Nathalie, Peru, weltwärts, 2024
Land und Leute
Ich begann meinen Auslandsaufenthalt mit relativ wenig Vorwissen gegenüber der mir fremden Kultur, die ich das kommende Jahr kennenlernen würde. Dies war zu großen Teilen eine sehr bewusste Entscheidung. Ich wollte meine eigenen Erfahrungen machen, meine eigenen Schlüsse ziehen, nicht die vorgefertigten Meinungen anderer über mein Gastland weitertragen. Natürlich hatte ich bereits Vorstellungen und Erwartungen,geprägt durch die mir bekannten Stereotype, aber besonders präsent war die Überzeugung, das wir letztlich alle Menschen sind, die in unserer Menschlichkeit gleich sind. Ich war gespannt zu beobachten, wie eine andere Kultur die sozialen Strukturen und Normen beeinflussen würde, mit denen Menschen interagieren. Gleichzeitig freute ich mich darauf, allerhand Unterschiede, aber vor allem Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Und so geschah es im Laufe des Jahres auch. Sei es der Papagei, der in der Küche gelebt hat, und dessen Anwesenheit mich zu anfang irritiert und etwas angeekelt hat, was nach und nach in Belustigung und Zuneigung umschlug und damit endete, dass ich es nicht länger als etwas außerhalb der Normalität wahrnahm, dem Tier beim Verlassen der Küche einen Teil meiner Mango abzugeben. Nur noch von den überraschten Reaktionen der Besucher, zum Beispiel der anderen Freiwilligen, wurde ich daran erinnert, wie ungewöhnlich diese Situation doch war und wie stark ich mich an sie gewöhnt hatte.
Sei es ebenfalls meine deutsche Pünktlichkeit, die ich mir am Anfang schwor, nie zu verlieren. Nicht selten war ich zu Anfang vor allen anderen aus meiner Gastfamilie fertig und startbereit und wunderte mich, wie sie es nicht schafften, rechtzeitig bereit zu sein. Bis ich nach einigen Monaten anfing, dies auch an mir selber zu bemerken und es mir immer schwerer bis gar unmöglich erschien, pünktlich irgendwo zu erscheinen—was ebenso niemand anderem gelang, sodass man irgendwann ein Gefühl für die angemessene Zeit an Unpünktlichkeit entwickelte.
Oder sei es die Angewohnheit, trotz der oft etwas rasanten Fahrweise im Auto selten einen Sicherheitsgurt anzulegen, die ich mich bis zum Schluß geweigert habe, anzunehmen und so stets als diejenige herausstach, die doch bitte einen Sicherheitsgurt benutzen will, wenn es möglich ist. Was glücklicherweise schnell von den Leuten um mich herum akzeptiert wurde.
Zusammenfassend muss ich sagen, dass ich mich zum Ende meines Auslandsjahres gut eingelebt gefühlt habe und nur noch selten das Gefühl hatte, fehl am Platz zu sein.
Arbeitsplatz
Ich hatte innerhalb meines Jahres zwei verschiedene Projekte. Beide waren recht einfach mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (sog. Collectivos, kleine Autos, die je nach Unternehmen bestimmte Routen abfahren und auf dem Weg Leute einsammeln und herauslassen) zu erreichen. Bei meinem ersten Projekt musste ich jedoch regelmäßig in entlegenere Ecken der Stadt und Umgebung fahren, was sich teilweise als schwierig und kompliziert erwiesen hat. Da ich jedoch die ersten Male Unterstützung beim Hin- und Rückweg hatte, gab es keine Probleme.

Beginnen wir also mit dem ersten, aus dem ich nach einem halben Jahr gewechselt bin. Mein erstes Projekt, Social Creativa, hat viele verschiedene Workshops für Kinder und Jugendliche angeboten. Der Fokus lag auf Musik, da ich jedoch eher künstlerisch veranlagt bin und kein Talent für Musik besitze, habe ich mich anderen Aufgaben gewidmet. So habe ich über die Woche mehrere Vor- und Nachmittage im Büro verbracht, wo ich Flyer u. ä. designt habe. Zudem habe ich zwei Nachmittage der Woche in meinem Projekt zuerst Englisch und danach Kunst unterrichtet, meistens mit den selben ein bis zwei Teilnehmern. Außerdem habe ich mit meinem Mitfreiwilligen zwei Vormittage die Woche in einer öffentlichen Schule etwas außerhalb gelegen Englisch Unterricht gegeben. Weiterhin habe ich einen Nachmittag in einem sog. Commedor, einer Art Suppenküche beim Essen zubereiten geholfen und einen weiteren in einem eine Stunde außerhalb gelegenen Dorf mit den dortigen Kindern ein Mural Projekt gestartet, bei dem wir die Mauern ihrer Schule bemalt haben. Hinzu kam, dass es an den meisten Wochenenden Konzerte von dem Orchester meines Projektes gab.
Dann musste ich mitkommen, um beim Auf- und Abbau zu helfen, sowie währenddessen einen Livestream des Konzerts machen. Jedoch wurde dies irgendwann zu viel, mit zu wenig Freizeit um Kontakte zu knüpfen oder Zeit mit meiner Gastfamilie zu verbringen, zumal es auf Dauer schlichtweg nicht möglich war, die Spontanität aufrecht zu erhalten, mit der ich von meinem Projekt an die verschiedensten Orte zu unvorhersehbaren Zeiten geschickt wurde.
Daher habe ich nach einem halbem Jahr an eine öffentliche Schule gewechselt. Dort habe ich als Lehrassistenz in einer ersten Klasse ausgeholfen. Dies beinhaltete hauptsächlich, die Aufgabenstellung der Lehrerin noch einmal einzelnen Kindern zu erklären und individuelle Hilfestellung zu geben und so meine Lehrerin zu unterstützen. Dies hat mir sehr viel Spaß gemacht, da ich so eher dem nachgehen konnte, was ich mir zu tun erhofft hatte. In keinem meiner Projekte wurde ich wirklich auf meine Aufgaben vorbereitet, was besonders am Anfang, als die Sprachbarriere noch sehr präsent war, eine große Herausforderung war. Mit der Zeit und dem Projektwechsel ging es jedoch wesentlich einfacher. Besonders hat sich meine Einstellung gegenüber meiner Freiwilligenarbeit mit dem Projektwechsel geändert. In meinem ersten Projekt fühlte ich mich konstant ziemlich nutzlos. Als würden die Workshops und meine Arbeit von mir gemacht, damit ich beschäftigt bin, nicht, weil jemand meine Anwesenheit wirklich bräuchte oder ich jemandem helfen würde. Bei meinem zweiten Projekt war dies etwas anders. Zwar habe ich auch dort keinen großen Unterschied gemacht, doch ich hatte das Gefühl, den Kindern und meiner Lehrerin mit meiner Anwesenheit tatsächlich zu helfen. Als würde ich allen das Leben so etwas erleichtern, indem ich unterstützend agiere.

Entsprechend ins Positive hat sich so auch mein Empfinden der Arbeit gegenüber entwickelt, zum Ende hin war ich ausgesprochen zufrieden mit meinem Projekt und den Tätigkeiten, die ich in dessen Rahmen tun konnte.
Gastfamilie
Meine Gastfamilie bestand aus den Gasteltern und drei Schwestern, die älteste siebzehn Jahre alt, die anderen beiden neun und zehn. Ich habe mich vom ersten Moment an wohl in der Familiendynamik gefühlt, was meinen Gastschwestern zu verdanken ist. Alle haben sich sehr viel Mühe gegeben, mich zu integrieren, als ich am Anfang quasi kein Wort Spanisch verstand.
Dadurch wurde die Kommunikation schnell besser, zumal ich in meiner ältesten Gastschwester eine gute Freundin gefunden habe, die mich schon zu Anfang auch ihren Freunden vorgestellt hat. Ich habe mich insgesamt sehr wohl in meiner Gastfamilie gefühlt, auch wenn ich mich manchmal sehr fehl am Platz gefühlt habe und einige der Gewohnheiten und Eigenschaften der Familie sehr befremdlich fand. Aber dies ist wohl normal, wenn man in einer anderen Familie lebt, egal wo. Nach ungefähr einem halben Jahr ist meine älteste Gastschwester dann an die Universität gegangen und ist dafür umgezogen, wodurch ich mit den beiden Jüngsten alleine war. Das hat sich teilweise als ganz schön anstrengend herausgestellt, da ich nun ein bisschen die Aufgaben der großen Schwestern übernehmen sollte, aber nicht wusste, was das alles beinhaltet (ich bin zwar auch zuhause die Älteste, die Erwartungen und Regeln sind jedoch anders, besonders in dem Punkt, dass unsere Eltern mich und meine Geschwister stärker zur Selbstständigkeit erzogen haben, als es meine Gasteltern mit meinen Gastschwestern tun). 
Dennoch hatte ich nie das Bedürfnis, meine Gastfamilie zu wechseln, da ich mich immer willkommen und angenommen gefühlt habe. Da meine Familie recht wohlhabend war, hatte ich mein eigenes Zimmer und Badezimmer und keine große Umstellung des Lebensstandards, was das tägliche Leben sehr vereinfacht hat.
Betreuung durch AFS
In jeder Stadt, in der Freiwillige waren, gab es ein eigenes Komitee. Dieses war dafür verantwortlich, sich um die Freiwilligen und die Austauschschüler vor Ort zu kümmern. Wir hatten eine Koordinatorin und einige lokale Freiwillige, von denen jeder einen Freiwilligen hatte, um ihm persönlich bei Fragen zur Seite zu stehen. So weit so gut. In der Theorie gab es jeden Monat ein Treffen des Komitees mit den lokalen und deutschen Freiwilligen, den Gastfamilien, den Austauschschülern und der Koordinatorin. Diese haben jedoch nicht wirklich regelmäßig stattgefunden, da unsere Koordinatorin nicht in der Stadt wohnt. So war die Betreuung vor Ort nicht so ganz zufriedenstellend. Jedoch sollte festgehalten werden, dass, als die anderen Freiwilligen und ich unser Projekt wechseln wollten, unsere Koordinatorin schnell reagiert hat und uns zügig ein neues Projekt gesucht hat, wofür wir sehr dankbar sind.
Sprache und Kommunikation

Ich habe mich sowohl in meiner Gastfamilie als auch in meinem Projekt überwiegend auf Spanisch verständigt. Es gab schlicht und ergreifend nicht wirklich jemanden, der Englisch sprechen konnte. Daher war ich von vorne herein sozusagen gezwungen, die Gastsprache zu sprechen, wodurch ich schnell zumindest die Grundlagen beherrschte. Da ich mit kaum Vorwissen in meinem Gastland ankam, war es zu Anfang ausgesprochen schwer, sich zu verständigen. Doch durch die Notwendigkeit, dies in meiner Gastsprache zu tun, habe ich schnell Fortschritte beobachten können. Zudem hat sich wirklich jeder in meinem Umfeld spürbar Mühe gegeben, mit mir zu kommunizieren und mir zu helfen.
Lediglich mit den anderen Freiwilligen habe ich mich auf Deutsch unterhalten. Auch wenn ich zu Anfang ein etwas schlechtes Gewissen hatte, teilweise so viel Deutsch zu sprechen, so habe ich doch immer stärker gemerkt, wie wichtig es für mich war und wie sehr es mir geholfen hat, mich in meiner Muttersprache zu verständigen, da ich mich so schlicht und ergreifend viel genauer und spezifischer in einem breiteren Vokabular ausdrücken konnte.
Mit anderen Kommunikationsgewohnheiten, wie bspw. indirekter Kommunikation, hatte ich erfreulicher Weise jedoch keine wirklichen Probleme. Außer kleineren Mißverständnissen hatte ich diesbezüglich keine gravierenden Schwierigkeiten. Lediglich an die offene und etwas ausschweifende Art, sich zu unterhalten, musste ich mich gewöhnen und aktiv dagegen arbeiten, nicht allzu einsilbig zu sein und bei Anliegen nicht direkt zum Punkt zu kommen, sondern zuerst genügen Smalltalk zu halten.
Alles in allem war mein Jahr im Ausland ein Jahr voller wertvoller Erfahrungen, Erlebnisse und Beziehungen, die mich wohl mein Leben lang begleiten werden. Ich bin unendlich dankbar für die Möglichkeit, dass ich dieses Jahr leben und erleben durfte. Ohne zu Zögern würde ich mich jederzeit wieder dafür entscheiden, denn die guten wie die schlechten Zeiten, die ich in meinem Freiwilligendienst erfahren habe, haben mich und mein Weltbild unwiderruflich geprägt und ich habe das Gefühl, präsenter im Leben zu stehen und bin voller Zufriedenheit über die Person, zu der zu werden mein Freiwilligendienst im Ausland mir die Möglichkeit gegeben hat.

