Von Finnland nach Deutschland - Vom Gast zum Familienmitglied
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Von Finnland nach Deutschland - Vom Gast zum Familienmitglied

Familie Ender, Finnland, 2016-2017, Gastfamilie

Nachdem unser ältester Sohn Sebastian (16 Jahre) sich entschlossen hatte, für ein Jahr mit AFS in die USA zu gehen (August 2016 - Juni 2017), reifte in uns der Gedanke, in dieser Zeit ebenfalls einen Gastschüler aufzunehmen. Auch die beiden anderen Kinder Simon (14 Jahre) und Sandra (10 Jahre) stimmten zu, dass das verwaiste Zimmer ihres Bruders von einem „Fremden“ bewohnt sein würde.

Aufgrund unserer eigenen Erfahrung (mein Mann und ich waren jeweils ein Jahr während des Studiums in Lettland, während der praktischen Ausbildungsphase in Südafrika in einem früheren Homeland) waren wir positiv und offen, was Land und Geschlecht des Gastkindes angeht. Doch der erste Vorschlag von AFS gefiel uns gleich und so durften wir im September 2016 Jere aus Finnland bei uns begrüßen. Zuerst geplant als Semesterprogramm, ver­längerte Jere seinen Aufenthalt auf ein Jahr, was schon zeigt:

Es war ein gutes Jahr im Miteinander für Gastsohn und Familie.

Wir als Familie lernten allerlei über ein nordeuropäisches Land, das für uns noch Neuland war. Manches war uns fremd, z.B. der enorme Kaffeekonsum, Salzlakritz, die spannende Geschichte Finnlands, die Sprache. Wir lernten viel zu Saunakultur, den Mumins, dass Finnen eher verhalten reagieren, aber einen Hang zu Heavy Metal haben und voll Aufdrehen zu Mittsommer, juhannus.

Inzwischen haben wir Jeres Heimat und Familie bereits besucht und freuen uns auf weiteren herzlichen Kontakt, und dass wir ein „familiäres“ Standbein in Finnland haben.

Es ist ein schönes Gefühl, Bilder zu bekommen, die Jere beim badisch Kochen für seine Familie zeigen und wir essen voll Freude finnisches Knäcke mit Realbezug.

Jere kam samstags direkt vor Beginn des neuen Schuljahres in Baden-Württemberg an. Das fanden wir als Familie hart, doch er steckte es gut weg. Nach den Schulmorgenden war er zu Beginn aber ziemlich müde: Die neue Schule, die vielen Menschen, Autos, S-Bahn fahren, Familie, Sprache inclusive Dialekt... das war schon viel auf einmal – zumal wir hier im Süden Deutschlands ja sehr dicht besiedelt sind, was für ihn ziemlich eng, voll und ungewohnt war. Schnell wurden die Abläufe in Schule, Familie und die kleinen Alltagspflichten für ihn Routine. Mit der Sprache klappte es auch bald prima, da er sprachbegabt ist und und guten Unterricht hatte. Ab Dezember lief die Unterhaltung fast ausschließlich in Deutsch.

Zusammen mit 3 anderen AFS-Austauschschülern im Komitee Heidelberg besuchte Jere einen Sprachkurs und bildete im Laufe des Jahres eine sehr intensive Freundschaft und genoss alle Camps und Kontakte. Das Kennenlernen von Jugendlichen aus anderen Kultur­kreisen während des eigenen Auslandsjahres ist eine tolle Chance, wie auch Fahrten, Camps und Freizeiten.

Neben AFS-Aktivitäten und Freundeskreis, nahm Jere am Schulrudern, Männerturnen und am Chor and more unserer Kirchengemeinde teil. Er brachte sich ein und wurde gern gesehen, auch als Teil der Mannschaft bzw. des Chores. Diverse T-Shirts, die er zum Abschied bekommen hat, dokumentieren das.

Ein sehr schöner Nebeneffekt für uns selbst als Familie war: Durch Jere haben wir selbst noch einmal ganz bewusst unsere schöne Heimat, v.a. den Nahbereich wahrge­nom­men. Neben größeren Urlauben nach Südtirol, Köln, München und ins Elsass, haben wir haben viele Ausflüge und kleine Touren unternommen, Familie besucht und zumindest einen „Teil-Badener“ aus unserem Finnen gemacht.

Natürlich: Es gab auch Missverständnisse, ausgesprochene und unausgesprochen Erwartungen, Nähe- und Distanz-Fragen, auch Ärger und Sorge. Das haben wir in der Familie allerdings auch sonst. Welche Familie nicht?

Insgesamt war ein wunderschönes Jahr, eine tolle Erfahrung, die wir nicht missen wollen. Es lohnt sich, Gastfamilie zu werden.