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Wie eine Familien-WG

Gastmutter Ritz, Neuseeland, 2006-2009,

Wie eine Familien-WG

Seitdem mein Sohn Stefan 1995/96 als Austauschschüler in den USA war, wollte ich auch immer einen ausländischen Gastschüler aufnehmen. Ich googelte ein bisschen und bin auf AFS gestoßen, die mir von Anfang an sympathisch waren. Ich lebte damals allein mit meiner Patentochter Hiwot aus Äthiopien. Hiwot war 22 Jahre alt und erst ein Jahr vorher aus Äthiopien in Deutschland angekommen. Ihr erstes Jahr war für uns beide sehr schwierig, nicht nur wegen der Sprache, Mentalität, Religion, Hautfarbe und Kultur. Hiwot war in einer sehr traditionellen Familie aufgewachsen, in der Mädchen nicht gerade zur Selbständigkeit erzogen wurden.

Im Dezember 2004 habe ich mich entschlossen, einen Schüler der Winteranreise zu nehmen. Meine Kriterien waren damals: Mädchen, Nichtraucherin und Vegetarierin. Nach der Erfahrung mit Hiwot wollte ich auch gerne jemanden, der aus einem ähnlichen Kulturkreis kommt. Amy aus Neuseeland schien alle Voraussetzungen zu erfüllen und ich habe mich schnell und aus dem Bauch heraus für sie entschieden. Amy kam im Februar 2005 an und ich freute mich sehr auf sie. Schon nach wenigen Monaten wusste ich, dass ich im kommenden Jahr auch wieder eine Schülerin aufnehmen wollte.

Silvana aus den USA

Im Mai brachte eine ehrenamtliche AFS-Mitarbeiterin zu einem Treffen Vorschläge mit und ich entschied mich für Silvana aus den USA. Eigentlich wollte ich wegen Amy niemanden mehr mit Muttersprache Englisch nehmen, aber Silvana war in Costa Rica geboren und sprach auch Spanisch, außerdem hatte sie schon 6 Jahre Deutsch gelernt, war ebenfalls Nichtraucherin und Vegetarierin. Was den Ausschlag gab war jedoch ein Brief ihres Vaters, der erwähnte, dass er lange als Entwicklungshelfer in Afrika gelebt hatte (mein Herz ist in Afrika...)

Silvana kam im September 2005 hier an und wir verstanden uns von Anfang an gut. Wir hatten ähnliche Interessen, sie war auch wohlerzogen und hilfsbereit. Da sie schon sehr gut Deutsch konnte, dauerte es nur wenige Wochen, bis wir uns normal unterhalten konnten. Amy ist dann im Januar 2006 wieder abgereist. Leider muss ich sagen, dass sie von allen Austauschschülern, die ich bisher hatte, diejenige war, die mir am wenigsten gefallen hatte. Es lag auch zum Teil an mir, ich habe oft nichts gesagt, was mir nicht gefallen hat oder viel zu spät. Heute weiß ich, dass ich so jemanden nicht mehr nehmen würde. Hiwot hat sich allerdings ziemlich gut mit Amy verstanden, weshalb es auch nur mein ganz privater Eindruck gewesen sein könnte.

Internationaler Haushalt

Nach Amy dauerte es aber nicht lange, bis das Haus wieder voll wurde. Hiwots Freundin Schachnozza aus Usbekistan zog bei uns ein. Sie war ein gestrandetes Aupair-Mädchen und lebte 10 Monate bei uns. Uns allen tat unser internationaler Haushalt gut. Was mir besonders an der Sache gefällt ist, dass das Leben mit jungen Menschen unterschiedlichster Kulturen mich so richtig aufgemöbelt hat. Wenn man so im Alltagstrott lebt, schleichen sich doch immer Regeln und Rituale ein, gegen die die Austauschschüler erfolgreich anschießen. Ich bin jedenfalls viel lockerer geworden als noch vor einigen Jahren. Ich habe uns auch oft als Familien-WG bezeichnet...

Silvana und ich haben viele Wochenendausflüge und Kurztrips zu Bekannten und Verwandten unternommen und sie hat während ihres Austauschjahres viel gesehen. Wir hatten uns aber auch wirklich viel zu sagen. Im Juli 2006 ist sie wieder nach Hause zurückgefahren, aber ich freue mich sehr, dass sie uns seitdem schon zweimal besucht hat. Schachnozza musste im Oktober 2006 nach Usbekistan zurück, ihr Visum konnte nicht verlängert werden.

Reise nach Sardinien

Im November wurde ich 50 und reiste nach Sardinien. Es hat mir dort sehr gut gefallen und vielleicht war auch das der Grund, weshalb ich im Dezember Stefano aus Italien aufnahm. Zuerst nur vorübergehend über die Weihnachtsferien, doch dann blieb er 7 Monate...und ich habe 7 Monate im Wohnzimmer auf dem Sofa geschlafen...Wir verstanden uns sehr gut, obwohl er kein Mädchen war, auch kein Nichtraucher und erst recht kein Vegetarier. Soviel zu meinen Kriterien... Jedenfalls habe ich gelernt, dass es egal ist, entweder passt es oder nicht. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mit einem Jungen so gut zurecht käme. Stefano war sehr interessiert an allem, wir führten viele gute Gespräche und natürlich reisten wir auch ein bisschen herum. Im Juli 2007 fuhr er wieder nach Italien und ich habe ihn bis jetzt 3 Mal besucht. Danach war ich ein Jahr lang allein...Hiwot habe ich in diesem Jahr aber auch kaum gesehen. Sie hat fürs Examen gepaukt und sich für ihren Freund interessiert. Aber wenigstens hatte ich im Februar 2008 für 2 Wochen Martha aus Italien als Midstay-Schülerin. Wir verstanden uns auch gut und ich schlief wieder auf dem Sofa.

Letzten Sommer erhielt ich eine E-Mail, in der noch Gastfamilien für 4 Wochen gesucht wurden. Es war mir egal, wer kam, und sie schickten mir Karlas Profil. Ich war mir sicher, dass wir für 4 Wochen miteinander klar kämen. Als Karla ankam, war ich schwer im Stress mit anderen Projekten und musste schon eine Woche später für einige Tage nach Hamburg fahren, Meine Freunde erklärten sich jedoch bereit, Karla solange aufzunehmen. Schon nach 3 Tagen bot mir Karla an, die Wohnung zu putzen, da ich nicht wusste, wie ich alles gebacken kriegen sollte. Danach hatte sie einen ganz großen Stein im Brett. Beim ersten Gastelterntreffen sagte ich, ich hätte gedacht, nach Stefano gäbe es keine Steigerung mehr, aber es ging noch besser. Im Oktober ist Hiwot ausgezogen und Karla zog in ihr Zimmer im Keller. Sie ist wirklich ganz einzigartig. Sehr hilfsbereit und zuvorkommend. Man muss sich keine Sorgen machen, dass sie über die Stränge schlägt, wie manchmal Stefano... Sie hat in kürzester Zeit Deutsch gelernt und wir verbringen viel Zeit miteinander. Gereist sind wir auch ein bisschen und waren bereits im Westerwald, in Straßburg, Heidelberg, Köln, Dresden, im Allgäu, in der Schweiz und in Italien. Dort haben wir Karlas Klassenkameraden besucht, der einen Austausch in Italien macht. Karla hat auch sehr engen Kontakt zu den anderen Austauschschülern, mehr als die anderen vor ihr. Dadurch kommen auch viele Leute zu uns nach Hause. Im Moment ist Karla zusammen mit ihrer Freundin Sylwia für einige Tage in Konstanz bei ihrer Midstayfamilie. Das Jahr ging vorüber wie im Flug, nur noch wenige Wochen bleiben uns... aber die Reise nach Polen habe ich schon fest geplant.