• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Zweimal USA und jedes Mal anders

Johannes, Vereinigte Staaten von Amerika, 2005 /06, FSJ

Zweimal USA und jedes Mal anders

Im Folgenden werde ich über mein einjähriges FSJ mit dem AFS in St. Paul, Minnesota, USA berichten.

Die USA werden von uns Europäern gerne, oft und heftig kritisiert. Wie oft musste ich mir von Freunden und Bekannten Fragen wie „Sind die da wirklich alle so blöd und wählen die echt alle Bush?“ anhören. Durch meinen ersten Aufenthalt als Gastschüler hatte ich schon einige Erfahrung mit den „Amis“ gemacht und konnte daher den europäischen Stereotyp des fettleibigen, dummen und nationalistischen als eben einen Stereotyp identifizieren.

Einblicke in das "wirkliche" Amerika

Ich bin also das zweite Mal in die USA geflogen und kann sagen, dass es wieder sehr anders und äußerst interessant war, obwohl ich zuerst in der gleichen Familie war. Durch mehrere AFS-Reisen in den zentralen USA hatte ich die Möglichkeit, Land und Leute kennen zu lernen. Das hat großen Spaß gemacht. Ich war in Texas und in Arkansas und war sozusagen im Bush-Country. Dabei war ich immer wieder von der Gastfreundlichkeit der Einheimischen begeistert, natürlich (es waren AFSer) auch von der des Öfteren sehr liberalen politischen Einstellung. Bei Hausbesuchen, Schulbesuchen, Camps und bei Konferenzen hatte ich also die Möglichkeit viele unterschiedliche Einblicke ins „wirkliche“ Amerika zu bekommen.

Offenheit und Akzeptanz

Was mich in Amerika am meisten fasziniert, vielleicht ist das nicht in allen Teilen so, aber ich habe es so kennen gelernt, ist die Offenheit, mit der Menschen an andere herantreten. In Deutschland hatte und habe ich oft das Gefühl, dass anders Denkende, anders Aussehende und anders Handelnde oft schief angeschaut werden. Ich habe Amerika stets so empfunden, dass es nicht so wichtig ist, woher du kommst, wie du aussiehst oder was deine Interessen sind. Es kommt mir so vor, dass die Menschen mehr so genommen werden, wie sie sind. Aber ich finde einer der zentralen Aspekte eines Austausches ist auch, dass man sein Heimatland besser kennen lernt und auch zu schätzen versteht. Beispielsweise habe ich einen Kneipenbesuch schon manchmal vermisst, da ich ja noch nicht 21 war…

Arbeit im AFS-Büro

Im AFS-Büro war ich generell von neun bis fünf und kam so in der Woche auf meine 40 Stunden. Ich habe besonders gegen Ende öfters Überstunden gemacht. Generell kann ich sagen, dass ich am Anfang eher unterfordert war und zum Ende gut ausgelastet gewesen bin. Am Wochenende habe ich nur manchmal gearbeitet, wenn etwas besonders schnell fertig werden musste oder aber ich auf einer Dienstreise war. Dafür hatte ich aber auch die Möglichkeit, mal etwas später zu kommen. Zu meinen Aufgaben gehörten das Eintüten und Verschicken von Massenpost, das Erstellen von grafisch ansprechenden Komitee-Directories für die Gastschüler und Gastfamilien, monatliches telefonisches Kontaktieren einiger Gastschüler, Organisation von Camps, Mitgestaltung von Camps, Präsentationen in Schulen und Organisation von Gastfamilienunterlagen.

Meine zwei wichtigsten Aufgaben waren die letzten beiden Punkte, zu denen ich ein bisschen mehr schreiben werde: Bei Schulpräsentationen vermittelt AFS ein wenig interkulturelle Thematiken und wirbt Gastfamilien und Hopees. Diese Tätigkeit hat mir besonders viel Spaß gemacht, da ich aus dem Büro herauskam und die Möglichkeit hatte, auf viele unterschiedliche Leute zu treffen. Außerdem hat es mir sehr geholfen meine Präsentationsfähigkeiten enorm zu verbessern, denn diese Präsentationen waren vergleichbar mit 45-minütigen Referaten vor einer völlig unbekannten Klasse.

AFS benötigt von allen Gastfamilien Unterlagen. Diese Unterlagen werden von Freiwilligen gesammelt und dann ans Büro geschickt. Ich habe dabei geholfen, dies zu organisieren und zu verbessern. Das war nicht immer leicht, aber für mich war es sehr nützlich zu lernen, mit vielen Leuten gleichzeitig zu kommunizieren, auf sie einzugehen, sie zu motivieren und ihnen das Gefühl zu geben, dass jemand sich für ihre Arbeit interessiert und diese schätzt. Die Einarbeitung in diese Aufgaben erfolgte meist durch Nennung der Aufgabe durch einen Vorgesetzten oder Kollegen zu Beginn und dann durch eigenes Erarbeiten. Dabei konnte ich allerdings immer Nachfragen und war somit nie allein vor einem Problem. Da ich in Deutschland meist nur als Freiwilliger tätig war, waren die Aufgaben im AFS-Büro völlig andere. Präsentations-, Organisations-, und Motivationsfähigkeiten, die man auch als Freiwilliger in Deutschland kennen lernt, sind aber sicher auch im Büro in den USA nützlich, da man ja trotzdem viel mit Freiwilligen zu tun hat.

Meine Gastfamilie

Im ersten halben Jahr wohnte ich ziemlich weit außerhalb der Stadt St. Paul und musste also immer mit dem Bus fahren. Insgesamt hat das jeden Tag ca. 3,5 Stunden gedauert. In der zweiten Jahreshälfte habe ich dann allerdings deswegen gewechselt und konnte 20 min. mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren.

Mit meinen beiden wunderbaren Gastfamilien habe ich großes Glück gehabt. Immer konnte ich mit ihnen über alles reden und ich habe mich stets als Familienmitglied gefühlt. Da ich nun aber älter war als beim ersten Aufenthalt, war auch klar, dass ich mehr Freiräume haben würde. Ich war rundum zufrieden und betrachte St. Paul und New Hope als ein zu Hause.

Leider hatte ich keinen festen AFS-Betreuer. Das liegt aber wahrscheinlich daran, dass ich der erste FSJler war. Alle standen aber immer offen für Fragen und alle waren sehr hilfsbereit. Zu Anfang war es schwer rauszubekommen, welche Aufgaben ich haben würde, da mein eigentlicher Vorgesetzter meist zu beschäftigt war, um mich einzuarbeiten oder mir konkrete Aufgaben zu geben. Das hat auch zu Konflikten mit anderen Kollegen geführt, da nicht immer klar war, für wen ich nun eigentlich arbeiten sollte und ich auch keine Lust hatte, von jedem irgendetwas zu bekommen. Dies ist mit der Zeit besser geworden. Wenn ich Fragen an AFS Deutschland hatte, wurden diese meist sehr zügig beantwortet. Das meiste konnte ich aber vor Ort regeln, was denke ich auch besser ist.

Sprache

Mein Sprachniveau war dank meines vorherigen Austauschjahrs in den USA und Englisch-Leistungskurs ausreichend,und es kam zu keinen größeren Sprachschwierigkeiten. Ich konnte allerdings mein Englisch noch weiter verbessern und wurde zum Ende hin öfters mit Einheimischen verwechselt.

Das FSJ bei AFS in den USA war eine einzigartige Möglichkeit, eine amerikanische Firma kennen zu lernen. Obwohl AFS gemeinnützig ist, sind die Strukturen einer gewinnorientierten Firma meiner Meinung nach recht ähnlich. Es war toll, unterschiedliche und nette Kollegen und andere Leute kennen zu lernen und teilweise als Freunde zu gewinnen. Das FSJ ist eine große Chance, viel Neues zu lernen und Neues zu machen. Es hat großen Spaß gemacht, auch wenn die ersten paar Monate nicht immer leicht gewesen sind.