Alexander Kerkhoff (Japan 2007/08) engagiert sich seit seiner Rückkehr für den Verein, hat sein Freiwilliges Soziales Jahr in der Geschäftsstelle absolviert und ist heute Vorsitzender des Aufsichtsrates. Im Interview spricht Alexander darüber, wie sein Austauschjahr seinen Blick auf ehrenamtliches Engagement verändert hat und wieso es sich lohnt, Verantwortung im Verein zu übernehmen.  

Hallo Alexander, du bist 2007/08 mit 15 Jahren für ein Jahr nach Japan gegangen. Wie kam es damals zu dieser Entscheidung und woran denkst du aktuell gerne zurück? 

Die Entscheidung für Japan lag einerseits daran, dass ich generell an der Kultur interessiert war. Ich habe damals nachmittags viele Anime geschaut und eine Mitschülerin zwei Klassenstufen über mir war mit AFS in Japan. So entstand bei mir ein erstes Interesse. Andererseits war ich zum Zeitpunkt der Bewerbung gerade 14 und die Auswahl für Länder, die mich in dem Alter nehmen würden, war nicht so groß. Auf dem Länderpräferenzbogen hatte ich Japan, Argentinien und Malaysia angegeben und dann ist es ist Japan geworden. Das hat mich sehr gefreut.  

Aktuell denke ich gerne an das letzte Jahr zurück, als ich das erste Mal seit meinem Austausch in Japan war und meine Gasteltern und Gastgeschwister wiedergesehen habe. Wir haben über die Jahre sporadisch Kontakt gehalten. Vor Ort war es dann einfach total schön, mit meinen Gasteltern viel zu unternehmen und Zeit miteinander zu verbringen.  

AFSer*innen wissen, dass ein Austauschjahr weit mehr ist als die singuläre Austauscherfahrung und einen häufig das ganze Leben über prägt. Was machst du heute beruflich und inwiefern wirken deine AFS-Erfahrungen in deinen Arbeitsalltag hinein? 

Ich bin in der öffentlichen Verwaltung beim Bund in der Wirtschaftsförderung tätig. Es ist im beruflichen Alltag nicht so, dass ich jeden Tag merke, wo ich konkrete fachliche Sachen anwenden kann, weil meine Arbeit eher technisch-administrativ ist. Aber das ganze Umgehen mit Schwierigkeiten und die Selbstständigkeit, also die Soft Skills wirken fort. Ich habe weit weg von Zuhause gelernt, mit Dingen anders klarzukommen. Besonders das Ehrenamt nach dem Austausch hat mich geprägt. Als junger Mensch konnte ich mich bei AFS enorm ausprobieren, viel Verantwortung übernehmen und merken, wo meine Stärken liegen. Gerade im Bereich Training und Weiterbildung habe ich unfassbar viel mitgenommen. 

Du engagierst dich auch außerhalb von AFS an verschiedenen Stellen ehrenamtlich. Inwiefern hat dich die Zeit in Japan in deinem gesellschaftlichen oder politischen Weltbild geprägt? 

Die kollektivistischen Ansätze in Japan haben meinen Blick verändert. Ich frage mich öfter, wie wir als Gesellschaft gemeinsam vorankommen können und gegenseitig Rücksicht nehmen, statt nur den eigenen Vorteil zu suchen. Gleichzeitig habe ich gelernt, wie wichtig es ist, die eigene Individualität zu bewahren und sich nicht klein zu machen, nur um konform zu sein. Das war für mich ein Learning in beide Richtungen. Der Blick auf das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft ist eine meiner prägendsten Erkenntnisse, die mich auch in meinem ehrenamtlichen Engagement begleiten.  

Zwischen dem 15-jährigen Alexander in Japan 2007 und dem Aufsichtsratsvorsitzenden 2026 liegt ein weiter Weg. Warst du nach deiner Rückkehr durchgehend bei AFS aktiv?  

Ja, ich bin nach meiner Rückkehr direkt eingestiegen. Erst lokal in der Komiteearbeit, später überregional in der Organisation und Trainer*innenausbildung. Es gab natürlich Phasen unterschiedlicher Intensität: Zeiten, in denen ich viel Zeit hatte und Home-Interviews gemacht habe, und Phasen, in denen ich dann „nur“ Delegierter war oder an einem Projekt mitgearbeitet habe. Aber AFS hat mich über die letzten 20 Jahre durchgehend begleitet. Einerseits ging es mir darum, etwas zurückzugeben, damit kommende Generationen auch diese coole Erfahrung machen können. Andererseits setze ich mich für eine Sache ein, hinter der ich voll stehe und lerne unfassbar viel dabei. Ich finde es immer wieder spannend, in ganz unterschiedlichen Kontexten Menschen zu treffen, die mit AFS unterwegs waren – man hat sofort einen gemeinsamen Nenner. Bei AFS gehören halt alle dazu, und das prägt auch unsere Arbeit im Aufsichtsrat. Mich hat außerdem immer gereizt, neue Dinge auszuprobieren und gesammelte Erfahrungen direkt umzusetzen, zum Beispiel während der Corona-Pandemie. Als die Austauschprogramme plötzlich abgebrochen wurden, standen wir mit unserem ehrenamtlichen Gremium „Safari“ am Flughafen oder haben Online-Nachbereitungen organisiert, um die Gastschüler*innen in dieser schwierigen Situation aufzufangen. 

Seit 2022 bist du ehrenamtlich im Aufsichtsrat, seit Mai 2026 als Vorsitzender. Was hat dich motiviert, diese Aufgabe zu übernehmen?  

Ich war lange Zeit Delegierter und habe in einer Arbeitsgruppe des Aufsichtsrates mitgearbeitet, die das neue Leitbild für den Verein erarbeitet hat. Mich hat es einfach motiviert, aktiv mitzugestalten, wie wir als Verein arbeiten wollen. Daraufhin habe ich 2022 für den Aufsichtsrat kandidiert und wurde nach meiner ersten dreijährigen Amtszeit wiedergewählt.  

Als die bisherige Vorsitzende dieses Jahr entschied, nicht erneut anzutreten, standen wir als Gremium vor einer neuen Situation. Wir haben abgewogen und kontrovers diskutiert. Schließlich habe ich den Vorsitz übernommen. Mir geht es darum, Verantwortung für den Verein zu übernehmen, der mir seit 20 Jahren am Herzen liegt. Ich investiere gern einen großen Teil meiner Freizeit, damit AFS gut aufgestellt in die Zukunft geht.  

Könntest du dir vorstellen, eines Tages selbst mal Gastfamilie zu werden? 

Grundsätzlich kann ich mir das sehr gut vorstellen. Ich kenne die Perspektive bereits als früherer Gastbruder. Aktuell scheitert es vor allem an Platz in meiner Wohnung für ein Gastkind. Davon berichten uns vor allem in den größeren Städten viele, da Wohnraum teurer wird und Homeoffice Zimmer blockiert.  

Was möchtest du Jugendlichen mitgeben, die heute überlegen, diesen Schritt ins Ausland zu gehen? 

Das große Wagnis besteht darin, sich wirklich auf die Kultur vor Ort einzulassen. Durch die zunehmende Vernetzung der Welt ist es schwieriger geworden, komplett einzutauchen. Man muss eine bewusste Entscheidung treffen und sich trauen zu sagen: „Ich bin vielleicht auch nicht die ganze Zeit für alle zu Hause erreichbar.“ Aber wer diesen Schritt wagt, wird mit unglaublich intensiven Erfahrungen und völlig neuen Perspektiven belohnt.

×