Charlotte, Kolumbien, 2024 mit weltwärts

Ich bin Charlotte und vom Februar 2024 bis Januar 2025 habe ich mit AFS meinen Freiwilligendienst in Puerto Colombia, einer kleinen Stadt an der Karibikküste etwa eine halbe Stunde von Barranquilla entfernt, verbracht. Dieses Jahr war für mich eine Zeit voller neuer Eindrücke, Herausforderungen und persönlicher Entwicklung. Ich habe nicht nur eine völlig neue Kultur kennengelernt, sondern auch gelernt, mich in einer anderen Sprache, in einem neuen Alltag und Umfeld zurechtzufinden.

In meinem Bericht möchte ich meine Erfahrungen und Eindrücke teilen – von meinen Erwartungen vor der Abreise bis hin zu den vielen Dingen, die ich über Kolumbien, die Menschen dort und über mich selbst gelernt habe. Dabei gehe ich auf verschiedene Bereiche meines Freiwilligendienstes ein: Land und Leute, mein Projekt, Gastfamilie, Sprache, Betreuung durch AFS, Freizeit und Freundschaften sowie globales Lernen und Entwicklungspolitik.

Land und Leute – erster Eindruck, kulturelle Unterschiede und Freundschaften

Vor meiner Abreise stellte ich mir Kolumbien als ein Land mit Sonne, Strand, Palmen und Dschungel vor. Ich erwartete eine farbenfrohe Natur und herzliche Menschen – eine völlig „andere Welt“. Gleichzeitig hatte ich großen Respekt vor der Gefahr, von der mir in Deutschland immer wieder erzählt wurde.

Als ich dann vor Ort war, bestätigten sich viele dieser Vorstellungen: Die Natur war überwältigend schön, die Menschen äußerst herzlich und willkommen heißend. Die Gefahren in Kolumbien waren zwar real, aber ich hatte sie deutlich überschätzt. Wie die Kolumbianer selbst sagen: „No dar papaya“ – wortwörtlich „keine Papaya geben“ –, was bedeutet, dass man sich nicht unnötig in Gefahr bringen sollte. Mit etwas Vorsicht fühlte ich mich sicher und konnte das Land genießen.

Geräusche und Alltag

Anfangs ungewohnt war der Lärmpegel in der Stadt: laute Musik, bellende Hunde und Straßenverkäufer mit Verstärkern. Auch das Essen war anders: fast täglich Fleisch mit Kohlenhydraten, selten Gemüse oder Obst. Auffällig waren die vielen Straßenhunde und Katzen sowie die lockere Fahrweise auf Mopeds, oft zu zweit oder zu dritt ohne Helm.

Ein weiterer kultureller Unterschied ist die Einstellung zu Verabredungen und Pünktlichkeit. In Deutschland wird Pünktlichkeit sehr ernst genommen, und man hält sich in der Regel strikt an getroffene Absprachen. In Kolumbien dagegen ist es ganz anders: Verabredungen werden oft kurzfristig geändert oder fallen ganz aus, und Verspätungen werden locker wahrgenommen. Menschen erscheinen häufig später als vereinbart oder verschieben Pläne, ohne dass dies als unhöflich gilt.

Wahrnehmung meiner Person

Ein weiteres auffälliges Phänomen war, wie stark ich angestarrt wurde, da ich sehr europäisch aussehe mit blonden Haaren, blauen Augen und heller Haut. Besonders Männer starrten mich oft intensiv an. Vor allem an der Karibikküste war dies sehr ausgeprägt, an anderen Orten weniger. Anfangs störte es mich weniger, weil es neu war, mit der Zeit empfand ich es jedoch zunehmend als unangenehm.

Ein interessanter Punkt war auch, dass viele Menschen aus der Schule scheinbar jeden von uns deutschen Mitfreiwilligen kannten. Man fühlte sich manchmal wie eine kleine Berühmtheit, weil viele einen vom Namen oder vom Sehen kannten. Das war anfangs befremdlich, aber auch auf eine lustige Art interessant.

Freizeit und Kontakte mit Gleichaltrigen

Ich habe vor allem viel Zeit mit gleichaltrigen deutschen Freiwilligen verbracht und gemeinsam Aktivitäten unternommen. Durch sie konnte ich mich gut austauschen und mich schnell in meinem neuen Umfeld einleben. Außerdem hatte ich die Möglichkeit, einige gleichaltrige Kolumbianer*innen kennenzulernen. Leider war dies nicht ganz so häufig möglich, da viele junge Kolumbianer*innen in Barranquilla studierten oder anderweitig stark mit ihrem Alltag beschäftigt waren, während ich in Puerto Colombia lebte und die Möglichkeiten zum Treffen eingeschränkter waren. Trotzdem gelang es mir ab und zu, Kontakte zu knüpfen, was immer sehr bereichernd und interessant war. Meine Gastschwester war ebenfalls in meinem Alter, doch auch sie war meist stark durch ihr Studium eingebunden, was gemeinsame Unternehmungen oft erschwerte. Diese wenigen Gelegenheiten, Gleichaltrige kennenzulernen, haben mir dennoch wertvolle Einblicke in das Leben junger Kolumbianer*innen gegeben und mein Verständnis für die Kultur vor Ort vertieft.

Mein Arbeitsplatz und meine Aufgaben

Ich habe während meines Freiwilligendienstes an der Institución Técnica Educativa Javier Cisneros gearbeitet, einer Schule in Puerto Colombia. Mein Aufgabenbereich war der Englischunterricht in der Vorschule sowie in den Grundschulklassen von der ersten bis zur dritten Stufe.

Vorschule

In der Vorschule erhielt ich von den Lehrerinnen klare Vorgaben, welche Inhalte unterrichtet werden sollten, und musste mich an diese Vorgaben halten. Die Lehrerinnen waren stets unterstützend, doch ich hatte nur wenig eigenen Freiraum.

Grundschule

Bei den Grundschulklassen hatte ich zunehmend mehr Freiraum, die Unterrichtsstunden selbst zu gestalten. Vorbereitet wurde ich auf den Unterricht kaum – der Rektor gab mir lediglich ein paar Ideen und Hinweise. Ich war viel auf mich gestellt, konnte jedoch kreativ arbeiten und den Unterricht nach meinen Vorstellungen gestalten, was mir großen Spaß machte. Gleichzeitig war aber immer die jeweilige Klassenlehrerin anwesend, die zwar kein Englisch sprach, aber mich gut im Unterricht mich den Kindern unterstützte.

Arbeitszeit und Alltag

Ich arbeitete im Durchschnitt etwa 15 Stunden pro Woche, wobei der Stundenplan variierte. Viele freie Tage und Unterrichtsausfälle führten dazu, dass ich insgesamt viel Freizeit hatte. Die kurze Entfernung zur Schule (10–15 Minuten zu Fuß) machte die Anreise einfach. Gelegentlich nutzte ich ein Mototaxi, was nur wenige Minuten dauerte. Die Arbeitsbelastung war oft gering, aber in den Unterrichtsstunden selbst manchmal herausfordernd, vor allem aufgrund der lebhaften Kinder und der Sprachbarriere. Mit der Zeit lernte ich, die Unterrichtsstunden besser zu strukturieren und die Kinder zu motivieren.

Meine Gastfamilie und Unterkunft

Meine Gastfamilie hieß mich von Anfang an sehr herzlich willkommen: Luftballons, Blumen und ein „Bienvenida“-Banner mit persönlicher Nachricht machten mir sofort ein Willkommensgefühl. Fast alle Familienmitglieder sprachen kaum Englisch, nur mein Gastbruder etwas. Anfangs war die Verständigung schwierig, doch konnte ich nach einiger Zeit einfache Gespräche auf Spanisch führen. Mein Gastbruder war anfangs still und schüchtern, entwickelte jedoch schnell eine enge Freundschaft zu mir.

Bevor ich nach Kolumbien kam, hatte ich die Vorstellung, dass das Familienleben dort eine besonders große Rolle spielt und dass man viel Zeit gemeinsam verbringt – beim Essen, beim Reden oder bei Ausflügen. Ich habe also erwartet, dass wir als Familie viel zusammen unternehmen würden und dass das Miteinander sehr eng und lebendig sein würde. Diese Erwartung hat sich allerdings nicht ganz so erfüllt. Zwar wurde ich unglaublich herzlich aufgenommen, und meine Gastfamilie hat mir von Anfang an das Gefühl gegeben, willkommen zu sein, doch im Alltag sah es anders aus: Jeder aß meist
für sich, und gemeinsame Aktivitäten waren eher selten. Meine Gastfamilie ging generell selten in der Freizeit aus dem Haus, was sicherlich auch an der großen Hitze lag. Wenn wir dann doch einmal etwas zusammen unternahmen, war es umso schöner und fühlte sich sehr besonders an, weil es eben nicht so oft vorkam.

Am Ende meines Jahres habe ich gemerkt, dass ich nicht ganz so eng mit meiner Gastfamilie geworden bin, wie ich es anfangs gehofft hatte. Trotzdem waren sie mir sehr wichtig, und ich war ihnen unglaublich dankbar für alles, was sie für mich getan hatten. Der Abschied fiel mir dementsprechend schwer – ich musste weinen, weil mir in diesem Moment bewusst wurde, wie sehr mir die Familie trotz allem ans Herz gewachsen war.

Sprache und Kommunikation

Die Kommunikation im Projekt und bei meiner Gastfamilie erfolgte überwiegend auf Spanisch. Zu Beginn konnte ich nur wenig verstehen und sprechen, was viele Gespräche erschwerte. In der Schule war es ähnlich – die Kinder und Lehrerinnen in der Grundschule konnten kaum Englisch. Nur der Schuldirektor und einige ältere Schüler*innen beherrschten Englisch gut.

Am Anfang war es für mich oft frustrierend, da ich das Gefühl hatte, die Sprache viel langsamer zu lernen, als ich es mir erhofft hatte. Ich machte mir innerlich Druck, schnell gut Spanisch zu sprechen. Ein Grund dafür war, dass ich in der Anfangszeit sehr viel Zeit mit meinem deutschen Mitfreiwilligen verbrachte und dadurch oft Deutsch sprach. Mit der Zeit änderte sich das jedoch: Wir knüpften mehr Kontakte zu kolumbianischen Freund*innen, wodurch ich zunehmend Spanisch in meiner Freizeit sprach. Nach etwa vier Monaten machte ich den ersten großen Fortschritt, und nach ungefähr sechs Monaten konnte ich mich nochmal deutlich besser ausdrücken. Gegen Ende meines Jahres konnte ich mich fließend verständigen und auch komplexe Gespräche führen. Die Menschen begegneten meinen anfänglichen Sprachfehlern stets geduldig und freundlich und halfen mir aktiv, mein Spanisch zu verbessern.

Betreuung durch AFS

Die Betreuung durch AFS Kolumbien war sehr positiv. Besonders das Komitee in Bogotá war herzlich und engagiert. Die Camps – Welcome-, Mid-Stay- und End-of-Stay-Camp – waren wertvoll und boten Gelegenheit zum Austausch mit anderen Freiwilligen.

Außerdem hatten wir immer unglaublich Spaß. Die lokale Betreuung mit meiner Kontaktperson in Puerto Colombia war eher unregelmäßig, doch da es mir gut ging, war das kein Problem. Kleine Treffen mit dem Komitee und den anderen Freiwilligen vor Ort habe ich immer sehr genossen. Auch mit AFS Deutschland war ich zufrieden – zuverlässig, organisiert und unterstützend.

Freizeit, Freundschaften und interkulturelle Erfahrungen

In meiner Freizeit habe ich besonders viel Zeit mit den anderen deutschen Freiwilligen verbracht, die im Laufe des Jahres zu meinen engsten Freunden geworden sind. Ein Grund dafür war sicherlich die gemeinsame Sprache und das Gefühl, aus dem gleichen Land zu kommen – das hat sofort eine besondere Verbundenheit geschaffen. Wir haben gemeinsam zahlreiche Aktivitäten unternommen, viel gelacht, uns gegenseitig unterstützt und Erfahrungen ausgetauscht.

Besonders unvergesslich waren die gemeinsamen Urlaube, die wir miteinander gemacht haben. Diese Reisen waren immer voller Spaß, Entdeckungen und einzigartiger Momente, die uns noch enger zusammengeschweißt haben. Ich werde diese Zeit mit ihnen niemals vergessen, und ich bin sehr dankbar, dass wir auch nach dem Ende unseres Freiwilligendienstes weiterhin in Kontakt stehen. Sie zählen heute zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben, und diese Freundschaften bedeuten mir unglaublich viel.

Ich glaube, wir hatten an der Karibikküste einfach Glück, weil wir alle sehr ähnlich ticken. Natürlich hatte jeder von uns seine eigenen Eigenheiten, doch unsere Gruppendynamik hat perfekt harmoniert. Wir haben als Gruppe und als Einzelpersonen hervorragend zusammengepasst. Dieses Zusammenspiel war ein großes Glück, da ich weiß, dass nicht jede Gruppe von Freiwilligen so gut zusammenfindet. Die gemeinsame Zeit hat nicht nur unsere Freundschaften gestärkt, sondern auch das Jahr insgesamt zu einer noch intensiveren und wertvolleren Erfahrung gemacht.

Neben den deutschen Freiwilligen habe ich auch Freundschaften zu Kolumbianer*innen und meinen Gastgeschwistern aufgebaut. Viele dieser Freundschaften waren von einem Alterunterschied geprägt oder fanden mit Oberstufen-schüler*innen meiner Schule statt, wodurch die Dynamik anders war als bei den deutschen Freiwilligen. Dennoch habe ich es sehr geschätzt, Zeit mit ihnen zu verbringen, gemeinsame Aktivitäten zu unternehmen und die Kultur und Lebensweise Kolumbiens durch sie besser kennenzulernen. Auch hier war vieles spontan und flexibel, was typisch für die lockere Mentalität vor Ort ist.

Diese Mischung aus engen Freundschaften mit deutschen Freiwilligen und interkulturellem Austausch mit kolumbianischen Jugendlichen hat mein Jahr in Kolumbien auf besondere Weise bereichert.

Globales Lernen und Entwicklungspolitik

Für mich bedeutet globales Lernen, ständig neue Perspektiven zu gewinnen, andere Lebensweisen zu verstehen und sich auf verschiedene Kulturen einzulassen. Es umfasst das Lernen von Sprachen, Kommunikationsformen und sozialen Normen. Ich habe gelernt, dass Entwicklungszusammenarbeit nicht nur darin besteht, anderen zu helfen, sondern dass es vor allem um gegenseitiges Lernen geht. Projekte verlaufen sehr unterschiedlich, und man lernt stets von den Menschen vor Ort.

Ich plane, meine Erfahrungen weiterzugeben, indem ich anderen von Kolumbien erzähle, Fotos und Videos zeige und mich bemühe, ein authentisches Bild der Kultur und Lebensweise zu vermitteln. Außerdem möchte ich junge Menschen ermutigen, einen Freiwilligendienst im Ausland zu machen, um neue Perspektiven und Erfahrungen zu sammeln.

Abschluss

Mein Jahr in Kolumbien war eine außergewöhnliche Erfahrung, die mich persönlich und kulturell sehr geprägt hat. Ich habe gelernt, Herausforderungen anzunehmen, mich in neuen Situationen zurechtzufinden und offen auf Menschen und Kulturen zuzugehen. Ich bin dankbar für die Freundschaften, die ich schließen konnte, für die herzliche Gastfamilie, die schönen Momente im Unterricht, die einmaligen Eindrücke von Land und Leuten und die unvergesslichen Erfahrungen die machen durfte.

Dieses Jahr wird mich ein Leben lang begleiten und mir Mut geben, weiterhin neugierig und offen für Neues zu bleiben. Ich kann jedem jungen Menschen nur empfehlen, einen Freiwilligendienst zu machen, da er sowohl persönliche Entwicklung als auch interkulturelles Verständnis enorm fördert.

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