Jan Ole, Thailand, 2024, weltwärts

Land und Leute

Als wir am ersten August des vergangenen Jahres erstmals durch die Türen des Suvarnabhumi Airports in Bangkok in das schwül-heiße Klima jenes Landes traten, das für das kommende Jahr unsere Heimat sein sollte, war die feuchte, stickige Luft eine der ersten Umstellungen, die wir bewältigen mussten und kann symbolisch gesehen werden für all die neuen Eindrücke und Erfahrungen, die ich im kommenden Jahr sammeln sollte.

Entdecke Thailand im Freiwilligendienst mit AFS.

Andere Dinge, die zunächst ungewohnt erschienen, waren z.B. neue (zeitweise beängstigende) Hygienestandards, all die fremden Laute und Gerüche auf der Straße, ein nie zuvor gesehenes, laut und farbenfroh pulsierendes Verkehrschaos sowie eine Offenheit und Mitteilungsfreudigkeit der Menschen, die ich zunächst für nicht ganz natürlich hielt. Während ich in Deutschland teilweise das Gefühl habe, dafür verurteilt zu werden, ungefragt viel von mir zu geben und wenn überhaupt nur Sinnvolles bitte, finde ich die Thai-Art, einfach mit allen und jedem ein paar nette Worte auszutauschen, auch wenn kein tieferer Sinn gegeben ist, sehr angenehm.

Diese auf das Miteinander fokussierte, kollektivistische Alltagskultur lässt sich auf viele meiner Erfahrungen in Thailand übertragen, etwa die Hilfsbereitschaft, die ich erfuhr, wenn ich so aussah, als hätte ich keinen Plan, oder wenn mein Gastbruder wieder einmal davon erzählte, dass diese oder jene Person doch sein „bester Freund“ oder „wie eine Schwester“ für ihn sei. Diese Verhältnisse fand ich anfangs sehr irritierend, weil ich in Deutschland maximal eine Handvoll Personen zu meinem vertrautesten Kreis zählen würde. Das rührt daher, dass wir i.d.R. viel individualistischer veranlagt sind und darauf gepolt, verschlossener auf andere Personen zuzugehen. So hat das Wort „Freund“ einen ganz anderen Stellenwert im Deutschen wie im Thai, das merkt man z.B. daran, dass im Thai-Unterricht davon gesprochen wird, die Arbeitsblätter an seine „Freunde“ weiterzugeben und nicht an „Partner“ oder „Klassenkameraden“. Schüchterte mich diese Offenheit zunächst etwas ein, genoss ich sie zum Ende meines Jahres hin doch umso mehr.

Leider führte meine Reserviertheit dazu, dass ich mich lange damit schwer tat, Kontakte (mit Ausnahme der anderen deutschen Freiwilligen) zu knüpfen, erst nach 4-5 Monaten begann ich, diese abzulegen und konnte vor allem in der zweiten Hälfte meines Freiwilligendienstes  viele schöne Erinnerungen mit Thai-Peers sammeln, etwa beim Volleyball, bei Gesprächen mit anderen jungen Lehrkräften bzw. Teacher-Trainees und Praktikanten oder mit meinem Gastbruder, der mir immer vertrauter und wie ein echter kleiner Bruder für mich wurde. Auch wenn ich interessenstechnisch näher an meiner älteren Gastschwester und ihrer Freundesgruppe lag, nur wohnten die angesichts Arbeit oder Studium nicht mehr in unserer Provinz Satun im tiefen Süden des Landes.

Arbeitsplatz

Der Name meines Projektes lautet „Satun Special Education Center“ und ist eine Sonderschule für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen aller Art. Unsere Schülerinnen und Schüler waren ca. zwischen zwei und vierzehn Jahren alt und wiesen Beeinträchtigungen wie Trisomie 21, Autismus, Muskelschwäche oder auch Blind- und Taubheit auf. Die Organisation innerhalb des Centers war in vier verschiedene Fachbereiche unterteilt: Physische Beeinträchtigungen, niedrige Intelligenz, Autismus und Living Skills. In jedem dieser Departments wurden die Schülerinnen und Schüler in kleinere Gruppen aufgeteilt und dann bedürfnisorientiert und möglichst face to face unterrichtet bzw. betreut. Mein Center wurde täglich von ungefähr 20-30 Kindern besucht und ist damit der Hauptsitz der Schule in Satun, allerdings gibt es noch mehrere Zweigstellen im Rest der Provinz, die Organisation wie auch der Schuldirektor sitzen aber in den großflächigen Büros meines Einsatzortes.

Mein Arbeitsweg betrug etwa fünf bis sechs Kilometer und anfangs (sowie später bei schlechtem Wetter) wurde ich von meiner Gastfamilie dorthin gebracht und auch wieder abgeholt, nach ungefähr drei Monaten kaufte ich mir allerdings ein Fahrrad und bewältigte die Strecke fortan mit großer Freude über meine neu gewonnene Selbstständigkeit in 15-20 Minuten selbst. Die Strecke ist sehr idyllisch, nicht stark befahren und vor allem zum Feierabend hin wirklich malerisch schön, meine einzige Sorge galt den Straßenhunden, die mich oft anbellten, mir nachrannten oder mich ansprangen sowie der schlechten Beleuchtung sobald es dunkel wurde. Oft traf ich auch Schlangen, Spinnen und Motorradfahrer, die mit völlig unangemessener Geschwindigkeit (und ohne Helm) über die schmalen, kurvigen und teils von vielen Schlaglöchern gezierten Straßen bretterten. So traute ich mich erst gegen Ende meines Freiwilligendienstes auch einmal nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause zu fahren.

Mein Arbeitstag begann gewöhnlicherweise zwischen 8 und 8.30 Uhr. Ich trudelte am Morgen entspannt mit den Kindern ein, bevor um etwa halb neun der erste feste Programmpunkt des Tages anstand: Die Morgenversammlung. Dabei wurde die Thai-Flagge gehisst, die Nationalhymne gespielt, muslimische und buddhistische Segen sowie einige wesentliche Verhaltensregeln vor- und nachgesprochen, dann gab es immer wechselnde aktuelle Ankündigungen und zuletzt wurden alle Kinder gezählt, bevor wir den Tag mit einem Morgenkreis fortführten. Dabei tanzten und sangen wir jeden Tag zu etwa drei bis vier Liedern, dann wurde kurz meditiert und zuletzt gab es Snacks, oftmals Milch und Kekse. Danach wurden alle Kinder in ihre Räume aufgeteilt und bis zum Mittagessen in diesen Gruppen bereut. Im Monatsrhythmus wechselte ich von einem Department zum nächsten und konnte so überall Eindrücke gewinnen. Nach dem Mittagessen wurde bis ungefähr 14 Uhr Mittagsschlaf gehalten, wo ich mich oft dazu legte oder an anderen aktuellen, wechselnden Aufgaben arbeitete. Danach sammelten sich noch einmal alle Kinder für eine kleine Wissens- oder Sporteinheit, der Rest des Tages bestand aus freier Spielzeit und nach und nach wurden alle Kinder abgeholt. Um ungefähr 16 Uhr – sofern es nichts mehr zu tun für mich gab – machte ich dann i.d.R. auch Feierabend.

Meine Aufgaben waren Unterstützung der Pflegekräfte bei der Betreuung sowie inhaltliche Unterstützung der Lehrkräfte, sofern es die Kompetenzen der Kinder zuließen vor allem Englischunterricht. Am besten gefiel mir die Arbeit mit den Schülern aus den Bereichen „physische Beeinträchtigungen“ und „Living Skills“. Hier konnte ich am meisten unterrichten und hatte das Gefühl, dass meine Arbeit den Kindern wirklich half. In den anderen Räumen verbrachte ich gern auch mal einen Tag nur mit Spielen und Pflege, hätte jedoch mehr Thai-Kenntnisse gebraucht, um wirklich integriert zu werden. Die Kollegen in diesen Räumen sprachen kein oder kaum Englisch und so fühlte ich mich vor allem zu Beginn des Jahres oft einsam und sinnlos.

 

Gegen Ende des Jahres klappte die Kommunikation besser und manchmal unterrichtete ich jetzt auch auf Thai. Das finde ich aufgrund meiner fehlerhaften Aussprache zwar nur teilweise sinnvoll, aber es machte Spaß und zunehmend erkannte ich, dass es völlig okay war, mir einen Sinn auf der Arbeit zu suchen und das zu machen, worauf ich gerade Lust hatte. So verbrachte ich am Ende viel Zeit mit Fußball und Badminton, Zeichnen, Vorlesen und Gesellschaftsspiele spielen sowie Planschen im kleinen Pool der Schule. Mir bereitet die Arbeit mit Kindern große Freude, weshalb ich mich immer wohler fühlte und mit wachsenden Thai-Kenntnissen erkannte ich auch immer mehr, was für herzensgute und lustige Menschen viele meiner Kollegen sind. Gerne quatschte ich dann auch mit ihnen und ließ mir z.B. neue Thai-Wörter beibringen, während ich von Essen und generell von Europa erzählte (und ihnen ein bisschen Deutsch beibrachte), was sie sehr faszinierte und mir viel Spaß machte. In diesem kulturellen Austausch, den ich auch mit einigen der gut Thai bzw. Englisch sprechenden Kinder erlebte, sehe ich den größten Mehrwert meiner Arbeit. Viele der Menschen, die ich vergangenes Jahr dort kennenlernen durfte, werden noch lange einen großen Platz in meinem Herzen behalten und ich hoffe, dass ich das auch bei ihnen tue.

Am Wochenende musste ich nie arbeiten und auch was Urlaubswünsche angeht, war mein Projekt stets sehr offen, meine Kontaktperson war zwar immer schwer beschäftigt, aber ging immer verständnisvoll auf meine Nachfragen ein und in Anbetracht all dessen schätze ich mich mit meinem Projekt sehr glücklich.

Meine Gastfamilie

Zusätzlich zu meiner Arbeit im Center unterrichtete ich jeden Freitag als Co-Teacher zwei bis drei Stunden Englisch an der Satun Wittaya Highschool, die direkt nebenan lag und wo meine Koordinatorin (eine unglaublich liebe, intelligente und wertschätzende Person) arbeitet. Sie war für die Auswahl meiner Gastfamilie zuständig und fand diese über meinen zwei Jahre jüngeren Gastbruder, der dort damals in die elfte Klasse ging. Zu meiner Familie gehören außerdem meine Gasmutter, Hausfrau, mein Gastvater, Polizist und meine sechs Jahre ältere Gastschwester, ausgezogen und arbeitet in Bangkok.

Meine Gasteltern und meine Gastschwester sprechen alle nur sehr begrenzt Englisch, weshalb mein Gastbruder zu Beginn des Jahres viel als Dolmetscher agieren musste. Meine Gastmutter ist eine sehr, sehr kommunikative und mitteilungsfreudige Person und so war es am Anfang ziemlich schwierig und überfordernd, lang und breit auf einer Sprache zugetextet zu werden, die ich kein bisschen verstand. Weder konnte ich antworten auf all ihre Fragen noch kommunizieren, dass es mir zu viel wäre.

Mein Gastbruder war viel mit Schularbeit beschäftigt und mein Gastvater selten zuhause, da entweder auf der Arbeit oder in unserem riesigen Garten beschäftigt, sodass ich und meine Gastmutter dazu gezwungen waren, uns schnell miteinander zu arrangieren. Ich bin eine Person, die ihre Privatsphäre sehr schätzt und sich manchmal nicht wohl mit viel Körperkontakt fühlt, während sie genau den, stark einfordert und immer etwas zu erzählen hat, ganz egal ob ihr Gegenüber das gerade möchte oder nicht. Das war am Anfang oft sehr stressig und emotional überfordernd. Sie hat aber ein riesiges Herz und schon bald hatte ich darin einen großen Platz gewonnen. Außerdem sollte ich nie wieder so schnelle sprachliche Fortschritte machen wie in den ersten drei bis vier Monaten und so hatte ich schon im Oktober, als wir während der Schulferien gemeinsam auf Verwandtenbesuch in eine andere Provinz fuhren, das Gefühl, ziemlich eng in meine Gastfamilie integriert zu sein.

Ein weiterer Punkt, den ich nicht so erwartet hätte und der mir zu Beginn große Probleme bereitete, war, dass ich im Gegensatz zu Deutschland, wo ich vor meiner Abreise schon ziemlich selbständig war, viel mehr in der Rolle eines Kindes gesehen und dementsprechend behandelt wurde: Ich weiß nicht, wie oft ich als „Austauschschüler“ vorgestellt wurde, was mich immer wieder nervte, aber irgendwann so stark verinnerlicht war, dass ich mich selbst so bezeichnete. Meine Wäsche wurde für mich gewaschen, immer kochte meine Gastmutter und ohne die Hilfe und Erlaubnis meiner Familie konnte ich mich nirgendwo hinbewegen. Außerdem wurde ich zu jeder Bekannt- oder Verwandtschaft meiner Gastmutter mitgenommen, vorgestellt und ausgefragt, konnte aber i.d.R. nur krampfhaft antworten, dafür aber verstehen, wie die anderen sich fragten, warum ich denn so still sei. Damals war das sehr belastend für mich, im Nachhinein bin ich aber auch sehr dankbar, weil ich das Privileg genießen durfte, wie kaum ein anderer Freiwilliger in meiner Ausreise, in das (sehr große) soziale Umfeld meiner Gastfamilie integriert zu werden und so unglaublich viele Eindrücke von lokaler Kultur und sozialem Miteinander sammeln zu können.

Gegen Ende meines Freiwilligendiensts habe ich mich sehr wohl und wirklich wie zu Hause bei meiner Gastfamilie gefühlt. Was mich dann emotional ziemlich mitgenommen hat, war der Abschied: Für mehrere Wochen konnte ich meine Abreise nicht erwähnen, ohne dass meiner Gastmutter Tränen in die Augen stiegen und als wir schließlich am Bus-Terminal Richtung End of Stay-Camp standen, weinten sowohl sie als auch mein Gastbruder lange und bitterlich. Ich fühle mich unglaublich berührt davon, dass ich ihnen so ans Herz gewachsen bin, gleichzeitig war es schwierig, da ich diese Emotionen nicht ganz so stark erwidern konnte, hatte ich doch bis zum letzten Tag das Gefühl, dass ich mich aufgrund kultureller und sprachlicher Barrieren nicht komplett als Person entfalten konnte. Trotzdem bin ich meiner Gastfamilie sehr, sehr dankbar für alles, was sie für mich getan haben und hoffe, dass ich sie eines Tages nach Deutschland einladen und ihnen mein Leben hier zeigen kann.

Betreuung

Neben meiner Gastfamilie hatte ich eine Advisorin im Center und meine Koordinatorin in der Highschool, die für mich verantwortlich waren. Beides sind sehr liebe, verständnisvolle Personen und ich bin glücklich, bei ihnen gelandet zu sein. Gelegentlich hatte ich das Gefühl, dass viel der Verantwortung auf mich abgeschoben wurde, was z.B. bei der ersten Visa-Verlängerung problematisch war, da mir nicht klar kommuniziert wurde, was ich dafür alles benötigen würde und es so unnötig Stress gab. Letztendlich habe ich mich aber ziemlich wohl damit gefühlt, dass ich bei organisatorischen Dingen zwar immer viel Eigeninitiative zeigen musste, dafür aber auch sehr viele Freiheiten genoss, wie ich meine Freizeit und meinen Arbeitsalltag gestalten wollte.

In Bezug auf Reisen und One Week-Exchanges mit anderen Freiwilligen wurde mir viel Verständnis von Projekt und Gastfamilie entgegengebracht. Zwar musste ich mit meiner Gastmutter erstmal darüber diskutieren, ob ich (Nacht-)Busse als Transportmittel benutzen dürfte, aber letztendlich bin ich wirklich sehr viel gereist und konnte unheimlich viel vom Land entdecken. Meine Freunde, die für eine Woche bei mir in Satun blieben, wurden sehr, sehr lieb von meiner Gastfamilie willkommen geheißen und werden auch jetzt noch von meiner Gastmutter als „ihre“ Kinder angesehen.

Ein Punkt, den ich sehr anstrengend fand, sind die sehr spontanen Pläne und Planänderungen meiner Gastfamilie und meines Empfindens nach vielen Thai-Personen. Öfters trat der Fall ein, dass es hieß, morgen müssten wir um 8 Uhr aufstehen, um irgendwo hinzufahren aber dann war am nächsten Tag doch niemand zu Hause. Dann wiederum hieß es plötzlich: In 10 Minuten fahren wir da- und dorthin und dann musste ich fertig sein, ganz egal, ob ich gerade eigene Pläne gemacht hatte oder nicht. Immer mehr merkte ich aber, wie offen meine Gastfamilie für meine eigenen Pläne war, auch wenn ich sie sehr spontan ankündigte und immer mehr lernte ich dieses Gefühl der Freiheit zu genießen.

Mit AFS Deutschland hatte ich in meinem Auslandsjahr keinen Kontakt, aber mit AFS Thailand habe ich sehr positive Erfahrungen gemacht. Die Hauptamtlichen sind allesamt sehr zuvorkommend und verständnisvoll und sowohl das Midstay- als auch das End of Stay-Camp haben mir großen Spaß bereitet. Das Arrival-Camp fand ich ein wenig zu theorielastig, ich hätte mir mehr Interkation mit dem Land gewünscht und eine konkretere Vorbereitung auf das, was mich in meinem Projekt erwartet, kann aber nachvollziehen, warum es in seiner jetzigen Form durchgeführt wurde. Insgesamt fand ich die Arbeit von AFS Thailand sehr gut und kann sie nur weiterempfehlen.

Sprache und Kommunikation

Lerne Thai lesen und schreiben in deinem Freiwilligendienst mit AFS.

Zwar hatte ich weder Sprachkurs noch Vorkenntnisse, konnte aber mit Hilfe meiner Gastfamilie, verschiedenen Büchern und Internetinhalten doch recht schnell einiges an Thailändisch lernen. Das war auch nötig, denn anders als im Vorfeld kommuniziert, waren Sprachkenntnisse zumindest in meiner Situation essentiell und ich bin sehr glücklich darüber, wie sich mein Lesen, Schreiben und Sprechen über das Jahr entwickelt haben. Trotzdem war ich immer froh, in der Highschool auch mit anderen Foreign Teachers flüssigere Konversationen auf Englisch führen zu können, was eine ähnlich befreiende Wirkung hatte wie Unterhaltungen auf Deutsch mit anderen Freiwilligen. Im Center habe ich aber vor allem zum Ende hin deutlich mehr Thai als Englisch gesprochen und in meiner Gastfamilie und deren sozialen Umfeld (mit Ausnahme meines sehr gut Englisch sprechenden Gastbruders) sowieso. Immer und ganz egal wo, wenn ich Thai gesprochen habe, haben sich die Menschen sehr gefreut, was meine Hemmungen, eine Sprache, die ich nur bruchstückhaft beherrsche, zu sprechen, deutlich abgebaut hat.

Die Kommunikationsweise in Thai-Kultur nehme ich als sehr anders als hier wahr und wie schon in früheren Abschnitten des Berichts stellte mich das anfangs vor einige Probleme, mit der Zeit lernte ich es aber immer mehr zu schätzen. Was oft als typisch für Thai-Kultur angesehen wird, ist die Indirektheit, ein ja kann gut mal nein bedeuten und offene Kritik gibt es selten, damit hatte ich aber wenig Probleme, wobei es hier auch regionale Unterschiede zwischen Nord- und Südthailand zu geben scheint, wie ich im Gespräch mit anderen Freiwilligen festgestellt habe. Viel öfter hörte ich ein ernst gemeintes „Up to You“, was ich als sehr angenehm in Erinnerung habe.

Zwar habe ich in Thailand weniger tiefschürfende Diskussionen geführt als hier in Deutschland, dafür gab es viel mehr nette Alltagsbegegnungen und ich werde versuchen, viel der Offenheit und Hilfsbereitschaft, die ich dort erlebt habe, für mich persönlich so mitzunehmen. Auch den Umgang mit Vorurteilen finde ich sehr spannend: Diese werden zwar viel offener kommuniziert (So sind schwule Männer z.B. oft „keine richtigen Männer“), aber trotzdem gibt es viel weniger Verurteilung und so heterogen eine Gruppe an Menschen ist, scheint mehr Zusammenhalt zu bestehen als hier in Deutschland, was ich etwa in Bezug auf die Klassengemeinschaften in der Highschool wahrgenommen habe.

Globales Lernen und Entwicklungspolitik

Wie glaube ich an anderen Stellen des Berichts bereits erkennbar, bedeutet globales Lernen für mich kulturellen Austausch anhand von Unterhaltungen, gemeinsamen Aktivitäten und Kennenlernen von fremden Sitten, politischen Perspektiven und Traditionen. All das hat im vergangenen Jahr vor allem eine zentrale Erkenntnis verfestigt:

Wir alle sind einfach Menschen und damit gleich viel wert, ganz unabhängig von Aussehen, Religion, Bildung, finanziellem Hintergrund oder Herkunft.

Natürlich heißt das nicht, dass jeder Mensch ein guter Mensch ist, schlechte Charaktereigenschaften gibt es leider überall, aber trotzdem möchte ich beim ersten Kontakt jedem mit dem gleichen Respekt und ohne Vorurteile begegnen. Sich dieser bewusst zu werden, ist für mich ebenfalls Teil Globalen Lernens und ich finde, das letzte Jahr hat mich da noch einmal reflektierter werden lassen.

Entwicklungszusammenarbeit ist ein Begriff der damit einhergeht und für mich weniger von einem belehrenden, hierarchischen Charakter haben sollte, wie er meines Wissens noch oft gelesen wird, sondern vielmehr von Freundschaften fern von kulturellen und geographischen Grenzen, von gemeinsamem Lernen und gegenseitigem Rat. Ich bin zwar in Deutschland geboren, aber ein Mensch dieser Welt, sowie jeder andere auch und diese Werte möchte ich weitertragen, sei das in Diskussionen und Unterhaltungen mit Mitmenschen oder auch im AFS-Ehrenamt, das großes Interesse bei mir geweckt hat.

 

×