Sophie, Japan, 2024, Stipendium des Berufsbildungswerks Philipp Jakob Wieland
Ich habe nun fast ein Jahr in Japan verbracht. Dabei habe ich eine neue Kultur kennengelernt, Freundschaften geschlossen, unzählige wertvolle Erfahrungen gesammelt und auch das ein oder andere Abenteuer erlebt. Während dieser Zeit habe ich nicht nur Japan besser kennengelernt, sondern auch mich selbst ein Stück weit. Auf diese Reise möchte ich Sie nun gerne mitnehmen.
Meine Gastfamilie
In meiner Gastfamilie übernahm meine Gastmutter den Haushalt, kochte täglich für alle und war immer für jeden da. Manchmal habe ich ihr beim Kochen geholfen oder die Wäsche zusammengelegt, doch den Großteil hat sie gemacht. Ihre Rolle in der Familie ist noch ziemlich traditionell und spiegelt das für asiatische Kulturen typische Wir-Denken anstelle des bei uns verbreiteten Ich-Denkens wider.

Das Familienleben war sehr harmonisch. Mir ist allerdings auch aufgefallen, dass Japaner nie wirklich „einfach nichts tun“ – selbst in der Freizeit gibt es immer etwas zu erledigen, oder man macht doch noch einen spontanen Ausflug am Abend ins Restaurant. Das war für mich anfangs etwas ungewohnt, da ich es aus Deutschland gewohnt bin, mir auch mal Zeit für absolute Entspannung und zum Durchatmen zu nehmen.
Meinen Gastvater habe ich leider kaum gesehen, da er während der Woche sehr lange arbeitete. Unter der Woche verließ er das Haus immer, bevor ich überhaupt aufgestanden war, und kam dann abends sehr spät wieder nach Hause. In Japan ist das sehr typisch, da berufliche Verpflichtungen an erster Stelle stehen. Man kann seinen Kollegen auch nicht einfach absagen, wenn diese doch noch etwas trinken gehen wollen. Berufliche Verpflichtungen haben häufig Vorrang. Dafür hat er am Wochenende immer viel mit mir und meiner Gastmutter unternommen. Aber auch mit Freunden habe ich mich häufig am Wochenende, teilweise auch unter der Woche, getroffen.
Mein Gastbruder war aufgrund seiner Schule – vor allem wegen seines Schulclubs (Leichtathletik) – selten bei Familienausflügen dabei.
Meine Schule
In Japan ist es üblich, dass Schüler viel Zeit in Schulclubs investieren und viel trainieren, ganz besonders bei Sportclubs. Der Schulalltag in Japan ist sehr fordernd. Es gibt lange Schultage, viel Leistungsdruck, wenig Ferien und regelmäßige Test- und Klausurwochen. Nach Ferien finden sehr umfassende Klausuren statt. Allerdings wird auch viel Wert auf Zusammenhalt gelegt. So gibt es häufiger Schulevents wie zum Beispiel das Schulfestival. Dort darf jede Klasse ihr Klassenzimmer zum Thema passend dekorieren. Letztes Jahr hatte meine Klasse zum Beispiel ein Casino aufgebaut. Es gibt aber auch Turniere, die von der Schule veranstaltet werden. So gab es zwei Tage lang das Ballsportfestival. Dort traten Klassen gegeneinander an und spielten entweder Volleyball, Basketball oder Fußball. Auch Gesundheits-Check-ups werden in der Schule durchgeführt. Einmal habe ich miterlebt, wie der Zahnarzt kam. Meine Klassenkameraden erzählten mir dann, dass sie ansonsten nicht zum Zahnarzt gehen, es sei denn, sie haben Schmerzen oder andere Beschwerden. Der Zahnarzt kam einfach in die Schule, schaute kurz in den Mund und überprüfte, ob Kariesstellen vorhanden waren. Ansonsten war die Untersuchung eher oberflächlich. Es fiel mir auf, dass die allgemeine Einstellung zu Zahngesundheit und Zahnästhetik in Japan anders ist. Schiefe Zähne werden hier oft nicht als störend empfunden, sondern vielmehr als natürlich und jugendlich. Es gilt sogar als charmant, wenn jemand nicht das perfekte Lächeln hat.
In Japan ist der Umgang mit Lehrern höflich und distanziert. Die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern ist sehr respektvoll. Es gibt allerdings auch wenig Raum für persönliche Gespräche oder einen lockeren Umgang. Die Lehrer sind in ihrer Rolle als Autoritätspersonen sehr präsent und werden mit viel Respekt behandelt. Dieses Verhältnis spiegelt auch die allgemeine Hierarchie in der japanischen Gesellschaft wider, in der der Respekt vor älteren oder höhergestellten Personen eine sehr zentrale Rolle spielt. Das fiel mir auch auf, wenn ich meine Gastmutter beim Telefonieren oder beim Umgang mit ihrer Mutter beobachtete.
Freundschaften und indirekte Kommunikation

Auch das Verständnis von Freundschaft unterscheidet sich sehr stark von dem, was ich gewohnt bin. In Japan wird viel Wert auf Harmonie gelegt, und das zeigt sich auch in der Art und Weise, wie Konflikte und die eigene Meinung gehandhabt werden. Während es in vielen westlichen Kulturen selbstverständlich ist, seine Meinung offen und direkt auszusprechen, wird in Japan Konfliktvermeidung großgeschrieben. Diskussionen, in denen jemand seine Meinung stark äußert oder in denen es zu Auseinandersetzungen kommt, werden oft vermieden. Auch in Freundschaften legen Japaner Wert darauf, dass man immer die gleichen Ansichten teilt, die Meinung des anderen unterstützt und nicht kritisiert. Wir hingegen schätzen neue Perspektiven und das Feedback anderer Personen sehr.
Die japanische Gesellschaft ist eher darauf ausgerichtet, Konflikte zu umgehen und Harmonie zu wahren, was durch eine sehr indirekte Kommunikation verstärkt wird.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass keine Meinungen oder Bedenken bestehen – sie werden einfach nicht offen ausgesprochen, um das Gesicht des anderen zu wahren. Diese Art der Kommunikation war für mich sehr neu und auch schwer zu verstehen. Dadurch war es für mich schwer, enge Freundschaften zu schließen, die meiner Definition von Freundschaft gerecht werden. Ich bin es gewohnt, in Deutschland mit Freunden direkt zu sprechen und Konflikte offen anzusprechen.
Vor allem mit anderen Austauschschülern habe ich enge Freundschaften schließen können, da wir Freundschaften recht ähnlich verstanden haben und ähnliche Erfahrungen und Herausforderungen teilten. Wir konnten uns gut über kulturelle Unterschiede und Missverständnisse austauschen, da wir alle dieselben Erlebnisse gemacht haben.
Freizeitgestaltung
Wir haben viel zusammen unternommen, vor allem an den Wochenenden. Eine meiner liebsten Aktivitäten war Karaoke – das ist in Japan sehr beliebt, und wir verbrachten oft Stunden damit, unsere Lieblingslieder zu singen. Auch das Shoppen in Nagoya gehörte zu den Highlights. Besonders gern war ich in den Vierteln Sakae und Osu. Sakae ist ein lebendiges Einkaufsviertel mit riesigen Shoppingmalls und vielen Cafés, während Osu etwas traditioneller, aber nicht weniger belebt ist. Dort findet man kleine, enge Straßen mit vielen Ständen, die alles Mögliche verkaufen – von Kleidung über Elektronik bis hin zu Souvenirs.
Einmal war ich sogar mit meinen japanischen Freunden aus der Schule in DisneySea in Tokio. Wir waren alle in Schuluniform gekleidet, da das momentan in Japan bei Schülern ein beliebter Trend ist. Dort gab es viele Attraktionen und viel leckeres Essen. Wir bekamen sogar zwei Fastpässe als kleine Wiedergutmachung, da unsere erste Attraktion wegen technischer Probleme kurzfristig schließen musste. 
Ein weiteres wichtiges Ereignis war der Ausflug nach Hiroshima, den ich bereits im Halbjahresbericht erwähnt hatte, bei dem wir uns mit dem Atombombenangriff auseinandergesetzt hatten. Zudem war ich dort auch noch einmal mit meiner Klassenstufe bei einem Schulausflug. Da alles auf Japanisch war, habe ich nicht so viel verstanden und war froh, bereits einmal dort gewesen zu sein und zu wissen, worum es geht.
Japan ist weltweit bekannt für sein Image als traditionelles Land. In vielen kleinen Shops wird großer Wert auf Ästhetik gelegt, was sie auch für soziale Medien interessant macht. Die Atmosphäre ist gemütlich, und das Essen wird ansprechend serviert. Besonders beliebt sind Läden, die Kuchenstücke oder Süßgebäck anbieten. Am meisten habe ich jedoch die japanischen Spezialitäten wie Udon (sowohl kalt als auch warm), Ramen und Sushi genossen. Vor dem Essen sagt man „Itadakimasu“ (いただきます: „Ich nehme dankbar an“ oder „Guten Appetit“), nach dem Essen „Gochisousamadeshita“ (ごちそうさまでした: „Es war ein köstliches Mahl“ oder „Danke für das Essen“). Es gibt aber auch ungewöhnliche Trends, wie zum Beispiel Tiercafés, über deren Sinn sich streiten lässt. Auch tägliches Duschen und Wäschewaschen ist in Japan üblich.
Ein weiteres Highlight war die Kirschblütenzeit (Sakura), in der es traditionell zu Picknicks mit Freunden und Familie unter den blühenden Bäumen kommt, oft begleitet von Sake und anderen Getränken.
Kulturelle Unterschiede
Da ich wusste, dass ich bald wieder nach Deutschland zurückkehren würde, habe ich kaum etwas wirklich vermisst. Lediglich das Wasser mit Kohlensäure fehlte mir, da in Japan hauptsächlich Tee (meistens kalt) getrunken wird. Auch das Brot vermisste ich, da in Japan Reis die Hauptnahrungsquelle ist und Brot dort einfach nicht dasselbe ist.
Besonders aufgefallen sind mir die Unterschiede zwischen Japan und Deutschland. In Japan ist der Umgang miteinander immer sehr höflich und respektvoll. In Deutschland spricht man Dinge direkter an, wenn etwas stört. In Japan hingegen wird oft auf direkte Konfrontation verzichtet – selbst wenn etwas unangenehm ist, wird es nicht offen angesprochen, um niemanden zu verletzen. Bei Kleinigkeiten finde ich dieses Vorgehen besser, da es unnötige Spannungen vermeidet. Bei wichtigen Themen jedoch ist es meiner Meinung nach hilfreicher, Dinge direkt anzusprechen, um Missverständnisse zu verhindern.
Auch beim Thema Umwelt ist Deutschland stärker auf Mülltrennung und Plastikvermeidung ausgerichtet. In Japan wird vieles einzeln verpackt, selbst Produkte, die in Deutschland unverpackt verkauft werden. Auch wird in Deutschland zunehmend Wert auf vegetarische und vegane Ernährung gelegt, und es gibt einen stärkeren Fokus auf ethische Fleischproduktion. In Japan ist Vegetarismus oder Veganismus zwar vorhanden, aber noch nicht verbreitet. Der Fleischkonsum ist hier in abgepackter Form üblich. Auch Fisch kann man meistens abgepackt kaufen.
Auffällig war außerdem das unterschiedliche Englischniveau. Zwar wird in vielen japanischen Schulen Englisch unterrichtet, jedoch bleibt es häufig bei theoretischem Wissen. Für viele Japaner ist es daher schwierig, sich sicher auf Englisch zu verständigen. Auf anderen Gebieten ist Japan hingegen sehr fortschrittlich, vor allem bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Besonders beeindruckend war für mich die Pünktlichkeit; sowohl bei Zügen als auch bei U-Bahnen und S-Bahnen. Verspätungen von nur wenigen Minuten sind selten und werden stets entschuldigt. Die Bahnsteige sind klar markiert, sodass sich die Fahrgäste geordnet anstellen können.
Auch die Sauberkeit im öffentlichen Raum ist beeindruckend.
Toiletten, Bahnhöfe und Kaufhäuser sind meist sehr gepflegt und gut ausgestattet. Häufig gibt es dort sogar beheizte Sitze und bidetartige Funktionen.
Für das Ermöglichen dieses Jahres möchte ich mich hier noch einmal herzlich bei Stipendium des Berufsbildungswerks Philipp Jakob Wieland bedanken.
Insgesamt war dieses Jahr für mich eine wertvolle und prägende Zeit. Es gab Höhen und Tiefen, aber am Ende überwiegen die positiven Erfahrungen. Ich bin selbstständiger, offener und aktiver geworden und habe gelernt, Neues ohne Vorbehalte auf mich wirken zu lassen. Ein Auslandsjahr ist eine Erfahrung, an der man wachsen kann. Wichtig ist es, die Zeit bewusst zu genießen und offen zu sei. Wer bereit ist, sich auf das Leben in einem anderen Land einzulassen, wird nicht nur eine fremde Kultur kennenlernen, sondern auch viele Erinnerungen sammeln, die ein Leben lang bleiben. Japan hat mir gezeigt, wie bereichernd es ist, die eigene Komfortzone zu verlassen, und ich bin dankbar für jede Erfahrung, die ich dort machen durfte. Dieses Land ist auf jeden Fall eine Reise wert.

