Christoph Schult (Israel, 1988/89) hat viele Jahre im Ausland verbracht. Kein Wunder, dass er heute als Journalist für das Thema Außenpolitik zuständig ist. Wir haben mit ihm über seine Zeit in Israel gesprochen und erfahren, was ihm die Zusammenkunft mit Zeitzeugen und das Gedenken an den Holocaust bedeuten. Außerdem haben wir ihn gefragt, was er seinem Sohn für das anstehende Austauschjahr mitgeben wird.

Dein Austauschjahr mit AFS liegt nun 33 Jahre zurück. Hast du noch Kontakt zu jemandem aus deinem Jahr in Israel –  deiner Gastfamilie oder Freund*innen vielleicht?

Ich habe bis heute Kontakt zu meiner Gastfamilie. Unser Verhältnis ist über die Jahre noch enger geworden, nachdem mein Gastbruder 2004 bei einem Terroranschlag getötet wurde und ich ein paar Jahre mit der Familie in Israel gelebt habe. Auch mit anderen Freunden in Israel habe ich regelmäßig Kontakt.

Wie beurteilst du dein Austauschjahr heute, inwiefern hat dich diese Zeit geprägt? Welchen Einfluss hatte die AFS-Erfahrung auf deinen Lebensweg und deinen beruflichen Werdegang?

Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht an irgendein Erlebnis aus meinem AFS-Jahr denke. Abgesehen von meinem Gastland, das mir oft vertrauter ist als mein Geburtsland, hat mir AFS gezeigt: Wenn Du es schaffst, ein Schuljahr im Ausland zu verbringen, dann kannst Du (fast) alles schaffen. Der Wunsch, Journalist zu werden, reifte bei mir während meines Austauschjahres – und ohne AFS wäre ich nicht Korrespondent in Jerusalem geworden.

Christoph Schult gehört seit zwei Jahren dem AFS-Kuratorium an. Er wuchs in Lüneburg auf, verbrachte sein AFS-Jahr in Tel Aviv und leitete anschließend mehrere Jahre ein zweimonatiges Freiwilligenprogramm in Israel. Für AFS engagierte er sich lange ehrenamtlich, als Chefredakteur der HORIZONTE-Redaktion und später im AFS-Vorstand. Er studierte Geschichtswissenschaften und Politologie in Hamburg und London. Nach seiner Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule wurde er Journalist. Seit 2001 arbeitet er beim SPIEGEL, war fünf Jahre Korrespondent in Jerusalem und später in Brüssel. Heute lebt der 49-Jährige mit seiner Familie in Berlin.

 

Glaubst du, dass du ohne diese Auslandserfahrung heute dort stündest, wo du jetzt bist?

Ganz sicher wäre mein Leben ohne diese Erfahrung weniger interessant verlaufen.

AFS wird am 15. April 2021 der Befreiung des KZ Bergen-Belsen gedenken. Dieses Jahr jährt sich der Tag zum 76. Male. Damals waren 69 Sanitätswagen-Fahrer des American Field Service bei der Evakuierung beteiligt. Du warst selber zum 50. Jahrestag der Befreiung vor Ort dabei. Was bedeutet dir persönlich dieses Gedenken?

Das war in vielerlei Hinsicht für mich sehr bewegend. Geschichte berührt einen besonders, wenn man Zeitzeugen trifft. Der Mann meiner israelischen Klassenlehrerin, Dénes Kardosh, hatte Bergen-Belsen überlebt und mir erzählt, wie er kurz vor Kriegsende durch meine Heimatstadt Lüneburg ins KZ Theresienstadt transportiert wurde. Wenige Wochen später kamen die AFS-Fahrer nach Bergen-Belsen. Einen von ihnen, Norman Shethar, habe ich damals bei seinem Besuch in Deutschland begleiten dürfen. Dass Menschen wie Dénes und Norman bereit waren, uns als Nachfahren der Täter ihre Geschichte zu erzählen, empfinde ich als großes Geschenk.

Dein Sohn plant derzeit seinen AFS-Aufenthalt in Kanada. Was möchtest du ihm und anderen Jugendlichen mitgeben, die sich überlegen für einen Schüleraustausch ins Ausland zu gehen?

Taucht ein, hört zu, saugt alles auf, was ihr erleben könnt! Auch wenn es bedeutet, ein Schuljahr zu wiederholen – diese Erfahrung ist es doppelt und dreifach wert. Nutzt diese einmalige Chance – egal wo und egal wie schwierig die Sprache zunächst scheint. Das Leben ist lang genug, aber die Chance, als Jugendlicher ein Schuljahr im Ausland zu verbringen, kommt nie wieder!

AFS bedankt sich für das Interview. Die Fragen für AFS stellte Stefanie Lohrmann (03/2021).

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