Die Frauen, die AFS Deutschland in der Nachkriegszeit mit aufgebaut haben

1950 – Der Zweite Weltkrieg liegt erst wenige Jahre zurück. Deutschland befindet sich im Wiederaufbau.
In dieser Zeit bekommt eine kleine Gruppe deutscher Schüler*innen eine außergewöhnliche Chance: Sie reisen mit dem Schiff in die USA, um dort ein Austauschjahr zu verbringen. Wahrscheinlich ist es für sie alle die erste Begegnung mit einem anderen Land, einer anderen Kultur und einer anderen Art zu leben.
Am Hafen in New York werden sie persönlich von Steven Galatti empfangen, dem damaligen Director General des American Field Service. Er begrüßt die Jugendlichen, nimmt sie in den Arm und heißt sie willkommen. Für viele von ihnen wird diese Erfahrung zu einem Wendepunkt.

Unter den Austauschschüler*innen ist Helga von Hoffmann. Tief beeindruckt von der Offenheit und Gastfreundschaft, die sie in den USA erlebt, trifft sie gemeinsam mit anderen Rückkehrer*innen auf der Rückreise eine Entscheidung: Diese Erfahrung soll auch für andere junge Menschen möglich werden.

Eine 19-Jährige baut AFS Deutschland auf

Zurück in Deutschland beginnt Helga von Hoffmann in Düsseldorf sofort zu handeln. Innerhalb weniger Monate sucht sie mehr als 50 Gastfamilien für amerikanische Austauschschüler*innen. Was sie antreibt, beschreibt Inge Rauschning später mit einfachen Worten: „Wir hatten das Gefühl, gebraucht zu werden.“
Ihr Engagement bleibt auch in New York nicht unbemerkt. 1952 wird das erste AFS Büro außerhalb der USA in Düsseldorf eingerichtet – und Helga gebeten, die Leitung zu übernehmen. Sie ist gerade einmal 19 Jahre alt.
Ohne Vorerfahrung und ohne bestehende Strukturen beginnt sie, ein Netzwerk aufzubauen. Ihr Büro besteht aus einem kleinen Raum, einem gebrauchten Schreibtisch, einem unbequemen Stuhl und einer alten Reiseschreibmaschine. Was sie hat, ist eine klare Überzeugung: dass internationale Begegnung Vertrauen schaffen und Verständigung ermöglichen kann. Und sie hat die Fähigkeit, andere Menschen dafür zu begeistern.

Schon bald entstehen überall in Deutschland ehrenamtliche AFS-Komitees. Familien zwischen Flensburg und Passau öffnen ihre Türen für Austauschschüler*innen. Bereits wenige Jahre später engagieren sich hunderte Ehrenamtliche im Netzwerk. In einem Land, das noch immer von den Folgen des Krieges geprägt ist, wächst so Schritt für Schritt ein Netzwerk internationaler Begegnung.

Eine Generation junger Frauen

Helga von Hoffmann ist mit dieser Arbeit nicht allein. Zeitgleich engagiert sich eine ganze Generation junger Frauen, die AFS Deutschland über Jahrzehnte hinweg prägen wird.
Zu ihnen gehört Rosi Popp. Nach ihrem eigenen Austauschjahr in den USA übernimmt sie früh Verantwortung im Ehrenamt. In Bremen organisiert sie Programme, betreut Austauschschüler*innen und gestaltet die sogenannten „Bremer Tage“ – mehrtägige Einführungstreffen für amerikanische Jugendliche, die mit dem Schiff nach Deutschland kommen. Gemeinsam mit Helga geht sie sogar direkt zum Bremer Senat, um Unterstützung für die Begrüßung der Austauschschüler*innen zu organisieren. Beide sind damals kaum zwanzig Jahre alt. „Wir waren frisch und frei und durchsetzungsfähig“, erinnert sich Inge Rauschning später.

Auch Inge selbst gehört zu dieser Generation. Ihr Austauschjahr führt sie 1951 in die USA. Danach bleibt sie der Organisation über Jahrzehnte hinweg verbunden. Mehr als 30 Jahre lang ist sie Komiteevorsitzende in Göttingen, engagiert sich in verschiedenen Gremien und begleitet Programme über Generationen hinweg. Sie wird mehrfach Gastmutter, Entsendemutter und später sogar Gast- und Entsendegroßmutter. Noch heute steht sie AFS mit ihrer Erfahrung und ihren Erinnerungen zur Seite.

Besonders prägend ist ihr Engagement für den Wiederaufbau von Austauschprogrammen in Bosnien und Herzegowina nach dem Krieg der 1990er Jahre. Durch ihre Kontakte und ihr Engagement trägt sie entscheidend dazu bei, dass AFS-Programme in der Region wieder aufgebaut wurden.
Rückblickend beschreibt sie die Haltung dieser frühen Jahre so: „Wir haben nie gedacht: Das kann ich nicht. Stephen Galatti hat immer gesagt: You can do it.“ Dieses Vertrauen in junge Menschen wird zu einem prägenden Prinzip von AFS.

Die Frau, die AFS Deutschland strukturierte

Eine weitere Schlüsselfigur dieser Entwicklung ist Bärbel Helmers.
1953 reist sie als 17-jährige Austauschschülerin in die USA. Auch für sie wird diese Erfahrung zum Ausgangspunkt eines lebenslangen Engagements. Nach ihrer Rückkehr engagiert sie sich zunächst ehrenamtlich, bevor sie Ende der 1950er Jahre hauptamtlich bei AFS arbeitet. 1961 übernimmt sie mit nur 25 Jahren die Leitung der Organisation. In einer Zeit, in der junge Frauen selten Führungsverantwortung erhielten, leitet sie eine Organisation, die internationale Austauschprogramme koordiniert und stetig wächst.
1962 gründet sie den „Verein der Freunde und Förderer des AFS“. Diese Struktur schafft die Grundlage für die langfristige Entwicklung des Vereins.
Über mehr als drei Jahrzehnte prägt sie AFS Deutschland als Geschäftsführerin. Viele nennen sie später schlicht „Mrs. AFS Germany“.

Warum Frauen AFS prägten

Dass so viele Frauen in den ersten Jahrzehnten von AFS zentrale Rollen übernahmen, war kein Zufall. Die Nachkriegszeit war eine Zeit des Aufbruchs und der Neuorganisation. Viele junge Menschen wollten aktiv an einer anderen Zukunft mitarbeiten. Organisationen wie AFS boten ihnen dafür einen Raum. AFS war jung und ohne starre Hierarchien. Vieles entstand aus Initiative, Engagement und Vertrauen. Aufgaben wurden oft nach dem Prinzip „learning by doing“ übernommen – unabhängig von Alter oder formalen Qualifikationen.

Für viele Frauen eröffnete sich hier die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, Netzwerke aufzubauen und internationale Programme mitzugestalten. Viele der frühen AFS-Pionierinnen verbanden später Familie, Beruf und ehrenamtliches Engagement miteinander. Sie organisierten Gastfamilien, betreuten Austauschschüler*innen und hielten lokale Netzwerke über Jahrzehnte hinweg zusammen.
Von Widerständen berichten sie rückblickend kaum. Vielleicht auch, weil sie sich die Frage, ob sie etwas dürfen, selten stellten. „Ein Bürgermeister ist doch auch nur ein Mensch“, erinnert sich Inge Rauschning an die Haltung dieser Zeit.

Engagement, das Generationen verbindet

Auch Waltraut „Traudl“ Stürmer gehörte zu den langjährigen Ehrenamtlichen, die AFS Deutschland über viele Jahre hinweg mitgetragen haben. Wie zuvor schon Rosi Popp und Inge Rauschning wurde auch sie für ihr außergewöhnliches Engagement mit dem Galatti Award ausgezeichnet – der höchsten internationalen Ehrung für ehrenamtliche Arbeit bei AFS.
Gemeinsam stehen diese Frauen stellvertretend für eine Generation von Ehrenamtlichen, die AFS in Deutschland aufgebaut und geprägt haben. Ihr Engagement war selten laut. Aber es war dauerhaft.

Ein Vermächtnis, das weiterwirkt

Heute ermöglicht AFS jedes Jahr tausenden jungen Menschen weltweit interkulturelle Lernerfahrungen. Dass diese Programme existieren, ist auch das Ergebnis der Arbeit dieser frühen Generation.
Frauen wie Helga von Hoffmann, Bärbel Helmers, Rosi Popp, Inge Rauschning oder Traudl Stürmer haben Strukturen aufgebaut, Netzwerke geschaffen und Verantwortung übernommen – lange bevor dies selbstverständlich war.
Wir erinnern uns an diese Frauen. Und an die vielen weiteren, die AFS über Jahrzehnte hinweg geprägt haben. Denn die Geschichte von AFS Deutschland ist auch eine Geschichte von Frauen, die Verantwortung übernommen haben – und damit eine Organisation aufgebaut haben, die bis heute junge Menschen auf der ganzen Welt verbindet.

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