Sarah war mit 16 Jahren für ein Schuljahr in Finnland. Heute engagiert sie sich politisch, kandidierte als jüngste Kandidatin für den rheinland-pfälzischen Landtag und beginnt ein Jurastudium. Dazwischen liegen viele Erfahrungen, die sie mit ihrem Austausch verbindet. 

Sarah war 16, als sie für das Schuljahr 2022/23 nach Finnland ging. Sie kannte das Land bereits ein wenig. Mit zwölf Jahren hatte sie dort fünf Wochen beim Campen verbracht. Eigentlich wollte sie damals gar nicht mit. Sie hatte fast abgesagt und wäre lieber zu Hause geblieben. Doch dann war sie überwältigt von der Landschaft und wusste: Finnland soll ihr Wunschland für den Schüleraustausch werden. 

Heute ist Finnland für sie ein zweites Zuhause. Ihre Gastfamilie ist weiterhin ein wichtiger Teil ihres Lebens, Freundschaften aus dieser Zeit sind geblieben. 

Aber wenn Sarah erzählt, was ihr Austauschjahr mit ihr gemacht hat, geht es um mehr als schöne Erinnerungen. 

„Ich hatte eh keine Wahl.“ 

Vor ihrem Austausch beschreibt Sarah sich selbst als eher schüchtern. In einem Brief an ihr zukünftiges Ich schrieb sie damals, dass sie es an sich selbst eigentlich ziemlich nervig fand, trotz ihres Selbstbewusstseins so zurückhaltend zu sein. 

In Finnland änderte sich das. Weil sie plötzlich Situationen bewältigen musste, denen sie nicht ausweichen konnte. Eine neue Sprache eine neue Schule. Eine neue Familie. Neue Freund*innen. Ein komplett anderer Alltag. 

„Ich hatte eh keine Wahl“, sagt Sarah rückblickend. Als Austauschschülerin lernte sie, sich schwierige Dinge selbst anzueignen und Herausforderungen eigenständig anzugehen. Die Sprache lernte sie schneller, als sie gedacht hatte. Und mit der Sprache kam auch mehr Selbstvertrauen. 

Von Begegnung zu Active Global Citizenship 

Während ihres Austauschjahres lernte Sarah Menschen aus ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen kennen. Und sie stellte fest: So unterschiedlich die Lebenswelten auch sein können, am Ende gibt es erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. 

Man hört dieselbe Musik, kennt dieselben Memes. Man gehört derselben Generation an. Diese Erfahrungen haben Sarahs Verständnis von Offenheit und Toleranz geprägt. Andere Perspektiven kennenzulernen, bedeutet für sie auch, die eigene Sichtweise immer wieder zu hinterfragen. Heute verbindet sie diese Erfahrung ganz unmittelbar mit ihrem politischen Engagement: „Interkultureller Austausch macht nicht nur Spaß, sondern sichert auch den Frieden, weil er Verständnis aufbaut.“ 

Für Sarah ist Begegnung damit mehr als eine persönliche Bereicherung. Sie kann verändern, wie wir auf andere Menschen und Gesellschaften schauen. Und daraus kann gesellschaftliches Engagement entstehen. 

Sarah war bereits vor ihrem Austausch politisch aktiv. Finnland hat sie nicht „zur Politikerin gemacht“. Aber die Erfahrungen dort haben ihre Perspektive erweitert und Themen geprägt, die ihr heute wichtig sind. Zum Beispiel Chancengleichheit. 

Die kostenlosen Bildungs- und Freizeitangebote, die sie in Finnland erlebt hat, haben sie darüber nachdenken lassen, welche Möglichkeiten eine Gesellschaft ihren jungen Menschen eröffnet. Auch Digitalisierung und Bildung gehören zu den Themen, die sie aus ihrer Zeit in Finnland mitgenommen hat. 

Gleichzeitig wurde Finnland für Sarah auch zu einer ganz persönlichen Begegnung mit Europa. Sie reiste nach Tallinn, fuhr nach Lappland und bewegte sich innerhalb Europas mit ihrem Personalausweis. Heute sagt sie, dass sie gerade durch diese Erfahrungen gelernt hat, ihre europäische Identität und die Freiheiten der EU bewusster zu schätzen. 

Austausch und Politik sind für Sarah eng miteinander verbunden 

Heute engagiert sich Sarah bei der Grünen Jugend auf Kreisebene. Sie war im Wahlkampf aktiv, ging von Haustür zu Haustür und kandidierte als jüngste Kandidatin für die rheinland-pfälzische Landtagswahl. 

Dass sie heute für politische Ämter kandidiert und vor Menschen über politische Themen spricht, hätte sich ihr 13-jähriges Ich wahrscheinlich kaum vorstellen können. 

Ihr Austauschjahr hat ihr dabei etwas gegeben, das sich nicht in einem Lebenslauf ablesen lässt: das Vertrauen, sich selbst auch schwierige Dinge zuzutrauen. 

Und gleichzeitig hat es ihr gezeigt, wie wichtig es ist, die eigene Perspektive immer wieder zu verlassen. 

Das ist vielleicht eine der konkretesten Formen von Active Global Citizenship: nicht nur etwas über die Welt zu wissen, sondern bereit zu sein, sich auf sie einzulassen, andere Perspektiven kennenzulernen und daraus Konsequenzen für das eigene Handeln zu ziehen. 

Und was hat das Ganze mit der Zukunft zu tun? 

Ein Austauschjahr ist natürlich kein Karriereprogramm. Aber es kann Fähigkeiten und Erfahrungen mitgeben, die weit über das Jahr selbst hinausreichen: Selbstständigkeit, Sprachkenntnisse, Selbstvertrauen und die Erfahrung, sich auch in unbekannten Situationen zurechtzufinden. 

Sarah merkt heute, wie sehr sie davon profitiert. Wenn sie vor einer politischen Veranstaltung Lampenfieber hat, erinnert sie sich: „Sarah, du warst mit 16 ganz allein in einem fremden Land. Du hast die Sprache nicht gesprochen und kanntest dort niemanden.“ Was damals eine Herausforderung war, ist heute eine Erinnerung daran, dass sie sich mehr zutrauen kann, als sie manchmal denkt. 

Sarah hat heute durchaus Vorstellungen davon, wohin ihr Weg gehen könnte. Sie beginnt im Oktober ihr Jurastudium in Mainz, interessiert sich für internationales Recht und könnte sich später vorstellen, einmal an einer Botschaft zu arbeiten. Gleichzeitig sagt sie auch: „Der Mensch ist frei geboren.“ Man könne etwas anfangen, ausprobieren und auch wieder aufhören, wenn es nicht passe. 

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erfahrungen, die Sarah aus Finnland mitgenommen hat: Zukunft muss nicht vollständig feststehen. Man kann neue Wege ausprobieren und immer wieder herausfinden, was zu einem passt. 

Und auch darin liegt der Wert eines Austauschjahres. Nicht darin, dass es auf einen bestimmten Beruf vorbereitet oder einen perfekten Lebenslauf garantiert. Sondern darin, dass junge Menschen Erfahrungen sammeln, mit denen sie ihre eigenen Möglichkeiten besser kennenlernen und ihre Zukunft selbstbewusster, offener und eigenständiger gestalten können. 

Was bleibt?
 

Ein Austauschjahr endet mit der Rückkehr nach Hause. Aber manches von dem, was man dort gelernt hat, bleibt. 

Für Sarah gehört dazu auch ein anderer Blick auf die eigene Gesellschaft. Eine andere Gesellschaft kennenzulernen bedeutet nicht, die eigene abzuwerten. Es bedeutet, sie bewusster wahrzunehmen.

Finnland hat Sarah gezeigt, dass Dinge auch anders funktionieren können. Dass es andere Perspektiven gibt. Und dass die eigene Sichtweise nicht die einzige sein muss. 

Vielleicht ist genau das eine der nachhaltigsten Erfahrungen eines Austauschjahres: sich auf eine andere Welt einzulassen und dabei auch die eigene ein Stück neu zu entdecken. 

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