Olaf Becker war 2011 mit AFS für einen Freiwilligendienst in Kenia und ist heute Mitglied im Aufsichtsrat. Er berichtet über seine Arbeit im Projekt, über interkulturellen Austausch durch Telenovelas und seine ganz unterschiedlichen Erfahrungen im Ehrenamt bei AFS.

AFS-Aufsichtsrat Olaf Becker im Interview.

Du bist 2011 mit AFS für einen Freiwilligendienst nach Kenia gegangen. Wieso hast du dich damals für Kenia entschieden und in welchem Projekt hast du dich engagiert?
Ich habe mich damals für das staatlich geförderte weltwärts Programm entschieden, bei welchem ein Freiwilligendienst in einem Land des Globalen Südens finanziell unterstützt wird. Ich wollte in ein Land, in dem auch Englisch gesprochen wird und so stand Kenia auf meiner Länderliste und wurde mir schließlich von AFS angeboten. Auch wenn ich davor noch nicht so viel über Kenia wusste, war mir sofort klar, dass ich dies machen will, da dies eine spannende Erfahrung in einem komplett neuen Umfeld war.

Wie sah dein Alltag in Kenia aus? Wo hast du gewohnt und mit wem? Im Rahmen der Schüler*innenprogramme sind die Gastfamilien häufig eine gute Hilfe beim Anknüpfen an den Alltag vor Ort – wie hast du das bei deinem Freiwilligendienst empfunden?
Ich lebte in Lamu, einer kleinen Insel an der Nordküste Kenias. Untergebracht war ich in einer Gastfamilie mit einer fünfjährigen Gastschwester und zwei Gasteltern. Mein Alltag begann morgens um 7.00 Uhr mit einem Frühstück, meist gab es Chapati, ein flaches, ungesäuertes Brot ähnlich dem indischen Naan. Anschließend lief ich zu Fuß zu meinem Projekt einer Vorschule, in der ich die Lehrkräfte unterstützte. Für mich war der Umgang mit den Kindern auch eine tolle Gelegenheit Swahili zu lernen. Da es nur vormittags Unterricht gab, war ich in meiner Anfangszeit nicht ausgelastet. Es gab dann aber die Möglichkeit in einem anderen Projekt nachmittags Computerunterricht für Erwachsene zu geben, welche ich gern annahm. Kurz vor Sonnenuntergang traf ich mich mit anderen zum Fußball, was eine gute Möglichkeit war, um Anschluss an Gleichaltrige zu finden. Die Abende verbrachte ich zumeist mit einer Gastfamilie vor dem Fernseher. Dies klingt langweilig, war es aber nicht, da wir durch diverse Telenovelas immer wieder in einen guten Austausch darüber kamen, wie denn bestimmte kulturelle Praktiken in Kenia bzw. Deutschland sind. Diese Abende waren somit eine sehr gute Gelegenheit eine Beziehung zu meiner Gastfamilie aufzubauen.

Was ist deine prägendste Erinnerung aus deiner Zeit in Kenia?
Es ist schwierig hier eine konkrete Erinnerung aufzugreifen. Grundsätzlich fand ich mein Projekt sehr beeindruckend. Es hatte einen christlichen Träger, was bemerkenswert ist, da Lamu zu 90% muslimisch geprägt ist. An der Schule arbeiteten sowohl christliche als auch muslimische Lehrkräfte und die Schüler*innen gehörten ebenfalls beiden Konfessionen an. Der Umgang miteinander war stets sehr rücksichtsvoll. Als sich alle Mitarbeitende im Projekt während des Ramadans zum Abendessen trafen, warteten auch die christlichen Mitarbeitenden auf den Sonnenuntergang, damit wir alle gemeinsam mit dem Essen beginnen konnten. Diese gegenseitige Rücksichtnahme ist ein wichtiger Bestandteil interkultureller Erfahrungen und ich fand es sehr schön, dies zu sehen.

AFSer*innen wissen, dass ein Auslandsjahr weit mehr ist als die singuläre Austauscherfahrung und einen häufig das ganze Leben über prägt. Was genau machst du beruflich und inwiefern haben deine AFS-Erfahrungen Einfluss auf deine beruflichen Tätigkeiten? Hat dein Freiwilligendienst dich auch politisch geprägt?
Mein erstes Studienfach war eine direkte Folge meines Auslandsjahres. Da ich unbedingt mehr über Kenia und andere afrikanische Länder lernen wollte, studierte ich Afrikanistik. In diesem Rahmen beschäftigte ich mich noch einmal tiefer mit postkolonialen Strukturen, ein Thema, welches mir vor meinen Freiwilligendienst gänzlich unbekannt war. Allgemein kann ich sagen, dass ich durch mein Auslandsjahr angefangen habe, mich intensiver mit politischen Themen zu beschäftigen. Meine AFS-Erfahrungen hörten aber nicht mit meinem Jahr in Kenia auf, sondern begannen da erst so richtig. In den vielen Jahren als Ehrenamtlicher lernte ich, Verantwortung zu übernehmen, mit anderen Menschen in Projekten zu arbeiten und natürlich mich intensiv mit dem Thema Lernen auseinanderzusetzen.

In der Lohnarbeit bin ich mittlerweile bei einem internationalen Unternehmen für das Learning & Development verantwortlich. Natürlich bringe ich da viel meiner AFS-Erfahrungen mit ein. So hat es mir sehr geholfen, dass ich bereits als Ehrenamtlicher gelernt habe, Veränderungen selbst anzustoßen, wenn ich einen Bedarf gesehen habe. Und natürlich waren meiner Erfahrungen als Trainer, die ich bei AFS sammeln konnte, ebenfalls sehr hilfreich.

Du wurdest dieses Jahr in den Aufsichtsrat gewählt. Was hat dich motiviert dich aufstellen zu lassen und was ist dort genau deine Aufgabe?
Ich war bereits drei Jahre Mitglied in der Programmbereichsleitung der Freiwilligendienste und hatte in dieser Zeit viel Spaß, gemeinsam mit einem Team Verantwortung zu übernehmen. Ich fand es spannend, nach dieser Arbeit in einem operativen Gremium auch die Erfahrung auf der strategischen Ebene zu machen. Als Delegierter konnte ich in den letzten Jahren bereits einen Einblick in die strategische Arbeit gewinnen und freue mich nun, diesen als Aufsichtsrat (AR) weiter vertiefen zu können. Der AR berät und unterstützt den Vorstand bei der Umsetzung der Vereinsziele und legt gemeinsam mit ihm den Entwurf für die Strategie fest, die von der Delegiertensammlung beschlossen wird. Außerdem hält der AR zusammen mit dem Vorstand Kontakt zu unseren Partnerorganisationen im AFS-Netzwerk.

Was möchtest du jungen Menschen mitgeben, die sich heute überlegen für einen Freiwilligendienst ins Ausland zu gehen?
Ich kann jedem jungen Menschen wärmstens empfehlen, einen Freiwilligendienst im Ausland zu machen. Es ist einfach eine tolle Gelegenheit aus dem Alltag von Schule, Ausbildung oder Studium herauszukommen und eine komplett neue Erfahrung zu machen. Am Ende ist es auch ziemlich egal, in welchem Land und Projekt der Freiwilligendienst stattfindet. Mit etwas Offenheit und Neugier können überall prägende Erfahrungen gemacht werden. Das Beste ist, sich nicht zu viele Gedanken zu machen. Die Vorbereitungsseminare bei AFS geben alle Infos mit, die benötigt werden. Deshalb kann ich allen jungen Menschen nur sagen: Zögert nicht und lasst euch auf die Erfahrung eines internationalen Freiwilligendienstes ein!

Und ich empfehle natürlich allen den Freiwilligendienst bei AFS zu machen. Denn dadurch gibt es im Anschluss die Möglichkeit, sich auf eine weitere, nicht weniger spannende Reise zu begeben: Die Reise im Ehrenamt mit all den vielfältigen Möglichkeiten die AFS als großer Verein bereitstellt.

 

 

 

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