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Vom Glück, Gastfamilie zu sein

Gastfamilie Fischer, Vereinigte Staaten von Amerika, 1997-2008,

Vom Glück, Gastfamilie zu sein

Immer wieder werden wir gefragt, warum wir Austauschschüler aufnehmen, ob wir dafür Geld bekämen und ob es nicht lästig oder anstrengend sei. Wie soll ich unsere Lust auf fremde junge Menschen erklären, unsere Überzeugung begründen, dass wir durch das Leben mit unseren Gastschülern reich beschenkt sind?

Wir Fischers sind eine achtköpfige Familie und zogen vor 14 Jahren in ein großes Haus am Stadtrand Güstrows. Dankbar über unsere großzügige Wohnsituation nahmen wir uns damals schon vor, sie bei vielen Gelegenheiten mit anderen zu teilen. Unsere Ältesten hatten sich gerade daran gewöhnt, täglich 6 km bis zum Gymnasium zu radeln, als wir auf eine Zeitungsannonce von AFS aufmerksam wurden, in der Gastfamilien gesucht wurden. Eine tolle Idee! Aber konnten wir das? War nicht unsere Familie zu groß und das Gästezimmer zu klein? Würde unsere Lebensweise zu dem des Jugendlichen passen? Würde er den täglichen Schulweg schaffen? Konnten wir neben unseren vielen Aufgaben dem Gastkind gerecht werden? Beim ersten Besuch unserer AFS-Betreuerin zerstreuten sich manche Bedenken. Trotzdem waren wir vorsichtig und luden erst einmal ein Gastkind ein, das nur ein halbes Jahr bleiben wollte: Colly aus Wisconsin / USA.

Sie war ein Sternchen

Sie war ein Sternchen, fügte sich schnell in den Familienalltag ein und fand relativ leicht Freunde. Vor uns öffnete sich eine neue Welt: Wir bekamen eine Ahnung vom Leben in den USA, lernten Collys Familie und leckere Rezepte kennen. Noch heute ist die „Colly – Pizza“ unser absoluter Favorit. Wir erlebten mit unserer Gasttochter Höhen (Freundschaften, Schulerfolge, Verliebtsein) und Tiefen (Heimweh, Krankheit und Liebeskummer) und wuchsen dabei immer mehr zusammen. Sie probte regelmäßig in der Kantorei und sang begeistert das Bachsche Weihnachtsoratorium mit. Als Colly am Heilig Abend nach der Bescherung immer trauriger wurde, starteten wir ein Mitternachts - Schlittschuhlaufen auf dem nahen See, um sie aufzuheitern. Vollmond und spiegelndes Eis in der Stille des Heilig Abends – für uns alle wunderschön. Silvester wollte sie mit einigen Freunden feiern, was eine selbstständige Bahnreise nötig machte. Wie erschraken wir, als sie uns von der polnischen Grenze aus anrief! Sie war in den falschen Zug umgestiegen und musste nun abgeholt werden. Unsere Mädchen hatten die große Gastschwester besonders ins Herz geschlossen. Von ihr konnte man wichtige Dinge lernen, die der Mama einfach „abgingen“. Ihren Abschied erleichterte uns die Aussicht, dass sie nach dem Abitur Deutsch studieren und zu einem Praktikum wieder kommen würde, was sie auch hielt.

Die Idee, ein Jahr lang ins Ausland zu gehen, steckte unseren Ältesten an. Er startete ein Jahr später selbst in die Ferne und wir erlebten, wie es ist, ein Kind nur per Internet und Post erreichen zu können. In dieser Zeit war Nathan aus Texas bei uns, ein Einzelkind, durchtrainierter Turner und Zeichentalent. Er war ein kleiner Grübler und es fiel ihm schwer, zu deutschen Jungen Kontakt zu finden. Dafür verliebte er sich in eine Schülerin aus der Parallelklasse. Nathan angelte gern und brachte ab und zu kleine Rotfedern mit nach Hause, die wir tapfer brieten und aßen. Der Kunstlehrer am Gymnasium hatte seine helle Freude an ihm und noch heute schmückt eine filigrane Zeichnung – Nates Weihnachtsgeschenk – unsere Wohnung.

Jonathan und Amir

Nathan reiste ab und wir empfingen einen Jonathan, der innerlich und äußerlich gewachsen war und ständig “well“ sagte. Er reflektierte vor uns, wie interessant aber auch schwer es ist, ein knappes Jahr lang in eine ganz fremde Welt einzutauchen. Vielleicht bestärkte uns das darin, wieder so einen jungen „Abenteurer“ einzuladen? Gespannt erwarteten wir unser drittes Gastkind: Amir aus Indonesien. Dieser agile Junge eroberte im Nu unsere Herzen. Sein sonniges, offenes Wesen half ihm, schnell viele Freunde zu finden. Regelmäßig arbeitete ich zu Hause mit ihm Schulmaterial durch, dass uns eine AFS- Betreuerin besorgt hatte. Diese „Unterrichtsstunden“ führten uns zu interessanten Gesprächen, wir verglichen Geschichte und Werte unserer unterschiedlichen Kulturen und verstanden einander immer besser.

Amir lebte seinen islamischen Glauben sehr bewusst, hatte einen kleinen Gebetsteppich und ein spezielles Handtuch für die kultische Reinigung mitgebracht. Er erforschte per Internet, in welcher Richtung Mekka liegt und hielt die Ramadan-Ordnungen sehr genau. Ich gewöhnte mich daran, beim Kochen darauf zu achten, dass Amirs Nahrung nicht mit Schweinefett in Kontakt kam. Amirs aufrichtige Glaubensweise beeindruckte uns. Ab und zu kam er mit in unseren christlichen Gottesdienst, den er mit dem Lesen von Mickeymaus - Heften überstand. Seine Kontaktfreude brachte uns auch andere junge Leute ins Haus, die wir ohne ihn nie kennengelernt hätten. Der Abschied war tränenreich. Sein Versprechen, uns wieder zu besuchen, hat er aber inzwischen schon eingelöst.

Mit Robby zur Expo 2000

Kaum war unsere 17-jährige Elisabeth nach Venezuela gestartet, begrüßten wir Robby aus Florida. Der Arme! Wir hatten uns vorgenommen, in Hannover die „Expo 2000“ zu besuchen, doch trotz seiner Müdigkeit durch die innere Zeitumstellung wollte Robby mit. So musste der eigentlich bei uns übliche Begrüßungsabend später stattfinden – in Form einer großen UNO- Spielrunde, bei der die ganze Familie am Tisch sitzt und die Karten nur so fliegen. Robby fand sich unkompliziert in die neue Schulsituation hinein, obwohl er in den Unterrichtsstunden lange Zeit nichts verstand. Aus Angst, mit fehlerhaftem Deutsch lächerlich zu wirken, sprach er in der Öffentlichkeit nur wenig. Zu Hause lernte er umso intensiver und begann, Gitarre zu spielen. Das half ihm, manche Stimmungstiefs auszugleichen.

Inzwischen musste unsere Tochter in San Christobal einen Kulturschock verkraften. Da flogen tagsüber Steine über die Schulhofmauer und abends gab es striktes Ausgehverbot. Ihre Achtung vor den Möglichkeiten und Werten, die sie zu Hause kennengelernt hatte, wuchs sprunghaft. Erst nach vier Monaten, als sie im Spanischen sicherer war, fand sie einheimische Freunde. Bis dahin half ihr der Kontakt zu Austauschschülern aus der ganzen Welt, mit denen sie sich im Internetcafe oder Kino traf. Solche nachmittäglichen Verabredungen vermissten alle unsere Gastschüler. Selten gibt es in Güstrow mehrere Gastschüler zugleich und die Einheimischen scheinen in ihren Beziehungen „abgesättigt“ zu sein. So ist immer wieder die Initiative des Gastes nötig, auf Leute zuzugehen.

Andrew aus Australien

Nachdem Robby abgereist war, kam Andrew aus Australien zu uns. Andrew hatte schon einige Jahre in einem Schulinternat gelebt und war es spürbar gewöhnt, sich in neue Gegebenheiten einzuordnen. Er war ein stiller, strebsamer Junge, der seine Dinge in Schule und Freizeit sehr selbstständig regelte. Besonders gern war er draußen in der Natur. So fuhr er an vielen Nachmittagen spontan mit der Bahn bis nach Warnemünde und genoss dort für sich allein Wind, Wellen und Stand. Normalerweise beginnt bei uns der Tag mit einem gemeinsamen Frühstück. Und obwohl die morgendliche Müdigkeit die Kommunikation sehr hemmt, saß auch Andrew immer pünktlich am Tisch.

Nachdem Andrew ausgezogen war, fühlten wir uns irgendwie verwaist. Johannes, unser zweiter Sohn, wollte im Sommer in die USA starten. So luden wir uns einen “Ersatzsohn“ ein: Diesmal kam ein Junge aus China zu uns: Gang, genannt Irwin. Eine spannende Zeit brach an.

Kommunikation nicht immer einfach

Bisher hatten sich unsere Gastkinder recht einfach in unser Familienleben eingefügt. Freilich wandten wir uns ihnen immer in der ersten Zeit besonders zu, erklärten und zeigten ihnen, “wo es langging“ und versuchten, sie richtig kennen zu lernen. Fragen konnten meist schnell auf Englisch, Deutsch oder mit Zeichensprache geklärt werden, Gefühle und Stimmungen waren erkennbar. Irwin verhielt sich ganz anders. Er wirkte viel jünger und unreifer als seine Klassenkameraden, was durch die Sprachbarriere noch verstärkt wurde. So verschlief er viele Unterrichtsstunden und betätigte sich auch im Sportunterricht nur als Zuschauer. Zu Hause war die Kommunikation ebenfalls nicht leicht. Irwin hatte es nicht gelernt, sich mit anderen auseinander zu setzen. Als ich ihm das dritte Mal erklärte, wie die Toilette benutzt wird, schien er absolut nichts zu verstehen. Und wenn sein Fahrrad geputzt werden sollte, nickte er freundlich und „vergaß“ es. Als enorme Hilfe empfand ich unsere Kinder, die Irwin unbefangen und direkt begegneten und einfach mit einschlossen. Wie oft verkleidete er sich und kurierte als “Doktor“ die Kuscheltiere unserer Jüngsten oder kickte im Garten mit den Jungen den Ball!

Doch leider fand auch Irwin keine Freunde, mit denen er sich nachmittags verabreden konnte und spürte manchmal sogar deutliche Ablehnung. Nach dem ersten Schulhalbjahr schrieb ich einen Brief an seine Mitschüler, in dem ich Irwins Eindrücke reflektierte. Sie fielen „aus allen Wolken“ und einige Mädchen versuchten nun, ihn mehr einzubeziehen. Doch mit einem Jungen wurde er trotz gemeinsamer Klassenfahrt bis zum Schluss nicht „warm“. Dafür fanden wir in der Familie immer besser zusammen. Bevor er zurück nach China reiste, erlebten wir einen schönen gemeinsamen Urlaub in der Schweiz.

Vertrautes Verhältnis mit Mario

Dann kam Mario aus Panama, der schon seit einigen Monaten in einer Familie im Güstrower Umkreis gelebt hatte. Mario konnte schon recht gut Deutsch und hatte die schwere Eingewöhnungszeit schon geschafft, doch auch sein Beziehungskreis blieb beschränkt. Inzwischen hatte sich auch unsere Familiensituation verändert: Vier unserer Kinder waren zum Studium bzw. Zivildienst ausgezogen und unsere Tabea lernte in einem Schulinternat. So entwickelte sich zwischen Mario und meinem Mann ein besonders vertrautes Verhältnis und seine Abreise im Januar kam uns viel zu schnell.

Es war dann aber auch mal als kleine Familie schön. Ich genoss es, im bescheideneren Umfang kochen und waschen zu müssen, spontane Aktionen waren leicht zu organisieren. Trotzdem schien uns unser Haus noch unangemessen leer und wir meldeten uns wieder bei AFS: Seinen Bewerbungsunterlagen gemäß rechneten wir mit einem verschlafenen Vegetarier. Aber es kam ein aufgeweckter Feinschmecker mit tiefer Abneigung gegen Obst und Gemüse: Piotr aus Polen, der mit seiner fröhlichen Offenheit schnell Kontakt fand und in der Schule bald als Sportass und Gentleman bekannt war. Es ist wie beim Auswickeln eines gut verpackten Geschenkes, wenn man einen fremden Menschen Stück für Stück kennenlernt. Niemand kann garantieren, dass Gastkind und Gastgeber zueinander passen werden.

Piotr hatte feste Werte und Normen

Mit gutem Willen und Toleranz mag man viele Differenzen ausgleichen bzw. aushalten. Aber welch ein Glück ist es, wenn die Beziehung von Anfang an von beiderseitiger Sympathie getragen ist! Piotr beobachtete unsere Art zu leben sehr aufmerksam und verglich sie mit eigenen Erfahrungen. Er war fest verwurzelt in Werten und Tradition der katholischen Kirche, was immer wieder zu Diskussionen führte. Unsere Jüngste nahm ihn hemmungslos als großen Bruder in Beschlag und im Wintersport tobte er mit Cousins und Cousinen die Piste hinab. Dass die Großfamilie Fischer im Sommer einen Ausflug nach Polen machte, bei dem er nun dolmetschen konnte, war ein glücklicher Zufall.

Beschwingt von der Leichtigkeit, mit der wir das Piotr-Jahr erlebt hatten, wurden wir übermütig: Wir entschlossen uns, einen Schüler aus Thailand aufzunehmen: Saran. Hatten wir schon vergessen, wie mühsam die Konfrontation mit asiatischer Kultur sein kann, so wurden wir mit seiner Ankunft schlagartig daran erinnert. Gleich in den ersten Tagen bekam Saran einen Schnupfen und konnte sich nicht überwinden, ein Taschentuch zu nutzen. Unsere Tipps für Kleidung und Verhalten nahm er ebenso wenig an wie die Mahlzeiten, die ich kochte. Wenn schon deutsches Essen, dann das „echte“ – Döner und Bratwurst – was er sich dann selbst kaufte. Sagte ihm andererseits mal die Kost zu, bediente er sich so reichlich, dass es nötig wurde, Portionen zuzuteilen. Unsere Vokabelhilfen, die anfangs auf kleinen Klebezetteln die Wohnung dekorierten, ignorierte er und setzten wir uns abends zu einer Spielrunde zusammen, zog er sich lieber in sein Zimmer zurück, um mit anderen thailändischen Austauschschülern zu telefonieren. Waren wir unterwegs, posierte er alle 20 Meter für ein Foto, zeigte aber kein Interesse für Erklärungen dazu. Schließlich fühlten wir uns als Erfüllungsgehilfen eines Programms, das uns lächerlich und unsinnig schien. Es fiel mir immer schwerer, ihm offen und herzlich zu begegnen, weil ich sein Interesse an unserem Leben vermisste.

Saran hat uns verändert

Eines Abends zeigte uns Saran in thailändischem Kostüm einen traditionellen Tanz. Er führte die grazilen Bewegungen so ernsthaft und konzentriert aus, dass es uns anrührte. Da bekamen wir eine Ahnung von dem, was ihn bisher geprägt haben mag und wie fremd ihm unser Leben sein musste. Mit der Zeit gewöhnten wir uns aneinander und fanden Kompromisse. Unsere Jüngste formulierte einmal: „Saran muss man es immer ansehen, was er meint.“ Sie hat ein feines Gespür dafür entwickelt und sich darauf eingestellt, dass er „Nein“ meint, wenn er „O.K.“ sagt. Nun zeigt sie ihm am Klavier den „Flohwalzer“ und er kocht ihr eine Portion mit, wenn er mal wieder Heißhunger auf “Thai food“ hat. Auch Samuel kommt mit Sarans Kommunikationsweise zurecht. Das gemeinsame Interesse an Fußball schweißt zusammen und braucht eh kein großes Vokabular. Und ich übe es, Saran zuzugestehen, dass er die Chance des Austauschjahres anders nutzt, als ich es mir vorgestellt habe. In wenigen Wochen wird er heimreisen – ein anderer Junge als vor zehn Monaten. Und auch wir haben uns verändert, haben einen neuen Menschen – und auch uns! – besser kennen gelernt.

Wer zweifelt noch daran, dass es ein großes Glück ist, Gastfamilie zu sein?