
Frage: Du hast letztes Jahr die Leitung der Ehrenamtskoordination bei AFS übernommen. Was hat dich dazu bewogen, dich für diese Position zu bewerben und welche Erfahrungen bringst du mit?
Als ich die Ausschreibung gesehen habe, wusste ich sofort: Das ist die perfekte Schnittstelle meiner Leidenschaften. Hier vereinen sich das Ehrenamt, interkulturelles Lernen und Active Global Citizenship (auch wenn ich das vor AFS nicht so genannt habe) – Themen, die mich schon mein ganzes Leben begleiten.
Meine eigene Reise begann mit einem Auslandsjahr in den USA. Über zwölf Jahre war ich anschließend intensiv ehrenamtlich engagiert und habe dabei fast jede Rolle ausgefüllt, die eine Organisation zu bieten hat. Diese Zeit hat mich persönlich tief geprägt und mir wertvolle Freiräume für meine Entwicklung geschenkt.
Meine Begeisterung für das Ehrenamt habe ich auch akademisch und beruflich vertieft: Sowohl in meiner Bachelor- als auch meine Masterarbeit habe ich mich mit Ehrenamt und sozialer Gerechtigkeit beschäftigt. Vor meinem Wechsel zu AFS war ich als Trainerin bei der Akademie für Ehrenamtlichkeit tätig, wo ich Freiwilligenmanager*innen fortgebildet habe. Während ich dort viele Einblicke in unterschiedliche Organisationen gewinnen konnte, genieße ich es bei AFS nun sehr, tief in die Struktur einzutauchen und eigene Impulse direkt umzusetzen. Mein größter Motivator sind dabei die Ehrenamtlichen selbst – ihr unermüdlicher Einsatz ist schlichtweg beeindruckend.
Frage: Das ehrenamtliche Engagement verändert sich weltweit. Vor welchen aktuellen Herausforderungen steht AFS als ehrenamtlich getragener Verein deiner Meinung nach?
Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs. Laut dem ZiviZ-Survey 2023 haben rund 80 % der Vereine in Deutschland Schwierigkeiten, genügend Ehrenamtliche zu finden. Das betrifft insbesondere Leitungsfunktionen, die für 53% der Vereine schwer zu besetzen sind. AFS bildet hier leider keine Ausnahme.
Die Gründe sind vielfältig: Es mangelt nicht am Willen zum Engagement, sondern an der zeitlichen Verfügbarkeit. Berufliche Anforderungen, Care-Arbeit und eine allgemein höhere Mobilität führen dazu, dass langfristige Bindungen an lokale Komitees schwerer fallen. Zudem erleben wir eine Veränderung in der Kommunikation – Zusagen werden oft unverbindlicher, was die Planung von Veranstaltungen komplexer macht. Unsere aktuelle Struktur sieht zudem noch sehr viele feste Posten vor, was angesichts dieser Entwicklungen eine echte Herausforderung darstellt.
Frage: Wie reagiert ihr als Team darauf, dass sich das Engagement junger (und älterer) Menschen stark verändert? Wie schaffen wir es, als Verein attraktiv zu bleiben?
Die Welt wandelt sich, und wir wandeln uns mit ihr. Wir begegnen diesen Herausforderungen mit vier strategischen Schwerpunkten:
Struktur-Modernisierung: Im Rahmen unseres Projekts SEA (Struktur der ehrenamtlichen Arbeit) arbeiten wir Hand in Hand mit den Ehrenamtlichen daran, unsere Strukturen zeitgemäßer und flexibler zu gestalten.
Niedrigschwellige Bildungsangebote: Wir transformieren Formate, die nicht mehr zeitgemäß waren. Statt ganz auf unsere Großevents zu setzen, wollen wir auch modulare und niedrigschwellige Bildungsformate sowohl in Präsenz als auch digital anbieten, um den Zugang für alle so einfach wie möglich zu halten.
Individuelle Kommunikation: Wir setzen auf den direkten, persönlichen Kontakt und eine Kommunikation auf Augenhöhe, um besser auf die Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen.
Vielfalt im Engagement: Wir schaffen unterschiedliche Formen der Teilhabe – vom kurzzeitigen Projekt bis hin zur langfristigen Begleitung –, damit Engagement in jede Lebensphase passt.
Frage: Viele unserer Alumni möchten dem Verein etwas zurückgeben, wissen aber oft nicht wie. Kannst du Wege aufzeigen, wie Menschen wieder einsteigen können? Welche Aufgaben gibt es z.B. für erfahrene Ehrenamtliche?
Grundsätzlich gilt bei uns: Jede Form des Engagements ist willkommen, und für den AFS-Spirit ist man nie zu alt! Wer nach einer Pause wieder reinschnuppern möchte, dem empfehle ich unsere großen Events wie das BAM (Bildung, Austausch und Motivation) oder die das nationale oder regionale ToM (Treffen operativer Mitarbeitender). Das sind perfekte Gelegenheiten, um sich zu vernetzen und die aktuelle Energie des Vereins zu spüren.
Die Aufgaben sind so vielseitig wie unsere Mitglieder: von der Betreuung bei Camps über die Durchführung von Homeinterviews bis hin zur Unterstützung beim Sommerfest des Komitees. Besonders unsere „erfahrenen“ Alumni bringen oft eine wunderbare Empathie für die Arbeit mit Gastfamilien mit. Wer unsicher ist, wo er oder sie am besten reinpasst: Wir in der Ehrenamtskoordination beraten euch gerne persönlich! Schreibt uns einfach eine E-Mail an [email protected].
Frage: Zum Schluss: Was möchtest du jungen Menschen mit auf den Weg geben, die über ein Auslandsjahr nachdenken?
Traut euch! Ein Auslandsjahr ist eine Investition in die eigene Persönlichkeit, die sich ein Leben lang auszahlt. Man lernt nicht nur eine neue Sprache, sondern begreift, dass die Welt viel größer und bunter ist als das gewohnte Umfeld. Dieses Verständnis für Differenzen ist genau das, was wir in der heutigen Gesellschaft mehr denn je brauchen. Es erweitert den Horizont und prägt den Charakter auf eine Weise, die kein Lehrbuch der Welt leisten kann.

