Lucia, Japan, 2023, Stipendium SAP SE und der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH
Mein Name ist Lucia und ich war im Schuljahr 2023/24 in meinem Auslandsjahr in Fukuoka, Japan mit dem „junge Botschafter der Metropolregion Rhein-Neckar“ Stipendium. In diesem für mich besonderen Jahr stand ich zwar vor vielen Herausforderungen, vorallendingen konnte ich aber auch über mich hinauswachsen.
Meine Gastfamilie
Besonders ungewohnt waren für mich die großen kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Japan. Diese fangen oft schon beim Familienleben an.
In Japan sind Familien meistens nicht so offen miteinander wie hier in Deutschland. Das heißt es wird eher auf Umarmungen oder auch sonstige körperliche Nähe verzichtet. Auch sehr private Themen werden oft nicht miteinander besprochen.
In Kontrast dazu ist das Miteinander in der Familie auf eine andere Art wichtig. Es wird sehr viel Zeit im Wohnzimmer oder in anderen gemeinsamen Räumen verbracht. Ich habe besonders meiner Gastschwester oft bei den Hausaufgaben oder beim lernen geholfen. Mit meinen Gastbrüdern habe ich jeden Sonntag ein geschichtliches Drama im Fernsehn geschaut. Wegen dem hohen Sprachniveau verlor ich zwar manchmal den Faden, doch meine Fragen zum Kontext wurden mir immer beantwortet.
Die gemeinsame Zeit mit meiner Gastfamilie war allerdings meistens begrenzt, da ich und meine Gastgeschwister oft mit Schule und Clubaktivitäten beschäftigt waren. Ich kam unter der Woche meistens gegen acht nach Hause, einer meiner Gastbrüder manchmal auch erst um zehn. An den Wochenenden waren auch alle mit Nachhilfeschulen und Hobbys beschäftigt. Dadurch hatte ich viel Zeit alleine, die ich hauptsächlich nutzte, um Fukuoka für mich zu erkunden.

Eine feste Hierarchie ist in den meisten Familien noch etabliert. Das Oberhaupt ist das älteste männliche Mitglied. In meinem Fall war das mein Gastopa. Sehr traditionelle Familien stellen auch den ältesten Sohn über seine große Schwester.
In meinem Gastland sind Kinder und Jugendliche selten so selbstständig wie ich es gewohnt war. Es gibt weniger Freiheiten und strengere Regeln. Manche meiner Freund*innen waren noch nie später als acht Uhr abends unterwegs, weil die Eltern es als zu gefährlich erachten. Meine Gastfamilie hat mir mit der Zeit deutlich mehr vertraut und mir auch etwas mehr Freiheit gegeben.
Meine Schule in Japan
Ein weiterer großer Unterschied für mich war der Umgang mit meinen Lehrer*innen und Mitschüler* innen. Genau wie in der Familie gab es auch in der Schule eine feste Hierarchie. An oberster Stelle stand der Schulleiter, gefolgt von den Lehrer*innen, den Mitarbeitenden meiner Schule, dem Jahrgang über mir, meinem Jahrgang und zu guter letzt meine jüngeren Mitschüler*innen. Es war an meiner Gastschule üblich die Personen mit einem höheren Rang zu siezen und die mit einem niedrigerem Rang zu duzen.
Dabei gibt es aber auch Ausnahmen; zum Beispiel wenn der Lehrer den Unterricht vor der ganzen Klasse hielt wurden wir alle gesiezt. In Privatgesprächen wurde von Seiten des Lehrers geduzt.
Der Respekt vor den Lehrern war sehr groß vor und nach jeder Unterrichtsstunde stand die gesamte Klasse auf, verbeugte sich vor dem Lehrer und bedankte sich für den Unterricht. Der wurde meistens mit sehr wenigen Ausnahmen frontal gehalten. Zu manchen Lehrern hatte ich aber eine deutlich engere und vertrautere Beziehung als zu meinen Lehrern in Deutschland. Außerhalb des Unterrichts redeten wir oft auch über private Themen und über Unterschiede zu meinem Heimatland.
Auch meine älteren Mitschüler*innen siezte ich. Anfangs war das für mich sehr ungewohnt, doch mit der Zeit gewöhnte ich mich dran. Meine Fauxpasse wurden mir aber auch immer vergeben. Anscheinend sah ich für Japaner weit älter aus als ich eigentlich war. Am irritierendsten empfand ich es, von jüngeren Mitschülern gesiezt zu werden. Für mich erschloss sich der Sinn dahinter nicht und es brachte meiner Meinung nach eine Barriere zwischen uns.
Meine Mitschüler des anderen Geschlechts sprach ich mit Nachnahmen an. Es gab starke Differenzierung zwischen Mädchen und Jungen. Deshalb waren fast alle meine Freund*innen weiblich.
Trotz Sprachbarriere und kultureller Unterschiede fiel es mir erstaunlich leicht Freundschaften zu schließen. Für viele meiner Mitschüler*inne war ich die erste Deutsche, die sie jemals zu sehen bekommen hatten. So wollten alle mit mir reden und befreundet sein. Auch wurde es als sehr cool angesehen mit mir in den Mittagspausen zu essen. Dadurch war glücklicherweise ich nie alleine.
Traditionen in Japan
Eine Tradition, die ich besonders mit Japan verbinde ist das sich ständige vor dem anderen Verbeugen. Es wird sich wirklich immer verbeugt. Mit der Zeit konnte ich mir auch die verschiedenen Grade, Geschwindigkeit und Häufigkeit der Verbeugungen aneignen.
Eine Freundin bemerkte auch ich würde mich anscheinend wie ein Japaner verbeugen.
Darauf bin ich immer noch sehr stolz.
Obwohl Japaner immer sagen sie seien nicht religiös gehen viele immer in Tempel, um für alles Mögliche zu bitten. Dabei ist es auch wichtig für die Bitte an den richtigen Tempel zu gehen. Es gibt zum Beispiel Einrichtungen für Glück in der Liebe oder beim Lernen, die ich mit meinen Freundinnen frequentierte. Wirklich geholfen hat es leider nicht immer.
Weihnachten wird in Japan weniger gefeiert, dafür ist Neujahr das Event des Jahres. Ich bin mit meiner Gastfamilie zur Verwandtschaft in eine ländlichere Gegend gefahren um traditionell zu feiern. Ein sehr wichtiger Bestandteil war dabei das Fernsehprogramm, das den gesamten Abend lief. Auch gab es ein traditionell japanisches Neujahrsessen, dieses mögen manche Japaner angeblich selber nicht, essen es aber aus Nostalgie.
Am Neujahrstag bekamen wir Kinder alle viele mit Geld gefüllten Umschlägen von den Verwandten. Für mich war als ältestes Kind war das Ereignis sehr lukrativ. Ich habe das Geld auch nach meiner Ankunft in Deutschland immer noch nicht vollständig ausgegeben.
Kommunikation in Japan
Für die meisten Austauschüler*innen in Japan ist die indirekte Kommunikation und das daraus resultierende Konfliktverhalten eine große Hürde. Probleme werden meist sehr vorsichtig oder gar nicht angesprochen. Es wurde oft von mir erwartet Dinge zu erraten oder gewisse Hinweise zu verstehen. Im Nachhinein fallen mir einige riesige Fettnäpfchen auf, in die ich wahrscheinlich, ohne es zu merken getreten bin.
Inzwischen weiß ich auch, dass Japaner oftmals nicht wirklich wütend werden, sondern einfach sehr viele Fragen stellen. Man sollte aber auch vorsichtig sein und nicht alles überinterpretieren. Das hört sich vielleicht schwer an braucht aber nur ein bisschen Übung. Fauxpasse sind dabei leider fast nicht zu vermeiden.
Freizeitgestaltung
Ein für mich besoners wichtiger Teil meines Auslandsjahrs war mein Schulclub. Von Anfang an war ich im Kyudo. Das ist traditionell japanisches Bogenschießen. Das Ziel von Kyudo ist es nicht die auf 28 Meter entfernte Zielscheibe zu treffen, sondern die Bewegungsabläufe so schön wie möglich auszuführen. Jeden Tag nach der Schule und manchmal auch in den Ferien hatte ich Training. Dort habe ich auch alle meine besten Freund*innen gefunden. Auch mit den betreuenden Lehrern hatte ich eine gute Beziehung. Zum Ende meines Auslandjahrs wurde für mich sogar eine Abschlussparty veranstaltet. Dieses Event war für mich mit die tollste Erfahrung in dem ganzen Jahr.
Was mir in Japan auf jeden Fall leichter gefallen ist als in Deutschland war es meine verbleibende Freizeit ereignisreicher zu gestalten. Fukuoka ist eine sehr große Stadt, in der es sehr viel zu erkunden gibt. So kam es oft vor, dass ich nichts zu tun hatte und mich einfach in den nächsten Bus stieg und an einer willkürlichen Haltestelle ausstieg. Von dort aus machte ich meistens einen Spaziergang und „verlief“ mich mit Absicht. Dadurch habe ich viele versteckte Orte entdeckt.
Rückblick
Etwas das ich auf jeden Fall aus Japan mitnehmen möchte ist die simple Freude an Schönheit. Hier in Deutschland war ich es gewohnt meistens eher auf Effektivität und Schnelligkeit zu achten. In Japan habe ich aber gelernt; manchmal kommt es nicht darauf an etwas möglichst schnell oder effektiv zu machen oder den Sinn hinter dem ausladenden Vorgang zu verstehen.
Es geht darum Sachen so schön und präzise wie möglich auszuführen und um die Freude am Prozess.
Inzwischen übernehme ich diese Denkweise auch in meinem deutschen Leben.
Ich denke die größte Herausforderung war für mich, Tätigkeiten mit einer gewissen Sinnlosigkeit zu akzeptieren und auszuführen. Mir wurde beigebracht alles immer zu hinterfragen und nicht einfach alles so hinzunehmen wie es ist. Allerdings bin ich damit schnell auf Hindernisse gestoßen. Viele Japaner wissen nämlich manchmal selbst nicht, warum sie bestimmte Sachen machen und hinterfragen auch wenig. Teilweise war auch das Verarbeiten der darauffolgenden Frustration und Verwirrung für mich personell schwierig.
In meiner Zeit im Ausland ist mir auch einiges über Deutschland aufgefallen. Besonders wie stressfrei mein deutscher Schulalltag ist. Meine japanischen Mitschüler*innen schauten mich meist teils neidisch, teils fasziniert an, wenn ich erzählte, dass ich meistens um ein Uhr von der Schule nach Hause gehen konnte. Die Frage, was ich mit so viel Freizeit machen würde, bekam ich oft zu hören. Inzwischen frage ich mich das auch selbst.
Durch meinen Auslandsaufenthalt fühle ich mich nun um einiges weniger mit Deutschland verbunden. Ich habe jetzt zwei Heimaten; die deutsche und die japanische. Oft fühle ich mich zweigeteilt und würde gerne beide miteinander vereinen. Leider ist das nicht komplett möglich.
Hier in Deutschland wird mir oft die Frage gestellt, was ich denn an meiner deutschen Heimat vermisst hätte. Abgesehen von für mich offensichtlichen Dingen wie Freunden und Familie fiel mir lange aber nicht wirklich etwas ein. Nach längerer Reflexion bemerkte ich, dass ich tatsächlich deutsches Brot unheimlich vermisst habe. Das japanische Brot ist zwar auch lecker, jedoch sehr süß und ähnelt mehr einem Süßgebäck.

Oft wird mir auch gesagt, die Zeit im Ausland habe mich verändert. Ich kann an mir persönlich zwar keine großen charakterlichen Veränderungen feststellen. Aber ich denke, dass ich durch mein Auslandsjahr mir deutlich mehr zutraue, jedoch auf mich selber realistischer einschätzen kann.
Rückblickend kann ich sagen; das Auslandsjahr in Japan war das aufregendste Jahr in meinem Leben. Ich bin unermesslich dankbar an alle, die mich dabei unterstützt haben dieses tolle Jahr zu verwirklichen. Mein besonderer Dank gilt meinen Stipendiengebern; der SAP SE und der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH.

