Merle, Paraguay, weltwärts, 2025
Land & Leute
Als ich im August 2024 nach Paraguay geflogen bin, war für mich alles neu: das Klima, die Kultur, die Sprache, die Menschen und auch mein Alltag.
In Deutschland lebe ich in einem kleinen Dorf mit 1.000 Einwohnern -ruhig, überschaubar, vertraut. In Paraguay dagegen wohnte ich in einem Vorort der Hauptstadt, mitten im Trubel einer Großstadt. Von leise zu laut. Von wenigen Autos zu endlosem Verkehr und Staus. Von einer Handvoll Möglichkeiten am Wochenende zu einer unendlichen Auswahl an Restaurants und Aktivitäten. Von engen, ruhigen Feldwegen zu breiten, vollen Straßen. Von dem vielen Grün meines Dorfes zu noch mehr Grün, das sich trotz Großstadt überall wiederfindet. Von einem Ort, an dem man jeden kennt, zu einer Stadt, in der man jeden Tag neue Gesichter trifft. Es hat schon so zwei bis drei Monate gedauert, bis ich mich richtig eingelebt und an die neuen Umstände gewöhnt habe. Vieles war mir anfangs sehr fremd, und da meine Spanischkenntnisse noch nicht so gut waren, habe ich einiges einfach nicht verstanden. Oft saß ich mit meiner Gastfamilie im Auto ohne zu wissen, wohin es geht, wie lange wir unterwegs sind und was wir unternehmen. Nicht nur, weil ich es nicht richtig verstanden habe , sondern einfach auch, weil die Pläne immer super spontan gemacht wurden – es hieß „Vamos“ und los ging es. Ein sehr klarer kultureller Unterschied war für mich der Umgang mit Zeit. In Deutschland wird Pünktlichkeit großgeschrieben – in Paraguay gibt es die „hora paraguaya“. Das bedeutet, dass Verabredungen viel lockerer gesehen werden. Selbst wenn man eine halbe Stunde später als vereinbart kommt, ist man oft noch die erste Person. Anfangs musste ich mich daran gewöhnen, später habe ich diese entspannte Haltung genossen.
Auch die Begrüßungen und Verabschiedungen waren anders. Statt einem schnellen Händedruck gibt es fast immer eine herzliche Umarmung und ein Küsschen links und rechts auf die Wange. Am Anfang war mir das ungewohnt, aber ich habe schnell gemerkt, wie viel Herzlichkeit darin steckt. Auch dass man sich regelmäßig „te quiero“ („ich habe dich lieb“) sagt, zeigt, wie viel Wärme und Nähe in Beziehungen steckt. Heute finde ich es manchmal fast schade, dass wir in Deutschland oft distanzierter sind.
Besonders prägend war auch, wie wichtig Familie in Paraguay ist. In meiner Gastfamilie lebte der Halbbruder meines Gastvaters, der 63 Jahre alt ist und eine Behinderung (Down-Syndrom) hat. Für die Familie war es selbstverständlich, sich um ihn zu kümmern und ihn in den Alltag einzubinden. In Deutschland wäre er wahrscheinlich in einer Einrichtung, doch für meine Gastfamilie war es keine Frage, dass er dazugehört. Diese Selbstverständlichkeit und Fürsorge haben mich tief beeindruckt. Auch die Kinder sind völlig in den Alltag integriert und immer selbstverständlich dabei. Es gibt keine feste „Schlafenszeit“ und es kam vor, dass meine kleinen Gastgeschwister erst nach mir ins Bett gegangen sind.
Beim Essen gab es ebenfalls Unterschiede. Fleisch spielte eine riesige Rolle, vor allem Rindfleisch („vaca“). Huhn oder Schwein wurde gar nicht als „richtiges Fleisch“ gezählt. Besonders sonntags beim Asado (Grillen) war Fleisch der Mittelpunkt. Dazu kamen Familie, Musik und viele Gespräche – für mich war das einer der schönsten Einblicke in das paraguayische Leben. Auch an die Essenszeiten musste ich mich erst gewöhnen. Es ist z. B. völlig normal, erst abends gegen 22 Uhr noch in ein Restaurant zum Abendessen zu gehen – natürlich mit der ganzen Familie einschließlich der kleinen Kinder.
Eine Besonderheit in Paraguay ist das Nationalgetränk „Tereré“, welcher aus kaltem Matetee besteht. Es wird oft in Gemeinschaft getrunken und alle trinken aus dem gleichen Becher und Strohhalm. Am Anfang war es für mich noch ungewöhnlich, aber mit der Zeit wurde es für mich ein schönes Ritual. Beim Terere trinken wird viel „chisme“ (Klatsch) ausgetauscht und dieses Gemeinschaftsgefühl, die Nähe und Gastfreundschaft sind einfach toll.
Was mich auch oft überrascht hat, war die Offenheit der Menschen im Alltag. Fremde haben mich im Bus angesprochen, weil sie gesehen haben, dass ich nicht aus Paraguay komme. Sie waren neugierig, höflich und interessiert. Diese Offenheit hat mir sehr geholfen, mich wohl und willkommen zu fühlen.
Generell wirken die Menschen dort glücklicher und weniger gestresst. Ich hatte oft den Eindruck, dass viele mit einer großen Gelassenheit durchs Leben gehen. Probleme werden nicht dramatisiert, sondern man versucht, immer das Positive zu sehen.
Die Menschen in Paraguay haben oft einen sehr ironischen Humor. Es dauert ein bisschen, bis man das versteht, aber irgendwann habe ich angefangen, diesen Humor zu lieben.
Mit Gleichaltrigen habe ich viel unternommen: mit Kolleg:innen, mit Freund:innen aus Paraguay und mit anderen Freiwilligen. Wir sind zusammen ins Kino gegangen, haben Volleyball gespielt, Geburtstage gefeiert, sind Kanu gefahren oder haben einfach Abende bei mir zu Hause verbracht. Außerdem habe ich mit anderen Freiwilligen einen Salsa- und Bachata-Tanzkurs besucht und ab Mai sogar regelmäßig in einem Fußballverein trainiert und Padel-Tennis gespielt.
Ein unvergessliches Erlebnis waren die Fußballspiele. Ich war bei Länderspielen im Stadion und habe gesehen, wie Paraguay gegen Uruguay, Chile, Argentinien, Venezuela und Brasilien gewonnen hat. Die Stimmung war gigantisch – voller Nationalstolz, Gesang und Freude. Auch danach wurde in den Straßen noch lange gefeiert. Ich habe dort erlebt, wie sehr Sport Menschen verbinden kann.
![]() |
![]() |
Arbeitsplatz
Mein Projekt hieß Benjamin Franklin Science Corner. Es handelt sich um einen „American Space“, der mit den USA zusammenarbeitet und Kindern und Jugendlichen spielerisch die Welt der Wissenschaft näherbringt.
Meine regulären Arbeitszeiten waren unter der Woche von 10 bis 15 Uhr, aber oft bin ich länger geblieben, weil ich die Zeit mit meinen Kolleg:innen sehr genossen habe und wir nach der Arbeit noch gemeinsam gegessen, Spiele gespielt oder geredet haben.
Zu meinen Aufgaben gehörten:
- Planung und Durchführung von Veranstaltungen (Halloween-Party, Thanksgiving, Weihnachtsfeier).
- Mitgestaltung von Workshops und Experimenten mit Kindern und Jugendlichen, z. B. auf Straßenfesten oder in Schulen.
- Teilnahme an Projekten des internationalen GLOBE-Programms, für das ich auch Zertifikate erworben habe.
- Gestaltung und Dekoration unseres Büros.
- Unterstützung bei Schulklassenführungen oder Fotoshootings.
Wir waren ein bunt gemischtes Team. Es bestand aus meiner Chefin (der einzigen hauptberuflichen Mitarbeiterin im Projekt), einem weiteren deutschen Freiwilligen, einem amerikanischen Freiwilligen (für sechs Monate) und mir. Daneben kamen immer wieder viele paraguayische Freiwillige, die neben ihrer Uni oder Schule bei uns mithalfen. So hatte ich das Gefühl, Teil einer kleinen Familie zu sein.
Mein Arbeitsweg war allerdings sehr lang: Ich wohnte in Lambaré, etwas außerhalb von Asunción, während mein Projekt im Stadtteil Mariscal López lag. Mit dem Bus brauchte ich – je nach Uhrzeit und Verkehr – zwischen 1 Stunde 15 Minuten und 2 Stunden. Da es keine festen Fahrpläne oder Haltestellen gibt, war es manchmal Glückssache, wie lange ich unterwegs war. Anfangs war das anstrengend, aber später habe ich diese Fahrten als Teil meines Alltags akzeptiert und gelernt zu genießen.
![]() |
![]() |
Gastfamilie & Unterkunft
Meine Gastfamilie bestand aus meinen Gasteltern und meinen zwei kleinen Gastbrüdern, die während meines Aufenthalts zwei und fünf Jahre alt waren. Ich hatte wirklich großes Glück: Von Anfang an haben sie mich herzlich aufgenommen, und ich wusste, dass ich mit jedem Problem zu ihnen gehen konnte.

Meine Gasteltern sind für mich zu Vorbildern geworden. Ihre Art, ihr Leben zu gestalten, ihr liebevoller Umgang miteinander und mit den Kindern haben mich tief beeindruckt. Es herrschte immer viel Liebe, Respekt und Geborgenheit im Haus. Wir haben viel gemeinsam unternommen, und so wurde meine Gastfamilie für mich wie ein zweites Zuhause.
Da ich mein eigenes Schlaf- und Badezimmer hatte, konnte ich mich auch mal zurückziehen, was ich sehr zu schätzen weiß. Denn im Haus war – allein durch die zwei Kinder und den behinderten Bruder – immer etwas los.
Anfangs war es für mich ungewohnt, dass wir eine Haushaltshilfe hatten, die kochte, putzte und sogar mein Zimmer aufräumte. In Deutschland war ich es gewohnt, vieles selbst zu machen. Doch in Paraguay ist es ganz normal, eine Haushaltshilfe zu haben, wenn es die finanziellen Mittel erlauben.
Ein Großteil des Familienlebens spielte sich im Garten ab: Hier gab es einen Pool, eine große Grillstation, eine große Wiese mit Volleyballnetz und viele Sitzgelegenheit. Sonntags veranstaltete meine Familie regelmäßig Asados und es kamen immer viele Verwandte und Freunde zu Besuch. Dadurch hatte ich auch viel Kontakt zu den Eltern, Tanten, Onkel, Nichten, Neffen und Geschwistern meiner Gasteltern. Alle waren sehr herzlich und haben mich sofort in die Familie aufgenommen. Mit der Schwester meiner Gastmutter und dem Neffen meines Gastvaters sind tiefe Freundschaften entstanden und wir haben viel zusammen unternommen.
Besonders bei für mich schwierigeren Anlässen wie zum Beispiel mein Geburtstag, den ich zum ersten Mal ohne meine Zwillingsschwester gefeiert habe, oder Weihnachten, als ich meine deutsche Familie besonders vermisst habe, haben mich alle aufgebaut und mit ihrer herzlichen Art und Weise aufgemuntert.
Der Abschied fiel mir unglaublich schwer. Im Laufe der Zeit ist meine Gastfamilie wie meine richtige Familie für mich geworden und sind immer noch unglaublich wichtige Menschen für mich.

Betreuung
Von AFS Paraguay hatte ich ein Willkommensseminar, ein Zwischenseminar im Februar und ein Abschlussseminar. Diese Seminare haben mir geholfen, meine Erfahrungen zu reflektieren und mich mit anderen Freiwilligen auszutauschen.
Auch mein lokales Komitee hat sich viel Mühe gegeben: Es gab eine Willkommensparty für mich, wir waren zusammen bowlen oder haben ein traditionelles San-Juan-Fest gestaltet. Diese Treffen haben mir geholfen, mich mit anderen Freiwilligen und Einheimischen besser zu vernetzen und ein noch größeres Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.
Konfliktsituationen, bei denen ich Hilfe von AFS in Anspruch nehmen musste, gab es zum Glück nicht. Ich hatte aber immer das Gefühl, gut durch AFS betreut zu sein und hätte mich jederzeit an einen Ansprechpartner vor Ort oder auch in Deutschland wenden können.
Ein Highlight meines Aufenthaltes war die von AFS organisierte Reise nach Rio de Janeiro zusammen mit anderen Freiwilligen im Januar 2025. Diese faszinierende Metropole kennenzulernen, war ein unvergessliches Erlebnis!
![]() |
|
Sprache und Kommunikation
Zu Beginn habe ich mit meinen Gasteltern viel Englisch gesprochen, da meine Sprachkenntnisse in Spanisch noch nicht ausgereicht haben. Im Projekt haben wir ebenfalls oft Englisch gesprochen. Nach und nach haben wir dann immer mehr Spanisch integriert, bis es irgendwann ganz normal war, fast ausschließlich Spanisch zu sprechen.
Am Anfang habe ich fast nichts verstanden, aber mit der Zeit konnte ich mich immer besser ausdrücken. Jetzt kann ich Gespräche fast vollständig verstehen und mich im Alltag auf Spanisch gut zurecht finden. Zusätzlich habe ich ein paar Wörter auf Guaraní gelernt, was für mich ein spannender Einblick in die zweite Landessprache war.
Meine Gastfamilie und meine Kolleg:innen haben mich unglaublich unterstützt. Sie haben mir geduldig Dinge erklärt, mich motiviert und wir haben kleine „Challenges“ gemacht, wie Vokabeltests oder Sprachspiele. Dadurch hatte ich nie Angst, Fehler zu machen, sondern immer Lust, weiter zu lernen.
![]() |
|
Globales Lernen und Entwicklungspolitik
Für mich bedeutet globales Lernen, offen für andere Kulturen zu sein, Unterschiede zu respektieren und von den Erfahrungen anderer zu lernen. In Paraguay habe ich gelernt, wie wertvoll es ist, eine andere Sicht auf das Leben kennenzulernen – eine Sicht, die weniger stressig, dafür gemeinschaftlicher und herzlicher ist.
Über Entwicklungszusammenarbeit habe ich gelernt, dass sie nicht nur in großen Projekten passiert, sondern auch in kleinen Momenten. Wenn Kinder durch wissenschaftliche Experimente begeistert werden, eröffnet sich für sie vielleicht eine neue Perspektive für die Zukunft.
Meine Erfahrungen möchte ich in Deutschland weitergeben, indem ich mit Freund:innen, Familie und zukünftigen Freiwilligen darüber spreche. Außerdem möchte ich mich weiter im interkulturellen Austausch engagieren, weil ich glaube, dass globale Entwicklung bei jeder und jedem von uns beginnt.

Fazit
Mein Jahr in Paraguay war eine der prägendsten Erfahrungen meines Lebens. Ich habe gelernt, selbstständiger zu werden, Verantwortung zu übernehmen, in einer fremden Kultur zu leben und mich auf Neues einzulassen.
Die Rückkehr nach Deutschland war nicht einfach. Alles ist wie früher, doch ich habe mich verändert. Viele Dinge sehe ich jetzt mit anderen Augen. Aber ich merke, dass die Erinnerungen und Erfahrungen mich auch hier tragen.
Ich bin unglaublich dankbar für meine Gastfamilie, meine Kolleg:innen und alle Freund:innen, die ich gefunden habe. Dieses Jahr hat mich geprägt und wird immer ein Teil von mir bleiben.









