Zwei Familien wachsen zusammen
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Zwei Familien wachsen zusammen

Gastschwester Henrike/Gastmutter Almut, Costa Rica, 2012-2013,

Gastschwester Henrike: Vivian wurde meine Schwester:

Bei uns war es eine ganz spontane Entscheidung, eine Austauschschülerin aufzunehmen. Vivian ging seit Anfang März in die 11. Klasse, in der meine Mutter Mathematik unterrichtete. So bekam sie im April mit, dass Vivian eine neue Familie suchte, da sie vorläufig nur in einer Welcome-Family untergebracht war. Am Abend sprach meine Mutter zuerst mit meinem Vater, danach fragten sie meinen Bruder (damals 13 Jahre alt) und mich (damals 11 Jahre alt), ob wir uns vorstellen könnten eine neue Schwester aus Costa Rica zu bekommen und eine Woche später war es dann so weit: Vivi ist bei uns eingezogen.

 

Zuerst war es für sie wahrscheinlich ein bisschen komisch, bei ihrer Lehrerin zu wohnen, aber schon nach wenigen Tagen hat sie sich bei uns eingelebt. Vivian ist ein offenes, friedliches aber auch ein verrücktes und witziges Mädchen, mit dem man viel Spaß haben kann. Sie war extrovertiert und hat sich sofort in die Familie integriert. Vivi und ich waren wie echte Schwestern. Wir haben nicht viel miteinander unternommen, aber wir haben uns immer gut verstanden. Ab und zu sind wir gemeinsam in die Stadt gefahren oder wir haben uns Filme angesehen. Sie hat uns jüngere Geschwister viel an ihren Interessen teilhaben lassen und uns auf ihrem Laptop neue Musikgruppen und Videos gezeigt.

 

Am Anfang haben wir mit ihr noch Englisch gesprochen, aber spätestens ab unserem Sommerurlaub in Norwegen, haben wir uns nur noch auf Deutsch unterhalten. Vivian hat sich sehr bemüht und dementsprechend auch schnell gelernt.

 

Auch im Wörtererfinden war Vivian sehr begabt. Wenn sie gerade keine Lust hatte etwas zu tun, sagte sie, sie wäre „fraul“. Das ist eine Mischung aus „Frau“ und „faul“ und ist eigentlich nur eine Bezeichnung für eine faule Frau. Auch diese Wörter sind heute noch im Sprachgebrauch unserer Familie vorhanden.

 

Vivi ist ein Teil unserer Familie geworden. Wir haben immer noch ein sehr enges Verhältnis zu ihr und ihrer Familie in Costa Rica, die wir 2014 besuchten. Bevor Vivi bei uns eingezogen ist, haben wir uns nicht viel mit Costa Rica beschäftigt, doch als Vivi uns davon erzählte und als wir dann dorthin reisten, waren wir begeistert. Costa Rica ist ein sehr schönes Land mit einer ganz besonderen Kultur und darum sind wir umso glücklicher, dass wir eine Stück dieser Kultur in unserer Familie willkommen heißen durften. Ohne Vivian hätten wir viele wunderschöne Erlebnisse verpasst, die wir uns heute nicht mehr wegdenken können.

 

Auch wenn Vivi nur ein Jahr lang bei uns gelebt hat, wird sie ein Leben lang zu unserer Familie gehören. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ihr Name noch immer auf unserem Klingelschild steht.  

Gastmutter Almut: Vivian wurde zu einer Tochter und wird es bleiben:

Gleich am ersten Abend, als Vivi bei uns einzog, wünschte sie sich, dass sie uns Mama und Papa nennen darf. Dies war für uns gar kein Problem und hat sofort für Nähe und Vertrauen gesorgt. Auch ihre Eltern, die Mami und Papi sind, hatten kein Problem damit. Sie waren nur glücklich, dass Vivi eine nette Familie gefunden hatte.

 

Während ihres Aufenthaltes in unserer Familie war ich gleichzeitig ihre Mathematiklehrerin. Das sorgte am Anfang für einige Heiterkeit, da im Unterricht alle lachten, wenn sie sich meldete und mich mit Mama ansprach. Dies wirkte auf alle so sympathisch, dass ich ein ganz besonderes Verhältnis zu diesem Kurs entwickelte.

 

Vivi war einige Jahre älter als meine eigenen Kinder, so dass ich erst lernen musste, wie man einen „Muttizettel“ für die Disco ausfüllt. Die Fragen, was erlaube ich einer 17-jährigen, was nicht, spielten bis dahin noch gar keine Rolle für mich und meinen Mann. Wir haben es als gute Erfahrung angesehen.

 

Auch mit ihren Sorgen und ihrem Liebeskummer kam sie zu mir, was ich als ganz großes Kompliment noch heute empfinde. Sie bekam die gleiche Aufmerksamkeit und Zuwendung wie meine eigenen Kinder. Abends ging ich statt in zwei halt in drei Zimmer und gab jedem einen Gute-Nacht-Kuss.

 

Nach Vivis Abreise war uns allen klar, dass dies ein ganz besonderes Jahr war. Nach unserem Besuch in Costa Rica waren wir uns auch als ganze Familien sehr nahe gekommen.

 

Inzwischen war Henrike 11 Monate in Costa Rica und hat in Vivis Familie gelebt und ist dort zur Schule gegangen, sodass endgültig zwei Familien zusammen gewachsen sind. Eine solche Beziehung ist nur möglich, wenn man sich voll und ganz auf einen anderen Menschen einlässt und neugierig auf eine andere Kultur ist.