Paula, Kolumbien, weltwärts, 2024

Vom 22.02.2024 bis zum 16.01.2025 war ich im Rahmen meines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes über weltwärts mit AFS, finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), in Kolumbien, in Popayán, bei dem Projekt “Las Alicias Granja Agroturistíca” tätig.
Als ich am El Dorado Flughafen in Bogotá, Kolumbien, ankam, konnte ich mir noch kaum vorstellen, dass ein so spannendes Jahr vor mir liegt – ein Jahr, in dem mir Kolumbien und seine Menschen tief ans Herz wachsen würden und ich schließlich mit einer zweiten Familie und einem zweiten Zuhause gehe – voller Dankbarkeit für die Begegnungen, Erfahrungen und Lernprozesse, die mich nicht nur persönlich bereichern, sondern auch mein Bild vom Land tief und nachhaltig geprägt haben.
Ich spreche in diesem Bericht von meinen persönlichen Erfahrungen und Eindrücken.
Wie hat sich dein Eindruck innerhalb deines Auslandsaufenthalts entwickelt?
Kolumbien ist ein unfassbar vielfältiges Land und hat mich auf eine Weise begeistert, mit der ich vorher nicht gerechnet habe. Als ich mich im Rahmen meines Freiwilligendienstes für dieses Land entschied, wusste ich ehrlich gesagt nur wenig darüber, abgesehen von den Informationen aus den Vorbereitungsseminaren und vereinzelten Erzählungen. Letztendlich war es eine intuitive Entscheidung, die mir echt Angst gemacht hat, aber rückblickend war es die beste Entscheidung. Selbst jetzt nach Monaten meiner Rückkehr ist noch kein Tag vergangen, an dem ich nicht an die Zeit dort gedacht habe.
Einige Eindrücke, die mir im Vorfeld begegneten, waren geprägt von Stereotypen und einseitigen Darstellungen. Ich war mir jedoch bewusst darüber, dass dies nur ein sehr eingeschränktes Bild war, und ging mit der Haltung ins Jahr, mir mein eigenes Bild zu machen.
Vor meiner Ausreise war konnte ich mir nicht vorstellen, wie unfassbar groß das Land wirklich ist und wie viel Kolumbien zu bieten hat, sowohl geografisch als auch kulturell. Während meiner Reisen wurde ich immer wieder aufs Neue von der Vielfalt in der Natur überwältigt. Von Küste über dichte Regenwälder im Amazonas, die Anden, Wüsten und Kaffeeplantagen. Dass ich, wenn ich mit dem Bus nur ein paar Stunden unterwegs bin, auf ganz anderes Klima treffe, hat mir die Vielfältigkeit definitiv bestätigt. Vor meiner Ausreise habe ich auch gehört, dass es dort zahlreiche Vogelarten gibt, und das durfte ich auch erlebt. Das ganze Jahr über sah ich, egal wo ich war, kleine gelbe Vögel oder Kolibris und jedes Mal habe ich mich gefreut. 
Mir wurde zudem von der Offenheit den Kolumbianer*innen erzählt. Besonders beeindruckt haben mich die kolumbianische Gastfreundschaft und die starke Gemeinschaftsorientierung. Auf den Märkten durfte ich Früchte probieren oder ich wurde zu Ausflügen eingeladen. Viele Menschen begegneten mir mit echtem Interesse und Offenheit. Gleichzeitig lernte ich, kulturelle Unterschiede, etwa im Umgang mit Zeit, Kommunikation oder Konflikten als Bereicherung zu sehen. Mit der Zeit wurden mir die Gegensätze bewusst. Auf der einen Seite die lebendigen Städte mit ihrer farbenfrohen Kultur und Musik, auf der anderen Seite die Herausforderungen, mit denen viele Menschen im Alltag konfrontiert werden, finanziell als auch sicherheitsbedingt, aber trotzdem hatte ich den Eindruck, dass Kolumbianer*innen die Fähigkeit haben, auch unter schwierigen Umständen hoffnungsvoll zu bleiben.
Mein Eindruck von Kolumbien wandelte sich im Laufe der Monate von vorsichtiger Neugier zu aufrichtiger Wertschätzung. Ich begann, die Vielfalt des Landes zu entdecken – sei es durch Reisen, durch Gespräche oder durch alltägliche Erfahrungen. Ich verstand besser, welche historische und soziale Komplexität hinter vielen Situationen steckt, und lernte, nicht vorschnell zu urteilen.
Hast du viel mit Gleichaltrigen unternommen?
Durch die Vorbereitungsseminare hatte ich bereits die Gelegenheit, Gleichaltrige kennenzulernen. Mit einigen von ihnen bin ich schließlich gemeinsam nach Kolumbien geflogen, wo wir die ersten Tage im Camp verbrachten. Ich bin sehr dankbar für diese gemeinsame Anfangszeit, da wir dadurch die Möglichkeit bekamen, uns zusammen auf das bevorstehende Jahr einzustimmen und gegenseitig zu unterstützen.
Zusammen mit zwei weiteren Freiwilligen reiste ich anschließend nach Popayán, der Hauptstadt und zugleich größten Stadt des Departamentos Cauca. Vor Ort fiel es mir zunächst schwer, Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen, da mein Projektumfeld eher von älteren Personen geprägt war und auch wenn ich zunächst eher Begegnungen hatte, die oberflächlich verblieben, bin ich trotzdem dankbar für jedes Gespräch. Durch die Unterstützung meiner Gastmutter, öffneten sich nach und nach Türen. Zum Glück nahm mich meine Gastmutter schon in meiner ersten Woche mit in die Universität, an der sie arbeitet. Dadurch eröffnete sich mir die Möglichkeit, Studierende in meinem Alter kennenzulernen, anfangs etwas schwierig durch die Sprachbarriere, aber mit der Zeit immer leichter. Ich durfte an Vorlesungen teilnehmen und mich den Klassen vorstellen. In einer der Kurse lernte ich schließlich eine kleine, offene und herzliche Gruppe kennen. Ein Mädchen sprach etwas Englisch, der Rest wurde von meiner Gastmutter übersetzt. Sie luden mich ein, mit ihnen in eine Bar namens „BBC“ mitzukommen. Obwohl ich anfangs etwas nervös war, bemühten sie sich sehr, mich einzubeziehen und mir alles verständlich zu machen. Das gab mir ein gutes Gefühl und stärkte mein Selbstvertrauen, einfach zu sprechen.
Zusammen mit einer Freundin war ich nach der Arbeit oft in der Schwimmhalle oder wir sind zum Wasserfall gefahren, um dort zu schwimmen oder einfach nur zu reden. Ich habe viel Zeit in der Uni verbracht, wodurch eine weitere tolle Freundschaft entstanden ist. Wir waren oft Salchipapa essen oder ich bekam ein paar Salsa Stunden. Ich bin sehr dankbar für die neuen Freundschaften und für alle Momente mit ihnen.
Was war am Anfang neu und ungewohnt und am Ende „normal“?
Tatsächlich war das Erste, womit ich überrascht wurde, die Spontanität. Es äußerte sich in meinem Projekt, indem die Arbeit für den Tag spontan entschieden oder geändert wurde. Anfangs hat mich die Ungewissheit sehr gestresst, aber ich lernte mich darauf einzulassen und spontaner zu reagieren.
Ein weiterer Punkt war, dass man den Sicherheitsgurt in den Autos nicht benutzt. Ich habe mich so daran gewöhnt, dass ich ihn nach dem Jahr in Kolumbien dann auch zu Beginn in Deutschland vergaß. Allgemein das Verkehrschaos war ungewohnt. Motorradfahrer überholen von allen Seiten und wer hupt, hat Vorfahrt. Das Bussystem ist sehr interessant, aber ich brauchte etwas Zeit, um mich einzufinden und habe anfangs oft den falschen Bus genommen. Die Busse haben Nummern, die vorne, zusammen mit der Route, auf einem Schild in der Windschutzscheibe abgebracht sind, doch es gibt mehrfach die gleiche Nummer, sodass auch die Farbe des Busses wichtig ist. Es gibt keinen strikten Busplan und kaum richtige Haltestellen. Wenn man einsteigen will, streckt man seinen Arm aus und winkt ihn heran, und wenn man raus will, drückt man die Klingel oder ruft “Por aquí, por favor”. Auch die Entfernungen waren eine Umstellung. Eine sechsstündige Busreise war auf einmal völlig okay.
Im kolumbianischen Haushalt wird das Toilettenpapier nicht in die Toilette geworfen, sondern in einen separaten Mülleimer. Zu Beginn habe ich oft nicht daran gedacht, aber irgendwann habe ich es dann auch völlig automatisch in den Mülleimer geworfen, selbst nach meiner Ankunft in Deutschland.
Tiendas sind kleine Läden, die man fast an jeder Straßenecke findet. Sie sind ein fester Bestandteil des kolumbianischen Alltags. Viele sind nur ein paar Quadratmeter groß, oft mit Gitter oder Theke zwischen Kundschaft und Ware und man sagt einfach, was man möchte. Es war sehr praktisch, wenn ich mal einen Snack brauchte.
Das für mich eindrucksvollste war das Klima. In Kolumbien gibt es keine Jahreszeiten, die Sonne scheint ganzjährig zwölf Stunden am Tag. Sie geht gegen 6 Uhr auf und gegen 18 Uhr unter. In Popayán war das Klima immer sehr mit unserem Frühling zu vergleichen, durchschnittlich warm, um die 20 Grad, aber es hat sehr viel und stark geregnet. Wenn ich jedoch nur ein paar Stunden weiter nach Cali gefahren bin, war es unfassbar warm. Natürlich gab es noch sehr viele andere Dinge.
Kannst du kulturelle Unterschiede/Gemeinsamkeiten benennen?
Kulturelle Unterschiede zeigen sich unter anderem in Bereichen wie bei Werten und Überzeugungen, der Art zu kommunizieren, dem Familienleben, den Rollen von Männern und Frauen, dem Stellenwert von Religion oder dem Umgang mit Zeit. So wird etwa in Kolumbien die Familie oft als zentrale soziale Einheit gesehen, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und ältere Generationen stark eingebunden. Dass Familien in Kolumbien häufig stark hierarchisch organisiert sind – wobei insbesondere älteren männlichen Familienmitgliedern besonderer Respekt entgegengebracht wird – wurde mir von anderen erzählt. Meine Gastmutter ist sehr emanzipiert, wodurch es keine spürbare hierarchische Struktur gab. Ich wurde von Anfang an als gleichwertiges Familienmitglied aufgenommen und auch so behandelt, was mir ein sehr wertschätzendes und offenes Miteinander ermöglichte.

Während den Novenas hatte ich das Gefühl, dass sich die Familie besonders nahe ist. Die Novenas in Kolumbien sind eine traditionelle neuntägige Gebetsreihe vor Weihnachten, die vom 16. bis 24. Dezember gefeiert wird. Familien und Freunde treffen sich täglich, um gemeinsam zu beten, singen, essen und sich auf die Geburt Jesu vorzubereiten. Ich schätze es sehr, dass ich daran teilhaben durfte und diese Tage miterleben konnte. Auch die Stadt wurde wunderschön geschmückt.
Auch das Zeitverständnis ist entspannter, Pünktlichkeit und Zeitpläne sind nicht sehr strikt. So kam es am Anfang besonders oft vor, dass ich pünktlich fertig war und wir letztendlich erst eins, zwei Stunden später losgefahren sind oder ich viel zu früh da war. Auch wenn es mich manchmal gestresst hat, muss ich sagen, dass ich das flexible Zeitverständnis eigentlich sogar ziemlich gut finde, da ich selbst gerne zu spät komme. Oft wurde mir dann lächelnd gesagt, dass ich in diesem Punkt die kolumbianische Kultur und tranquilidad übernommen habe. Hieran merkt man gut, dass Kultur von Person zu Person unterschiedlich ist.
In der Kommunikation wird häufiger indirekt gesprochen, um Höflichkeit und Harmonie zu wahren. Darüber wurde uns vorher auch erzählt, und hat mich tatsächlich das eine oder andere Mal verwirrt. Aber letztendlich habe ich mich darauf eingelassen und gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und meine Kommunikation dem Stil anzupassen. Inhalt ist oft weniger wichtig als wie etwas gesagt wird. So kann ein freundlicher Ton ein „Nein“ sanft verpacken. Innerhalb meiner Gastfamilie war es meiner Gastmutter jedoch sehr wichtig, dass wir Probleme und Missverständnisse direkt und offen kommunizieren.
Religion, vor allem der Katholizismus, spielt im Alltag vieler Menschen eine bedeutende Rolle. So bin ich an den verschiedensten Orten biblischen Bilder oder Statuen begegnet. Der Großteil der Bevölkerung ist katholisch, was sich in vielen Traditionen, Festen und familiären Strukturen widerspiegelt, wie zum Beispiel während den Novenas oder der Semana Santa (Karwoche). In Städten wie Popayán gibt es während der Karwoche große, feierliche Prozessionen mit Kerzenlicht und Musik. Das war ein sehr schönes Erlebnis.
Welche Aufgaben hast du innerhalb deines Auslandsaufenthalts übernommen und wie wurdest du darauf vorbereitet?
Das Projekt, in welchem ich in dem Jahr arbeitete, heißt “Las Alicias Finca Agroturística “. Ein zentrales Ziel des Projekts ist es, durch das Restaurant das Wissen über traditionelle Gerichte zu bewahren und gleichzeitig durch ökologischen Anbau einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Zusätzlich informiert ein Lehrpfad über ökologische Landwirtschaft und trägt so zur Bildung der ländlichen Bevölkerung bei.
Ich habe auch sehr viel neues in diesen Bereichen lernen dürfen. Meine Aufgaben bestanden anfangs besonders darin, in der ökologischen Landwirtschaft zu unterstützen, beispielsweise mit der Dünger- und Kaffeeherstellung, Aussaat und Ernte von Gemüse und Obst oder auch der Anpflanzung von Pflanzen und Bäumen. Mir wurde hierbei anfangs mehr mit Händen und Füßen gezeigt, was ich machen soll und als ich besser Spanisch konnte, wurde mir mit Herzlichkeit und Geduld auch erklärt, was eigentlich hinter den Schritten steckt. Ich fand es schön, dass man meiner Projektleiterin angemerkt hat, dass sie Leidenschaft und Herz in diese Arbeit steckt. 
Zum Ende hin beschäftigte ich mich mehr mit kreativen Aufgaben, wie der Erstellung von Infotafeln oder das Anfertigen von Wandgemälden. Eine Arbeitskollegin ist mir sehr ans Herz gewachsen. Sie dreht Videos über den Alltag der Farm und die Gerichte, die von ihrer Mutter gekocht werden und ich durfte ein Teil ihres Filmprojektes werden.
Wie viele Stunden hast du etwa in der Woche gearbeitet?
Die Stundenanzahl war eher abhängig davon, welche Arbeit gemacht werden musste und ob wir etwas zusammen machten oder ich allein war. Manchmal habe ich auch von zu Hause gearbeitet. Ich denke, dass ich auf etwa 25-30 Stunden Arbeitszeit pro Woche kam.
Hast du auch mal am Wochenende gearbeitet?
Nein, nicht wirklich. Ich war nur bei der Ankunft des neuen Freiwilligen einen Tag unterstützend anwesend.
Warst du während deiner Arbeitszeit ausgelastet/überfordert/unterfordert?
Zu Beginn meines Projekts fühlte ich mich oft überfordert. Mit der Zeit legte sich dieses Gefühl jedoch – besonders, als ich mich insgesamt besser eingelebt hatte und die Sprache zunehmend verstand. Dadurch konnte ich offener mit den Frauen im Projekt kommunizieren, was den Alltag persönlicher und entspannter machte.
Einige Aufgaben waren anfangs körperlich sehr anstrengend für mich, etwa das lange Stehen oder das Pflücken von Kaffee, da ich solche Tätigkeiten nicht gewohnt war. Auch die Sprachbarriere machte vieles schwieriger – doch Schritt für Schritt wurde mir das nötige Vokabular beigebracht, und ich fand mich besser zurecht.
Die spontane Planung führte gelegentlich dazu, dass ich mich an manchen Tagen überfordert fühlte, weil ich nicht wusste, wie ich etwas angehen sollte. An anderen Tagen hingegen war ich schnell fertig und hatte noch ein bisschen Zeit für die Hunde.
Gegen Ende des Jahres fanden wir ein gutes Gleichgewicht. Besonders schätzte ich dann die Flexibilität – ich konnte Aufgaben oder Arbeitstage bei Bedarf verschieben, was mir genug Freiraum für mich selbst, meine Freunde und meine Familie ermöglichte. Besonders geschätzt habe ich auch die persönlichen Gespräche mit den Frauen, etwa während der gemeinsamen Mahlzeiten oder nach der Arbeit. Hin und wieder waren auch ihre Kinder dabei – wir haben einige Aufgaben zusammen erledigt oder kreativere Sachen gemacht, wie Schilder bemalt, gespielt oder in der Weihnachtszeit Plätzchen gebacken.
Wie bist du zur Arbeit gekommen und wie viel Zeit hast du dafür benötigt?
Zu meinem Projekt nahm ich Busse, zwei hin und zwei zurück. Mit der Umsteigezeit brauchte ich pro Fahrt so etwa 1,5 Stunden, weil ich im Norden lebte und die Farm im Süden der Stadt war.
Gastfamilie/Unterkunft: Was waren deine ersten Eindrücke und (wie) haben sich diese im Laufe deines Auslandsaufenthalts verändert?
Meine Familie bestand aus meiner 27-jährigen Gastmutter und meiner 7-jährigen Gastschwester, die mit der Zeit mehr und mehr zu meiner kleinen Schwester wurde.
Meine Gastmutter ist eine sehr intelligente und liebenswürdige Frau, die im Laufe des Jahres mehr und mehr wie zu einer besten Freundin für mich wurde. Von Anfang an hatte sie ein offenes Ohr für mich, und wir führten viele Gespräche – mal leicht und lustig, mal tiefgründig und inspirierend. Diese besondere Verbindung war sehr bereichernd, denn mit ihr fand ich genau die richtige Balance zwischen Humor und ernsten Gesprächen. Nach der Arbeit fuhr ich oft zu ihr in die Universität, wo wir in ihren Pausen manchmal gemeinsam fresas con crema essen gingen – Momente, die mir viel bedeuteten.
Auch zu meiner Gastschwester entwickelte ich eine enge Bindung. Sie ist ein kluges, fröhliches Mädchen mit einer ansteckend positiven Energie, die mir viele schwierige Tage erleichtert hat. Sie war sehr interessiert daran, neue Wörter in anderen Sprachen zu lernen. Gleich zu Beginn erklärte sie mir die spanische Aussprache der Buchstaben und brachte mir erste Begriffe bei. Gemeinsam spielten wir oft Dobble, ein Spiel, das ich aus Deutschland mitgebracht hatte – dabei mischten wir Spanisch, Englisch und manchmal sogar Deutsch.
Da die Eltern meiner Gastschwester getrennt leben, aber ein gutes Verhältnis pflegen, wurde sie abends häufig von ihrem Vater oder den Großeltern nach Hause gebracht, wenn meine Gastmutter noch arbeitete und ich passte auf sie auf. Anfangs war ich mit der neuen Rolle als große Schwester überfordert – in Deutschland habe ich nur eine ältere Schwester und bin nicht mit jüngeren Kindern aufgewachsen. Doch diese neue Verantwortung wurde schnell zu einer schönen Erfahrung. Mit der Zeit lernten wir uns immer besser kennen und verbrachten viele schöne Stunden miteinander – beim Spielen, Lachen und einfach im gemeinsamen Alltag.
Das gemeinsame Pizzabacken entwickelte sich im Laufe des Jahres zu einer kleinen Tradition. Nebenbei verbrachten wir viele schöne Momente zusammen – wir spielten Spiele, unternahmen Ausflüge oder machten gemütliche Filmabende. Beim gemeinsamen Essen sprachen wir über unseren Tag und tauschten den neuesten Klatsch aus. Meine Gastmutter und Gastschwester erklärten mir geduldig alles, was ich nicht verstand – von neuen Vokabeln bis hin zu kulturellen Eigenschaften. Teil einer neuen Familie zu werden und ihre Geschichte kennenzulernen, war ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Mir wurde dadurch bewusster, dass jede Familie ihre individuellen Herausforderungen hat.
Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich mein Jahr mit ihnen verbringen durfte. Nach jeder Reise hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen.
Wie hast du das Einleben/den Abschied empfunden?
Kurz nachdem ich in Popayán angekommen bin, wurde mir mit einem Lächeln erzählt, dass auch für mich eine Familie gefunden wurde, was mich zum einen sehr erleichtert und neugierig gemacht hat, aber gleichzeitig war ich auch unfassbar aufgeregt. Doch sie gaben mir vom ersten Tag an das Gefühl, willkommen und Teil der Familie zu sein.
Sie leben zu zweit in einem Apartment in einem Condominio, ein meist umzäuntes Wohngebiet mit einem 24-Stunden-Wachpersonal. Das Apartment war im dritten Stock und bei gutem Wetter konnte ich die schönsten Sonnenuntergänge beobachten.

Das Soziales Leben innerhalb war sehr ausgeprägt, es gab ein paar kleine Unternehmen, wie kleine Lieferrestaurants und eine sehr nette Frau, die einen Nagelsalon in ihrer Wohnung führt. Ich fand das Einleben zunächst schwierig und ich war auch zu Beginn sehr zurückhaltend, was besonders an der Sprachbarriere lag. Es war für uns alle eine Herausforderung, dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen, aber zusammenleben. Zudem war ich anfangs durch die vielen neuen Eindrücke und der fremden Sprache körperlich und mental oft sehr erschöpft und habe sehr viel geschlafen. Auch meine Gastmutter erzählte mir später, dass sie oft Kopfschmerzen hatte. Gleichzeitig war genau dieser Anfang auch echt spannend. Es war schön zu merken, wie ich mich mit zunehmender Zeit immer besser unterhalten konnte und wir mehr Gespräche führten. Ich habe gelernt mich im Alltag und der Stadt zurechtzufinden und eine Routine zu entwickeln. Diese kleinen Fortschritte gaben mir das Gefühl, wirklich anzukommen.
Der Abschied war ein Tag, den ich gerne viel länger herausgezögert hätte. Der Tag schien immer so lange hin und plötzlich war er da. Dass ich jetzt die Menschen und die Stadt zurücklassen muss, die mir über das Jahr unfassbar ans Herz gewachsen sind, war ein sehr, sehr schweres Gefühl in der Brust. Meine Gastschwester habe ich verabschiedet, als wir sie zur Schule gebracht haben. Meine Gastmutter hat mich zum Flughafen begleitet, von welchem aus ich dann in die Hauptstadt geflogen bin. Wir haben uns umarmt und uns damit verabschiedet, dass wir uns wiedersehen werden. Die Tränen sind schon ein paar Tage vorher geflossen, aber an dem Tag war es noch viel härter. Beide meinten, dass es auch für sie schwer sein wird, da wir uns aneinander gewöhnt haben. Trotzdem habe ich mich auch sehr gefreut, meine Familie in Deutschland zu begrüßen. Seit ich wieder in Deutschland bin schicken wir uns Updates oder telefonieren manchmal.
Wie hat die Betreuung durch Partnerorganisation im Gastland stattgefunden?
Es gab ein Hauptbüro in Bogotá und im Land verteilte lokale Komitees, die die Betreuung der Freiwilligen in den entsprechenden Gebieten übernahmen. Die Freiwilligen haben eine Kontaktperson bekommen, um mit dieser über die Fortschritte oder/und Herausforderungen zu sprechen. Die Organisation des Hauptbüros hat einen sehr organisierten Eindruck auf mich gemacht, das lokale Komitee von der Stadt, in der ich war, eher weniger. Zu Beginn haben die monatlichen Treffen ziemlich gut funktioniert und wir konnten uns gut mit der Ausreise vor uns unterhalten oder wir haben gemeinsam lustige kleine Aktivitäten unternommen, wie Bingo spielen, Malen oder eine Art Schnitzeljagd durch die Stadt. Als die anderen Freiwilligen dann abreisten und die nächsten kamen, wurden wir die meiste Zeit von ihnen getrennt, sodass wir kaum Kontakt knüpfen konnten und auch die Aktivitäten blieben aus. Der geringe Kontakt mit dem Komitee hat mich verunsichert, aber kaum aktiv betroffen.
An welchen Seminaren o.ä. hast du teilgenommen?
Wie alle anderen Freiwilligen nahm ich vor meiner Ausreise an einem zweiteiligen Vorbereitungsseminar in Deutschland teil, welches uns half, sich auf den Freiwilligendienst vorzubereiten und uns ersten Einblick in das Leben im Ausland gaben.
In Kolumbien selbst fanden dann ein „On-Arrival-Camp“ bei der Ankunft, ein „Mid-Stay“ bei etwa der Hälfte und ein „End-Of-Stay“ am Ende des Auslandaufenthalts statt. In den Camps sprachen wir besonders über unsere Erfahrungen und persönliche Entwicklung. Es war sehr schön, ein paar Tage mit den anderen Freiwilligen zu verbringen und sich auszutauschen.
Etwa einen Monat nach der Rückkehr nach Deutschland gab es dann noch das letzte, das Nachbereitungsseminar. Das Ziel dabei ist es, die im Ausland gesammelten Erfahrungen zu reflektieren und Perspektiven für die Zukunft zu finden.
Welche Erwartungen hattest du an AFS Deutschland und haben sich diese erfüllt?
Meine wichtigste Erwartung an AFS Deutschland war, dass sie im Falle eines Rückkehrwunsches eine schnelle und reibungslose Rückreise nach Deutschland ermöglichen würde. Da ich nicht in der Situation war, konnte die Erwartung auch nicht erfüllt werden, aber von anderen Freiwilligen, die vorzeitig zurückgereist sind, habe ich gehört, dass die Rückkehr schnell und unkompliziert organisiert wurde.
Während der Vorbereitungszeit in Deutschland fühlte ich mich von AFS gut betreut. Die Seminare waren hilfreich und besonders während den Visa-Fragen habe ich mich sehr gut unterstützt gefühlt.
In einigen Situationen haben mir die Themen und vorgestellten Konzepte dieser Seminare geholfen, Situationen besser einzuschätzen, wie zum Beispiel das Kultur-Person-Situation-Konzept, der Eisberg, die indirekte und direkte Kommunikation oder auch Kollektivismus und Individualismus. Ich werde diese Themen und Konzepte auch weiterhin im Kopf behalten und sie in Zukunft nutzen, um kulturelle Vielfalt differenziert zu verstehen.
Gab es Konflikte und wie bist du/deine Gastfamilie/deine Kolleginnen und Kollegen damit umgegangen?
Es gab zwar herausfordernde Situationen und mal Unstimmigkeiten, aber nie einen richtigen Streit. Durch offene Kommunikation konnten wir alles klären und gemeinsam Lösungen finden.
In welcher Sprache hast du dich in deiner Gastfamilie und während der Arbeit vorwiegend verständigt?
Meine Gastfamilie spricht fast ausschließlich nur Spanisch, sodass ich von Anfang an viele Kontaktpunkte zur Sprache hatte. Da meine Gastmutter aber dabei war Englisch zu lernen, haben wir uns gegenseitig unterstützt und beide Sprachen gemischt, was mir besonders am Anfang, aber auch zwischendurch sehr geholfen hat. Mit der Zeit haben wir mehr auf Spanisch gesprochen, sodass ich besonders zum Ende hin starke Verbesserungen bemerkte. Mit zunehmenden Sprachkenntnissen gestaltete sich auch das Zusammenleben mit meiner Gastfamilie deutlich einfacher und Freundschaften vertieften sich. Anfangs hörte ich bei den Gesprächen nur zu oder stellte Verständnisfragen, doch je mehr ich mich sprachlich ausdrücken konnte, desto besser konnte mich mein Umfeld kennenlernen.
Meine Projektleiterin war selbst für längere Zeit in Deutschland und hatte somit sehr gute Deutschkenntnisse, sodass sie mir zu Beginn alles auf Deutsch erklärt. Als sie dann umgezogen ist, habe ich beim Projekt nur noch Spanisch gehört und gesprochen.
Hattest du bei der Ankunft ausreichend Sprachkenntnisse und wie schätzt du die Entwicklung deiner Verständigungsfähigkeit am Ende deines Auslandsaufenthalts ein?
Bevor ich nach Kolumbien flog, hatte ich etwas Angst vor der Sprachbarriere, da ich kein Wort Spanisch gesprochen habe. Ich habe zwar mit Duolingo versucht Wörter und kleine Sätze zu lernen, aber letztendlich konnte ich mich keineswegs ausdrücken, sodass ich viel mit Übersetzern oder Händen und Füßen arbeitete. Zwischendurch war ich traurig, da ich nur sehr langsam eine Verbesserung spürte, aber als ich gemerkt habe, dass ich meinen Alltag gut meistern kann, war ich ein bisschen stolz auf mich. Mit zunehmender Sprachsicherheit war es eine große Erleichterung, mich besser verständigen und meine Gefühle zum Ausdruck bringen zu können. Ich finde es wirklich interessant, wie viel man von der Sprache durch alltägliche Gespräche lernt.
Wie wurde von deinen Kolleginnen und Kollegen/Familie auf die ggf. nicht ganz aus reichender Sprachkompetenz reagiert?
Meine Familie und die Personen aus meinem Projekt gingen sehr verständnisvoll mit der Sprachbarriere um und begegneten mir mit viel Geduld. Besonders meine Gastfamilie unterstützte mich sehr. Meine Gastschwester sprach langsam und wiederholte die Dinge mehrmals, damit ich es verstehen kann und meine Gastmutter unterhielt sich regelmäßig mit mir, wodurch ich durch aktives Zuhören viel passiv lernte. Oft erklärte sie mir Worte auch während den Gesprächen mit anderen, damit ich gut folgen kann. Sie hat mich immer motiviert zu sprechen und gab mir Komplimente für die einfachsten Wörter und Sätze, was mein Selbstvertrauen stärkte, einfach zu sprechen. Aktiv lernte ich etwas durch den Spanischunterricht, den wir von AFS zu Beginn des Jahres bekamen.
Was bedeutet für dich globales Lernen?
Globales Lernen bedeutet für mich, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und sich mit globalen Zusammenhängen wie sozialer Gerechtigkeit, kultureller Vielfalt, Umweltschutz und Machtverhältnissen auseinanderzusetzen. Es geht besonders darum, sich der globalen Ungleichheiten bewusst zu werden, insbesondere wegen der kolonialen Vergangenheit und Gegenwart sowie der historischen und politischen Prozesse.
Während den AFS-Seminaren wurden wir über Konzepte wie dem Kultur-Person-Situation-Konzept, den Eisberg oder die D.I.V.E.-Methode aufgeklärt. Diese Konzepte ermöglichen ein tieferes, respektvolleres Verständnis kultureller Unterschiede. Sie machen deutlich, dass globales Lernen nicht nur Wissen über „andere Länder“ ist, sondern ein aktiver, reflektierter Prozess, der das eigene Verhalten, Denken und Fühlen mit einschließt – ein andauernder Prozess, der bei jedem selbst beginnt und es braucht Offenheit, Reflexion und die Bereitschaft, aus der eigenen Komfortzone herauszutreten, Stereotype zu hinterfragen und eigene Privilegien und kulturelle Prägungen nachzudenken.
Durch meinen Freiwilligendienst in Kolumbien konnte ich aus meiner eigenen Komfortzone hinausgehen und habe hier die Möglichkeit bekommen das Leben einer neuen Kultur kennenzulernen, neue Perspektiven anzunehmen und Begegnungen machen zu dürfen. Mein Aufenthalt in Kolumbien war aus mehreren Gründen ein Privileg, sowohl auf persönlicher als auch auf struktureller Ebene. Während Nord-Süd-Freiwilligendienste staatlich gefördert und gesellschaftlich anerkannt sind, haben junge Menschen aus Ländern wie Kolumbien oft keinen vergleichbaren Zugang zu einem Süd-Nord-Freiwilligendienst – aufgrund fehlender Förderstrukturen, hoher Kosten, Visabeschränkungen oder politischer Hürden. Das zeigt die bestehende globale Ungleichheit.
Globales Lernen heißt für mich auch, Empathie zu entwickeln und voneinander zu lernen, nicht nur kognitiv und theoretisch, sondern auch emotional und durch gemeinsames Handeln. Es fördert ein Bewusstsein dafür, wie unser Handeln mit dem Leben von Menschen in anderen Teilen der Welt verknüpft ist und wie wichtig es ist, sich aktiv für eine gerechtere globalen Welt einzusetzen.
Was hast du über Entwicklungszusammenarbeit gelernt?
Bei der Entwicklungsarbeit ist es wichtig, die lokalen Realitäten und Perspektiven ernst zu nehmen und bestehende Ressourcen und Kompetenzen nachhaltig zu stärken, anstatt von außen Lösungen aufzuzwingen und einen Helferkomplex zu befriedigen. Entwicklungszusammenarbeit wird häufig von einem eurozentrischen Blickwinkel geprägt, wobei die westlichen Länder und Organisationen dazu neigen, ihre Werte, Strukturen und Lösungsansätze als allgemeingültig zu betrachten ohne den spezifischen historischen, kulturellen und sozialen Kontext vor Ort ausreichend zu berücksichtigen. Dieses Denken kann zu einer einseitigen Vorstellung von „Entwicklung“ führen. Auch im Rahmen von Freiwilligendiensten besteht die Gefahr, dass diese Ungleichheiten unbewusst reproduziert werden, etwa wenn junge Menschen aus Europa in Länder des Globalen Südens reisen, um dort zu „helfen“. Bei den AFS-Seminaren wurden wir darüber aufgeklärt, wie wichtig ein reflektierter und selbstkritischer Umgang mit eurozentrischem Denken ist.
Entwicklungszusammenarbeit kann wirksam sein, wenn sie lokal verankert, nachhaltig und auf Augenhöhe gestaltet ist. Das Projekt „Las Alicias Finca Agroturística“ ist ein gutes Beispiel für mich. Hier werden traditionelle kolumbianische Kochkultur, ökologische Landwirtschaft und die Bedeutung kollektiven Handelns miteinander verbunden – ein Ansatz, der nicht nur die Umwelt schützt, sondern auch kulturelles Wissen langfristig bewahrt und weitergibt. Frauen aus der Region führen das Projekt mit großem Engagement und Fachwissen. Nicht zuletzt hat das Projekt zur Bewusstseinsbildung beigetragen, bei mir selbst und bei den BesucherInnen der Farm.
Mir wurde bewusst, wie bedeutend lokale Initiativen sind, die kulturelle Traditionen wahren und gleichzeitig ökologische Verantwortung übernehmen. Ich habe gelernt, dass Entwicklungszusammenarbeit bedeutet, stetig auf Augenhöhe zu arbeiten, voneinander zu lernen und nachhaltige Strukturen gemeinsam zu stärken.
Wie planst du, deine Erfahrungen weiterzugeben?
Die Erfahrungen, die ich während meines Auslandsaufenthalts gesammelt habe, möchte ich vor allem im persönlichen Austausch weitergeben – in Gesprächen mit Familie, Freunden und möchte ihnen ein Bild von einem vielschichtigen und lebendigen Kolumbien vermitteln – eines, das weit über Klischees hinausgeht.
Wie wirst du dich in Deutschland für globale Entwicklung einsetzen?
Ich möchte mich in Deutschland für globale Entwicklung einsetzen, indem ich mein Wissen und meine Erfahrungen aus dem Freiwilligendienst und den Seminaren weitertrage und mich langfristig engagiere. Ich würde mich gerne weiterhin bei AFS einbringen – zum Beispiel als Teamerin bei den Seminaren. Dort kann ich meine Erfahrungen teilen, den Austausch mit anderen Freiwilligen fördern und junge Menschen auf ihren eigenen Auslandsaufenthalt vorbereiten. Auch im privaten Umfeld versuche ich, ein Bewusstsein für globale Ungleichheiten zu schaffen – besonders durch Gespräche, die zum Nachdenken anregen.
Vielen Dank für die Möglichkeit, diese Erfahrung machen zu dürfen.

