Frederik, Portugal, 2024, Ehrenamtsstipendium

Den Gedanke für eine gewisse Zeit in der Schule ins Ausland zu gehen, kreiste schon eine ganze Weile in meinem Kopf. Meine Mutter und mein Onkel waren beide schon mit AFS im Ausland gewesen. Meine Mutter ebenfalls in Portugal und mein Onkel in Costa Rica. Beide erzählten mir von ihren Erfahrungen und die ihre ehemaligen Gastfamilien hatte ich auch schon vor meinem Abflug kennengelernt. Das Thema und die Organisation waren mir also schon bekannt.
Die Entscheidung nach Portugal zu gehen entstand trotzdem durch Neugier, den Willen eine neue Sprache zu lernen und weil ich ja schon wusste, wie wertvoll so eine Erfahrung sein kann.
Das Land wählte ich, da ich schon einige Male mit meiner Familie im Urlaub in Portugal war. Meine Oma besitzt ein kleines Ferienhaus mit einer netten portugiesischen Nachbarschaft. Ich hatte Erfahrung mit Portugiesen und mit dem Land gemacht und mir gefiel es richtig gut. Also warum nicht ein Jahr unter diesen Menschen leben, zur Schule gehen, Freunde finden und die Kultur richtig kennenlernen. Damit war die Entscheidung schon gefallen.
Nach Gesprächen mit AFS wurden wir über die Stipendien informiert, die von AFS angeboten werden. Ich entschied, mich auf ein Ehrenamtsstipendium zu bewerben. Ich bewarb mich aufgrund der verschiedenen ehrenamtlichen Aktivitäten, die ich in den letzten Monaten ausgeführt hatte und bekam eine finanzielle Unterstützung von 1000€. An dieser Stelle möchte ich mich ausdrücklich bei AFS bedanken, dass sie mir und meiner Familie geholfen haben, dieses wunderbare Erlebnis zu ermöglichen.
Mein neues Leben in Lissabon

Mein Austausch startete am 9. September am Hamburger Flughafen. Nach der Verabschiedung ging es ins Flugzeug und 3 Stunden später stand ich auch schon in meinem neuen Leben: In Lissabon. Ich wurde von AFS – Ehrenamtlichen empfangen und traf auch schon die ersten anderen Austauschschüler. Meine Gastfamilie, bestehend aus meiner Gastmutter Ana und Gastbruder Gui, holte mich ab und ich sah zum ersten Mal meine Wohnung für die nächsten 10 Monate. Lange sollte ich da aber nicht bleiben, denn schon am nächsten Morgen ging es per Bus nach Tavira in die Algarve für eine Woche Urlaub. Dort habe ich auch die Großmutter der Familie kenngelernt. Wunderschöne Strände, endlich wieder Meer und leckeres Essen bescherten mir die perfekte Ankunft im sommerlichen Portugal.
Nach einer Woche Traumurlaub begann das Leben in Lissabon. Da ich aus Deutschland ein eher ländliches Leben gewohnt bin, war die Stadt schon eine Umstellung für mich. Laut, wenig Natur, keine Angelplätze und viel Trubel – dafür aber viel zu entdecken und eine wunderschöne alte Schule, nämlich das älteste Gymnasium Lissabons `Liceu Camoes‘, mit sehr offenen und sympathischen Mitschülern. Portugiesisch lernte ich von da an im Kurs der Schule, der mich wirklich gut voranbringt.
In den 3,5 Monaten habe ich wirklich schon viel erlebt. Ich war schon öfters in der malerischen Altstadt mit Freunden, aber natürlich auch als Tourist, um die Kultur des Landes zu entdecken. Ich habe mit AFS-Kollegen, Familie und Freunden schon viele schöne Plätze entdeckt. Zwei Trips mit meiner Gastfamilie in die Natur gaben mir wertvolle Pausen von der lauten Stadt, die ich sehr genossen habe. Meine Gastmutter ist Architektin und ich durfte sie auf einen Workshop ins Hinterland begleiten, wo ein traditionelles Schilfhaus gebaut wurde. Das gab tolle Einblicke in die Kulturgeschichte. Ende November haben wir ein altes Kloster besichtigt und meine Gastmutter hat mir beigebracht, wie man mit ihrer Kamera umgeht. Nun kann ich die ganzen neuen Eindrücke noch aus einer ganz anderen Perspektive sammeln und habe ein neues Hobby gefunden. Ein Abstecher an den Strand, auch im Winter, fehlt bei den meisten Ausflügen nicht. So konnte ich ein Bad bei 20 Grad im portugiesischen Meer genießen, während in Deutschland schon 0 Grad in der Nacht waren.
Tagesausflüge wie diese gefallen mir sehr gut und es macht mir wirklich Spaß Zeit mit meiner Gastfamilie zu verbringen.
Die ersten 5 Ferientage vor Weihnachten verbrachte ich mit meiner Gastfamilie in dem Strandhaus eines Freundes meiner Gastmutter in der Nähe von Santa Cruz. Wir unternahmen Tagesausflüge z.B.: nach Nazaré, Óbidos oder Peniche. Ich bin sehr dankbar dafür, dass meine Gastmutter so gerne unterwegs ist und ich so viele verschiedene Orte von Portugal erleben und sehen darf. Auch Museen wie das “Museu Nacional da Resistência e Liberdade” in einem alten Gefängnis der Diktatorzeit durften nicht fehlen. Das Engagement meiner Gastmutter mir auch die Geschichte oder die Kultur Portugals näherzubringen, schätze ich wirklich sehr!

Zu Weihnachten ging es dann zurück nach Lissabon um mit insgesamt 40 Cousins zusammen zu feiern. Da ich schon einigermaßen Portugiesisch sprechen konnte, kamen einige interessante Gespräche zustande. Eine zwar laute, aber sehr schöne Atmosphäre führte dazu, dass mich auch weit weg von meiner eigentlichen Familie wohl fühlte und das Fest mit den kulinarischen Besonderheiten genießen konnte. Der Weihnachtsbaum mit Schokokringeln fehlte trotzdem. Nach Weihnachten ging es dann in den Norden zu dem Haus meiner Gastfamilie. In einem kleinen Tal, in der Nähe von Vendas das Galizes und direkt am Fluss verbrachte ich drei Tage. Wir unternahmen Wanderungen ins benachbarte Dorf Avô und in das Schieferdorf Piódão. Die wunderschöne Schieferarchitektur bot auch hervorragendes Material für die Kamera meiner Gastmutter, die ich mittlerweile auf jeden Ausflug mitnehme. Am 30. Dezember ging es dann alleine zurück nach Lissabon, um Neujahr und die letzten Ferientage mit meinen Freunden zu verbringen.
Kulturelle Unterschiede
Auch wenn ich „nur“ nach Portugal gegangen bin, gibt es doch einige kulturelle Unterschiede, die einem auch als Deutscher auffallen. In den Wohnungen oder öffentlichen Einrichtungen gibt es wenige bis gar keine Unterschiede, die nicht individuelle Entscheidungen sind.
Der Umgang in der Schule zwischen Lehrern und Schüler ist allerdings schon anders. An meiner Schule in Deutschland werden ab dem 9. Jahrgang IPads als primäres Arbeitsgerät eingeführt. Das klingt erstmal ganz gut und innovativ, aber wenn man beachtet, wie sehr das Miteinander dadurch einschläft, denkt man doch noch einmal genauer drüber nach. In Portugal schreibt man auf Papier und die Beteiligung im Unterricht erfolgt meistens ohne Melden. So entsteht sehr oft ein diskussionsartiges Klassengespräch, welches den Unterricht besser voranbringt. Auch mit Witzen oder nicht ernstgemeinten Kommentaren gehen die Lehrer völlig entspannt um und lachen meistens einfach selbst drüber. Die Lehrer werden hier auch nicht mit Nachnamen angesprochen sondern mit „Professor/a“ (Lehrer:in auf Deutsch). Die Schüler-Lehrerbeziehung wirkt eher wie eine große Arbeitsgruppe und der Lehrer wird nicht wie eine ständig redende Autoritätsperson angesehen.
Die Art der Lehrer und das Temperament der Portugiesen gefällt mir besser als das der Deutschen. Diese Meinung ist natürlich individuell und das Geschehen kann von jeder Person anders aufgegriffen werden.
Da das portugiesische Schulsystem schon in der 12. Klasse endet, ist die 11. Klasse, in der ich mich befinde, schon Teil der Abschlussphase. Ich befinde mich im Wissenschaftlichen Zweig, in dem der Schwerpunkt auf Biologie, Physik und Mathe liegt. Wenn man die Stundenanzahl mit der 12. Klasse in Deutschland vergleicht kommt das ungefähr auf das gleiche heraus. Ich habe an drei Tagen Nachmittagsunterricht: einmal bis 18:30 und zweimal bis 16:45. Das klingt erstmal sehr lang aber man hat zwischendrin eine zwei Stunden lange Mittagspause. Am Donnerstag haben wir sechs Stunden Laborarbeit bis 18:30. In anderen Zweigen der Oberstufe kann man allerdings noch viel mehr Stunden kriegen.
Freunde finden
Freunde zu finden ist, wie in Deutschland, sehr individuell. Wenn man zu einer Gruppe oder zu Personen passt und sich um Kontakt bemüht, ist es nicht schwer gute Kontakte aufzubauen. Die Portugiesen sind im Allgemeinen offener und sie gehen eh schnell auf neue Personen zu und fangen ein Gespräch an. Natürlich dauert es seine Zeit bis man wirklich mit Personen befreundet ist oder regelmäßig eingeladen wird. Dabei spielt bei mir die Sprache eine sehr große Rolle. Es ist viel einfacher sich in das Gruppengespräch einzufügen, wenn man die Sprache spricht. Auch wenn das nach 4 Monaten Unterricht nur halb der Fall ist, geben sich die Portugiesen Mühe mich zu verstehen, helfen mir und haben viel Geduld. Ich weiß nicht, ob das in meiner deutschen Klasse so wäre.
Ähnlich wie in Amerika gibt es auch in Portugal zahlreiche Sportaktivitäten, die in der Schule freweillig belegt werden können. Ich mache zum Beispiel im Leistungsschwimmen mit und bin auch schon gegen andere Schulen angetreten.
Lernen
Eine wichtige Erfahrung habe ich schon direkt am Anfang gemacht. Es gab viele Dinge zu organisieren oder zu besorgen. Meine Metro Karte bereitete Probleme, in der Schule gab es sehr viele Sachen zu organisieren und es gab immer etwas mit irgendwem zu klären. Es kam mir alles sehr viel bürokratischer vor als in Deutschland und die Sprache kaum zu sprechen war eine Hürde. Es war sehr anstrengend. Meine Gastmutter half mir natürlich viel, aber trotzdem lernte ich, mich selbständig um Dinge zu kümmern, von den ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Das steigerte auch mein Selbstvertrauen, was so weit weg von zu Hause sehr nützlich ist.
Eine Eigenschaft, die ich gerne mit nach Deutschland nehmen würde, ist die Offenheit und die Gelassenheit der Portugiesen. Unter meinen Mitschülern gab es viel Interesse an mir als neuem Schüler, viele Fragen, aber immer mit Respekt. Auch auf Familienfeiern oder unter Freunden von meiner Gastfamilie habe ich mich schnell wohlgefühlt, weil man miteinbezogen wird, selbst wenn man nicht perfekt die Sprache spricht.
Diese offene Einstellung gegenüber jedem würde ich sehr gerne behalten, da sich andere einfach viel schneller respektiert und wertgeschätzt fühlen.
Die größte Herausforderung die ich bisher erlebt habe, war vielleicht den Mut zu finden Portugiesisch zu sprechen. Einfach die Wörter und Sätze zu benutzen, die man schon kennt, selbst wenn man sich nicht sicher ist. Sobald man sich das traut, läuft auch das soziale Leben besser. Man fühlt sich wohler und auch die Freundschaften werden intensiver. Wenn man aber in der Gastfamilie schon früh genug damit anfängt, dann geht es unter Freunden oder Fremden viel leichter.
Eine weitere Erfahrung ist auch, wie viel sich verändert, wenn die soziale Umgebung von zu Hause plötzlich wegfällt. Natürlich einmal die Familie. Zu Hause sind Aufgaben und Regeln klar und man weiß genau, was man sich leisten kann. In der neuen Familie muss man sich erstmal Vertrauen erarbeiten und vor allem mit dem Gastbruder klären, wer was machen muss. Gar nicht so einfach, wenn dieser nichts helfen will und man ihm sozusagen in den Rücken fällt, weil man seine Aufgaben erledigt. Aber ich kann meine Gastmutter sehr unterstützen – ich helfe in der Küche, koche viel und backe (deutsches) Brot. Das ist eine gute Möglichkeit etwas zurückzugeben und sich auszutauschen!
Und dann in der Schule. Zu Hause kennen mich meine Mitschüler und Lehrer als engagierten Schüler. Ich werde angesprochen, wenn es Projekte gibt, unterstütze, bringe mich ein. Hier bin ich vielleicht der interessante Deutsche, aber ich fühle mich eigentlich auch ein bisschen dumm. Ich verstehe kaum etwas, in manchen Fächern, wie zum Beispiel Mathe komme ich gar nicht mit, da der Stoff ganz anders ist und ich einfach nichts verstehe. Da kann man nicht so viel einbringen. Aber einen kleinen Beitrag konnte ich auch schon im Rahmen eines Workshops leisten. Ich veranstaltete einen Workshop, in dem ich Deutschland, die deutsche Kultur und Sprache vorstellte. Dabei sollte auf der Fokus auf die Sprache gelegt werden und in den 45 Minuten konnten die Teilnehmern einen groben Dialog zusammenbauen und mit meiner Hilfe auch vortragen.
Alles in allem habe ich viel gelernt, viel erlebt und kann meine Zeit hier in Portugal sehr gut genießen. Ich bin, wie schon gesagt sehr dankbar dafür, dass AFS mich mit einem Ehrenamtsstipendium bei meinem Abenteuer – Auslandsjahr unterstützt. Ich freue mich auf meine weitere Zeit in Portugal.

