Gastfamilie Aufderstroth, Japan, 2008/09

Wir hatten einen Jungen aus Japan bei uns, der bei seiner Ankunft 17 Jahre alt war und vier Monate später 18 wurde. Unser Sohn ist zwei Jahre jünger. Der Altersunterschied war im Laufe der Zeit schon erkennbar, fiel aber praktisch kaum ins Gewicht.

Bei unserer ersten Begegnung am Bahnhof trafen wir auf einen sehr sympathischen Jungen und waren froh darüber. Wir begrüßten ihn auf Englisch und er gab zur Antwort, dass sein Englisch nicht gut sei. Es stellte sich heraus, dass er Recht hatte. Nach fünf Jahren Englischunterricht in der Schule fanden wir das Ergebnis mager und erklärten es uns mit der schlechten Qualität des japanischen Sprachunterrichts.

Die Kommunikation

Nach drei Wochen stellten wir Englisch ein und sprachen deutsch mit ihm. Nur unser Sohn gab ihm noch längere Zeit Worterklärungen auf Englisch. Und wenn wir Gäste hatten machten wir hin und wieder einen Stopp, um ihn mit ein paar englischen Erklärungen in die Situation zurückzuholen. Im Zweierkontakt und im kleinen Familienkreis wuchs das Sprachverständnis unseres Gastes schnell. Allein er sprach kaum und wenn suchte er mühsam nach den Wörtern. Beim Weihnachtsessen, also nach über drei Monaten, brachte er nicht einen kompletten deutschen Satz zustande. Wir sahen unsere Geduld schwinden und stellten uns vor, dass dies auch seinen Mitschülern und Sportfreunden so gehen könnte. Wir machten ihm klar, dass er mehr sprechen musste, sonst würde es schnell schwierig für ihn. Auch seine Mitschüler haben in diesem Sinne mit ihm gesprochen. Und er hat es angenommen. Er ist ehrgeizig und zäh. Gerade richtig kam für ihn das Betriebspraktikum. Er arbeitete in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen und kam im Kontakt mit ihnen zwangsläufig ans Sprechen. Seine Sprechaktivitäten nahmen in der Folge weiter zu, seine Fähigkeiten auch und schließlich konnte er sich auch zu differenzierten Sachverhalten äußern.

Die Sprechentwicklung unseres Gastes war das einzige Thema, worum wir uns wirklich Sorgen gemacht haben. In den ersten drei Monaten waren wir uns manchmal nicht sicher, ob es ihm gut geht. Es fehlten die sprachlichen Mittel, um darüber zu sprechen. Und sein nach drei Monaten zu erwartendes Stimmungstief (entsprechend der AFS-Spaßkurve) fiel mit unserem Frust über seine Sprechentwicklung zusammen.

Schnelle Integration ins deutsche Leben

Alles andere verlief ruhig und unproblematisch. Unser Gast fügte sich wie selbstverständlich in das deutsche Leben ein. Seine sympathische Art half ihm dabei sehr, in Kontakt zu kommen. Von kulturell bedingten Hemmnissen war kaum etwas zu spüren, sodass wir uns manchmal fragten, wo denn die großen Unterschiede zu Japan liegen. Er ging in dieselbe Schule wie unser Sohn und in denselben Jahrgang aber in eine andere Klasse. Das wollten wir so, um unseren Sohn nicht mit zusätzlicher Verantwortung zu belasten und unserem Gast mehr Eigenständigkeit zu verschaffen. Die Entscheidung hat sich bewährt. Unser Gast hatte über die Schule einen von unserem Sohn unabhängigen Freundeskreis und war dadurch in eigenständige Aktivitäten einbezogen.

Im Allgemeinen war unser Gast eher familiär orientiert, was uns in der Zeit, als das Sprechen Thema war, auch zusätzlich Sorge gemacht hat. Es war ihm ein Bedürfnis dabei zu sein bei familiären Aktivitäten, bei Festen, Geburtstagen und auch bei einem Trauerfall, der in die Zeit seines Aufenthaltes fiel. Er hat in Deutschland sein Klavierspiel wiederentdeckt und konnte den Klavierlehrer, der für unseren Sohn ins Haus kam, mit in Anspruch nehmen. Als Sport hatte er sich Hockey ausgesucht und nach zweimal Begleitung alleine und sehr beharrlich seine Trainings- und Spieltermine wahrgenommen. Eine Zeitlang ging er auch zum Klettern. Auf diese Weise wurde er Mitglied bei Arminia Bielefeld und im Deutschen Alpenverein. Das Geschwisterverhältnis war recht unkompliziert, was, wie man hört, bei Gastschüleraufenthalten auch nicht selbstverständlich ist. Beide hatten es raus, sich aufeinander zu beziehen und sich in Ruhe zu lassen, ohne dass es hierüber zu Streit kam. Und doch gab es ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das in der Art des Umgangs miteinander Ausdruck fand.

Großer Respekt vor seiner Leistung

Wir hatten am Ende großen Respekt vor der Leistung unseres Gastschülers. In Japan hatte er im Internat gelebt, da war jeder Tag durchstrukturiert. Und das Wochenende verbrachte er in der Familie. In Deutschland hatte er plötzlich eine Menge unstrukturierte Zeit und die Anforderung, selbständig damit umzugehen. Dieses Selbständigwerden war sein Thema, schon bei der Entscheidung für den Gastaufenthalt, und er hat es gemeistert, ist letztlich unbeirrt durch Höhen und Tiefen gegangen und hat dabei Freunde in Deutschland gefunden. Wir sind froh über alles, was wir voneinander hatten. Für eine Dreierfamilie ist ein weiteres Kind eine deutliche Veränderung. Dieser Aspekt hat uns gut getan, jedem von uns auf seine Weise. Aber ein Gast, der auch noch die Sprache erst lernen muss, war für uns auch Anforderung und Anspannung. Dafür haben wir jetzt reichlich Zeit für uns, denn zeitgleich mit unserem Japaner hat uns unser Sohn für einen Gastaufenthalt in den USA verlassen (was er ohne die Erfahrung mit seinem Gastbruder wohl nicht getan hätte).

Familie Aufderstroth, 2008/09

×

Hello!

Click one of our contacts below to chat on WhatsApp

×