkeit unseres Landes erkunden; von dem platten Land im Norden bis zu den Alpen. Sie wollen Brezeln essen und natürlich schauen, ob der Hefezopf so schmeckt wie die, die ich sonntags oft für die Familie gebacken habe. Sie wollen Berlin und Hamburg und natürlich München sehen. Sie wollen sich davon überzeugen, ob es wirklich an jeder Ecke ALDI Discounter gibt und auf einem typischen Wochenmarkt einkaufen.

 

Und sie wollen testen, ob Mc Donald´s wirklich das gleiche Angebot bietet, wie in Arkansas. Auch für sie wird die Deutschland-Tour die ein oder andere Kuriosität bereithalten. Ähnlich wie es mir erging, als meine Gastmutter die eigens für unseren deutschen Familien-Abend gekauften Bratwürste im Ofen zubereitet hat. Heiß sind sie allemal geworden. Ich denke, sowohl die amerikanische als auch die deutsche Lebensweise haben ihre Eigenheiten. Und nach einem spannenden Jahr in Amerika bin ich der Meinung, es ist auch gut so.

 

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich den Alltag in Bentonville hautnah miterleben durfte.

Die Austauschschüler im US-Congress
Die Austauschschüler im US-Congress

Zur Schule gelangte ich jeden Tag mit dem traditionellen gelben Schulbus. Auf den ersten Blick sieht dieser sehr groß und gemütlich aus; doch schon am zweiten Tag bemerkte ich, dass die Sitzbänke nicht sonderlich bequem sind und diese sind auch nicht für groß gewachsene deutsche Schüler ausgelegt.

 

Meine Schule war mit rund  4.300 Schülern eine der größten Highschools in Arkansas. Die Schule beherbergte Schüler von der 9. bis zur 12. Klasse. Es war so am ersten Schultag nicht immer leicht, sein jeweiliges Klassenzimmer zu finden, da sich die Schule über mehrere Gebäude erstreckt. Nach ein paar Tagen wurde jedoch alles zur Routine und ich schaffte es in jedes Klassenzimmer zur richtigen Zeit, denn zwischen den einzelnen Stunden hatte man fünf Minuten Zeit das Klassenzimmer zu wechseln. Und diese fünf Minuten waren oft sehr knapp!

 

Ich durfte mir meine Schulfächer frei wählen und entschied mich unter anderem für US History, Government and Politics, Theater und Precalculus. Am Anfang war es besonders in den Fächern Englisch und Precalculus schwierig Schritt zu halten. Besonders mathematische Fachbegriffe waren am Anfang hart zu verstehen, aber im Laufe der Zeit wurde es fast zur Routine. Im Großen und Ganzen ist zu sagen, dass das Unterrichtsniveau nur bedingt mit dem in Deutschland zu vergleichen ist. Die Lernintensität ist viel geringer und Schülern ist es oft selbst überlassen, wie viel Unterricht sie aktiv mitmachen wollen. Zum anderen sind Tests viel einfacher, da es meist Multiple Choice Tests sind, die es dem Lehrer ermöglichen, den Test in wenigen Minuten für die ganze Klasse zu korrigieren indem sie diese einfach kurzerhand durch die Maschine jagen und auswerten lassen.

 

Den meisten Spaß hatte ich im Fach „Government and Politics“. Im Unterricht durfte ich oft den europäischen Blickwinkel mit einbringen und unser Lehrer hat uns mit offenen Diskussionen stark gefördert.

Homecoming und Prom - echte Highlights

Zum Prom machen sich alle besonders hübsch
Zum Prom machen sich alle besonders hübsch

Die High School in Amerika geht jedoch über den normalen Unterricht weit hinaus. Unsere Schule bot um die 100 verschiedene Clubs, in denen man sich engagieren konnte. Es gab alles, vom Debattierclub, über Spanisch Club bis hin zum Recyclingclub. So war für jeden etwas dabei und viele Schüler engagierten sich dort nach dem Unterricht. Ich selbst habe mich bei sechs verschiedenen Schulclubs aktiv engagiert und bin mit diesen auf Wettbewerbe gefahren um das ein oder andere Zertifikat einzusammeln.

 

Ich hatte auch die Möglichkeit an beiden großen Theaterproduktionen mitzuwirken. Sowohl auf der Bühne als auch im Design hinter den Kulissen.

 

Die besten Erinnerungen habe ich an die Schulbälle Homecoming und Prom. Homecoming findet im Herbst statt und markiert das Ende der Football Saison. Es ist ein Tanz für alle Altersstufen und ist eher leger, wobei die Jungs in Hemd und Krawatte und die Mädchen in kurzen Abendkleidern gehen. Prom allerdings ist viel formeller. Es dürfen nur 11. und 12. Klässler zu diesem Ball gehen. Die Kleiderordnung ist auch streng geregelt. Mädchen tragen lange Abendkleider und Männer Smoking. Man darf sich die Tanzweise allerdings nicht formell vorstellen, es gleicht mehr einer Disco als einer klassischen Tanzveranstaltung. Zudem wurde ich für den Colors Day Court nominiert. Mit neuen weiteren Schülerinnen der Oberstufe durfte ich die Schule und das Basketball Department repräsentieren.

Noch härter war der Abschied von meiner Familie

Jenny bei ihrer Graduation
Jenny bei ihrer Graduation

Ich finde, das Highlight des ganzen Jahres war die Graduation, also die Abschlusszeremonie für die 12. Klassen. Es ist sehr traditionell und alle Entlass-Schüler tragen „Cap and Gown“ (Mantel und Kappe) als zeichen des erreichten Abschlusses. Die Zeremonie fand in diesem Jahr in der großen Basketball Arena der Universität statt unter den Augen aller Eltern, Großeltern und Verwandten. Jeder bekam sein Abschluss-Diplom und hatte damit offiziell 12 Jahre an Schule erfolgreich beendet. Mit dem werfen der Cap wurde der Abschluss symbolisch und zur Freude der Fotografen vollzogen.

 

Leider war mit der Graduation auch mein Austauschjahr schon fast vorbei und es war hart, von den vielen neu und lieb gewonnenen Freunden Abschied zu nehmen. Noch härter war der Abschied allerdings von der Familie, denn diese hat man in den elf Monaten des Zusammenlebens am besten kennengelernt.

 

Dank des PPP konnte ich die letzten Tage vor der transatlantischen Heimreise noch in Washington D.C. verbringen und mich mit meinen Freunden des PPP-Programms austauschen. Wir hatten alle viel erlebt. Die Zeit in Washington D.C. nutzten wir, um historische, geschichtsträchtige und politisch wichtige Orte zu besichtigen und selbstverständlich um uns bei den Organisatoren für die Unterstützung des Programmes zu bedanken.

 

Viel zu schnell ist das Abenteuer USA vorbei gegangen. Manchmal fühlt es sich immer noch so an, als ob es erst gestern gewesen ist, als ich in Houston aus dem Flieger gestiegen bin und für mich ein völlig neues und unbekanntes Kapitel in meinem Leben angefangen hat. Und noch immer habe ich das Gefühl, in englischer Sprache zu träumen.