Levke, Italien, 2024, Blankenburg-Stipendium
In den letzten vier Monaten hier in Italien, habe ich nicht nur eine neue Sprache gelernt, sondern auch die Kultur, Traditionen und den Alltag in meiner Gastfamilie erleben dürfen. Daher möchte ich in diesem Text meine ersten Eindrücke und Erfahrungen, die ich bisher sammeln konnte, teilen.
Leben in meiner Gastfamilie

Während meines Aufenthalts in Padua/Italien sind mir einige Unterschiede zwischen meinem Zuhause in Deutschland und meiner Gastfamilie hier besonders aufgefallen. Was ich von Anfang an bemerkt habe, ist der deutlich häufigere Körperkontakt, zum Beispiel bei der Begrüßung in Form einer Umarmung und ein Küsschen links und rechts auf Wange, was mir anfangs noch etwas ungewohnt vorkam, an das ich mich aber schnell gewöhnt habe. Außerdem habe ich mich dadurch sehr schnell und gut meiner Gastfamilie integriert gefühlt, weil diese Nähe eine gewisse Herzlichkeit vermittelt.
Ein weiterer Unterschied ist, dass es jeden Sonntag ein langes Mittagessen mit der Familie oder auch mit Freunden gibt, welches meistens zwei bis drei Stunden dauert. Ich genieße diese Zeit immer sehr, weil man in Ruhe zusammensitzt, bei gutem Essen, gemeinsam die Woche ausklingen lässt und die kommende Woche plant.
Ebenso schaut meine Gastfamilie sehr gerne Filme, weswegen wir vor allem in den Ferien, fast jeden Abend zusammen auf dem Sofa verbringen und einen gemütlichen Filme Abend machen. Und besonders jetzt in der Winterzeit, auch mit einer leckeren heißen Schokolade dazu.
Gleichzeitig verbringe ich viel Zeit mit meinem zehnjährigen Gastbruder, mit dem ich oft Gesellschafts- und Kartenspiele spiele. Dabei kommen nicht nur die Spiele, die ich als Gastgeschenke mitgebracht habe, zum Einsatz, sondern auch neue Spiele, die er mir gezeigt hat und die ich vorher nicht kannte. Besonders gerne spielen wir zurzeit das Spiel Cabo, wobei er auch gerne mal schummelt, damit er gewinnt, worüber wir gemeinsam lachen können, wenn das Schummeln auffällt. Manchmal machen wir auch zusammen seine Italienisch Hausaufgaben für die Schule, was auch meinen Italienisch Kenntnissen zugutekommt.
Auch mit meiner Gastschwester, die nur 1,5 Jahre jünger ist als ich, verstehe ich mich sehr gut. Wir gehen in dieselbe Jahrgangsstufe und verbringen viel Zeit zusammen, sei es in der Schule oder, wenn wir gemeinsam in die Innenstadt gehen, wo wir uns auch oft mit ihren Freunden, die inzwischen auch zu meinen guten Freunden geworden sind, treffen.
Neben den alltäglichen Unterschieden gibt es auch Unterschiede beim Essen. Unter anderem gibt es so gut wie jeden Mittag Pasta, womit sich ein kleiner Traum für mich als Pastaliebhaberin erfüllt. Außerdem ist das Abendessen hier deutlich später als in Deutschland, meistens erst gegen 20:00 Uhr. Wenn man jedoch mit Freunden in ein Restaurant geht, ist es sogar üblich, erst gegen 21:00 Uhr oder noch später zu essen.
Meine Schule
Aber auch in der Schule sind mir Unterschiede aufgefallen, vor allem im Umgang zwischen Lehrern und Schülern, den ich persönlich bisher als distanzierter und unpersönlicher, als in Deutschland wahrgenommen habe. Dies könnte meiner Meinung nach, an den kurzen Unterrichtsstunden liegen, die maximal nur 60 Minuten dauern und an den kurzen Pausen zwischen den Stunden, die nicht viel Zeit für persönliche Interaktionen lassen, da viele Lehrer nicht noch mehr Unterrichtszeit verlieren wollen.
Im Umgang mit meinen Mitschülern habe ich dagegen festgestellt, dass dieser recht ähnlich zu dem in Deutschland ist. Natürlich ist der Kontakt noch etwas distanzierter, weil man sich noch nicht so gut kennt, aber insgesamt fühle ich mich schon gut in der Klassengemeinschaft integriert. Mit meiner Klasse habe ich in der kurzen Zeit, die ich hier bin, auch schon einige Ausflüge zusammen unternommen, wie zum Beispiel ins Theater und nach Venedig, wo wir eine Führung durch die wichtigste Bank Italiens hatten. Auch fahre ich noch mit meiner Klasse für eine Woche nach Wien auf Klassenfahrt, worauf ich mich auch schon sehr freue. 
Dennoch war es nicht immer einfach Freundschaften zu schließen, besonders in der Schule. Anfangs erschwerte die Sprachbarriere die Kommunikation, da viele meiner Mitschüler nur wenig Englisch sprechen und ich ohne Vorkenntnisse der Italienische Sprache nach Italien gegangen bin. Dies führte dazu, dass Gespräche manchmal schwierig waren und ich mich gelegentlich etwas fehl am Platz fühlte.
Doch mit der Zeit habe ich Menschen gefunden, mit denen ich ähnliche Interessen teile, und dadurch sind gute Freundschaften entstanden. Und es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist Geduld zu haben und offen zu bleiben, da es Zeit braucht bis gute Freundschaften entstehen.
Highlights meines Aufenthalts
Neben den Unterschieden konnte ich aber auch schon sehr viele schöne Erfahrungen sammeln, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind.
Unter anderem die Ankunft in Rom im Hotel, wo ich auf ca. 450 andere Austauschschüler aus der ganzen Welt traf und man die Vorfreude und Aufregung auf das, was uns erwarten würde, spüren konnte. Diese Atmosphäre war unbeschreiblich, und der Gedanke, bald meine Gastfamilie zu treffen und in den nächsten Monaten viele neue Erfahrungen zu machen, war einfach überwältigend.

Eine weitere schöne Erfahrung war, als ich mit meiner Gastfamilie auf einer Hochzeit in Süditalien eingeladen war. Nicht nur die Tatsache, dass es meine erste Hochzeit war, machte sie besonders, sondern auch die Möglichkeit die Traditionen einer italienischen Hochzeit kennenzulernen. Diese Erfahrung wird mir für immer in Erinnerung bleiben.
Ein weiteres Highlight war für mich, ein Wochenendtrip mit meiner Gastfamilie und Freunden von meiner Gastfamilie nach Rom, bei dem ich die Stadt zum ersten Mal wirklich hautnah erleben durfte. Dort konnte ich auch viel neue Eindrücke sammeln, die mich nachhaltig beeindruckt haben. Besonders die historischen Sehenswürdigkeiten und die lebendige Atmosphäre der Stadt haben mich fasziniert.
Als besonders schön empfand ich auch die Weihnachtszeit und das Weihnachtsfest, welches hier etwas anders gefeiert wird als bei meiner Familie in Deutschland. In der Weihnachtszeit habe ich unter anderem mit meiner Gastschwester und Gastbruder Weihnachtskekse gebacken, wie zum Beispiel Vanillekipferl und normale Kekse zum Verzieren. Ebenso habe ich ihnen die Tradition vom Nikolaus gezeigt, wobei ich abends nach dem wir die Schuhe rausgestellt haben, einen Schoko-Nikolaus und Nüsse in unsere Schuhe gelegt habe, worüber sich besonders mein kleiner Gastbruder sehr gefreut hat.
Ein sehr schöner Moment für mich, war auch, dass ich ein Weihnachtspaket von meiner Familie aus Deutschland bekommen habe, wo Geschenke für mich und meine Gastfamilie drin waren und das meine Gastfamilie auch ein Weihnachtspaket an meine Familie in Deutschland geschickt hat, wo unter anderem auch selbst gebackene Kekse von meiner Gast-Oma drin waren. Zusammen haben wir die Pakete per Videocall ausgepackt und somit konnte ich gleichzeitig Zeit mit meinen beiden Familien verbringen.
Mein Weihnachten in Italien
Beim Weihnachtsfest hier in meiner Gastfamilie haben wir uns am 24. Dezember mit der gesamten Familie für ein langes Abendessen versammelt. Danach haben wir gemeinsam die Kirche besucht und als wir wieder zu Hause waren, saßen wir noch bis spät in die Nacht zusammen und unterhielten uns, bevor wir ins Bett gingen. Die Geschenke wurden erst am Morgen des 25. Dezembers im Pyjama geöffnet, bevor es wieder ein gemeinsames Mittagessen mit der ganzen Familie gab. Und wir den Nachmittag mit Gesellschaftsspielen verbracht haben. Dies sind ein nur paar meiner Erfahrungen, welche mir besonders im Gedächtnis geblieben sind, doch natürlich könnte ich noch viele weitere schöne Erfahrungen erzählen.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
In meinem Auslandsjahr gib es aber auch Herausforderungen, die ich meistern muss. Zwar bin ich bisher glücklicherweise von großen Herausforderungen verschont geblieben, wie zum Beispiel von Heimweh, da ich mir immer wieder bewusstmache, dass meine Zeit in Deutschland nahezu unbegrenzt ist, während meine Zeit in Italien begrenzt ist, weswegen ich versuche, meine Zeit hier voll und ganz zu genießen und mich von nichts Negativem herunterziehen zu lassen. Kleinere Herausforderungen gab es dennoch zum Beispiel, die Sprachbarriere, die mich anfangs manchmal ausgeschlossen fühlen ließ, doch mit jedem Tag wurde mein Italienisch besser, unter anderem auch auf Grund des Italienischkurses, den ich zwei Mal die Woche habe und der von AFS organisiert wird, wofür ich auch sehr dankbar bin. Denn dadurch hielt dieses Gefühl der Exklusion nicht lange an und ich fühle mich mittlerweile sehr wohl in meinem Gastland Italien.
Aber es gibt nicht nur Herausforderungen, sondern auch Sachen, die mir hier in Italien etwas leichter fallen als in Deutschland, was vor allem an kulturellen Unterschieden liegt. Zum Beispiel ist es hier in Italien, meinen Erfahrungen nach, leichter mit jemanden ins Gespräch zu kommen, da ich finde, dass Italiener etwas kontaktfreudiger sind als zum Beispiel einige Menschen bei mir in Norddeutschland. Außerdem habe ich das Gefühl, dass hier weniger Zeitdruck herrscht. Da es nicht ungewöhnlich ist, etwas später zu kommen, ohne dass dies direkt als unhöflich empfunden wird, was den Alltag insgesamt entspannter macht.
Ebenso gibt es viele Eigenschaften und Werte dich ich aus meinem Gastland mit nach Deutschland nehmen möchte, da diese mir bereits sehr ans Herz gewachsen sind. Besonders die Geselligkeit und der Gemeinschaftssinn, die sich etwa in den langen gemeinsamen Mahlzeiten mit Familie und Freunden zeigen, sind mir sehr ans Herz gewachsen. Auch die enge Verbundenheit zwischen den Nachbarn, schätze ich sehr. Zudem finde ich die Gelassenheit der Italiener bewundernswert, die gegenüber Problemen und Stress im Alltag eine erstaunliche Ruhe bewahren. Diese Haltung würde ich gerne übernehmen, da ich das Gefühl habe, dass sie in Deutschland manchmal etwas fehlt. Natürlich möchte ich aber auch die kulinarischen Erlebnisse, die ich hier bisher gesammelt habe, wie zum Beispiel als mein Gastvater, der aus Neapel kommt, mir gezeigt hat, wie ich echte neapolitanische Pizza selber machen kann, mit meinen Freunden und meiner Familie in Deutschland teilen, um ihnen ein authentisches Stück Italien näherzubringen.
Abschließend möchte ich noch sagen, dass mein Aufenthalt hier in Italien, bisher eine unglaublich bereichernde Erfahrung ist, die mich kulturell, sprachlich und persönlich in dieser kurzen Zeit schon sehr bereichert hat. Ich bin sehr dankbar, dass ich all diese Erlebnisse und Erfahrungen machen darf und ich bin auch noch sehr gespannt, was die zweite Hälfte meines Aufenthaltes mir noch für Möglichkeiten und Erfahrungen bietet, die auch zu meiner persönlichen Weiterentwicklung beitragen. Daher möchte ich mich herzlich bei meinem Stipendiengeber Jürgen Blankenburg bedanken. Denn ohne diese Unterstützung wäre diese einzigartige Gelegenheit nicht möglich gewesen und ich werde diese Zeit für immer in guter Erinnerung behalten.

