Nane, Costa Rica, 2025, weltwärts

Land und Leute

Entdecke Costa Rica im Freiwilligendienst mit AFS.

Anfangs war alles neu. Alles schien besonders. Ein täglicher Weg des Unbekannten, Aufregenden und Neuen. Es hat eine Idealisierung des eigenen Umfelds stattgefunden. Ich habe von jeder Palme ein Foto geschossen. Die eigentlich sehr unbeliebten und düsteren Geier waren für mich auf einmal ganz tolle und spannende Vögel. Es gab einerseits eine absolute Begeisterung und Euphorie. Doch andererseits fühlte ich mich von vielen kulturellen Unterschieden überfordert und ich durchlebte den klassischen Kulturschock. Mein Fokus lag ganz bei meiner eigenen Kultur und meinen bisherigen Gewohnheiten.

Zum Beispiel musste ich mich sehr an die Essenskultur und Trinkkultur gewöhnen. In Deutschland habe ich kaum richtig gefrühstückt oder ich trank nur Wasser. Auf einmal wurde mir eine große Portion Gallo Pinto mit Ei, Brot, Avocado, Kochbanen, Würstchen und allem, was eben bei einem klassisch costa-ricanischen Frühstück dazu gehört serviert. Und obendrauf gab es noch einen zuckersüßen Eistee. Auch musste ich mich daran gewöhnen, viel Reis und Fleisch zu essen und eher wenig Variationen im Essen zu haben.

Genieße Gallo Pinto zum Frühstück in costa Rica.

Nicht nur das Essen war am Anfang gewöhnungsbedürftig, sondern auch die Infrastruktur, vor allem bezogen auf den Straßenverkehr. Denn Ticos fahren anscheinend sehr gerne Auto, auch bei den kürzesten Wegen. Neben dem Auto gibt es zum Fortbewegen eigentlich nur noch den Bus. Dadurch, dass der Verkehr nur auf der Straße stattfindet, ist diese immer sehr voll und man verbringt viel Zeit im stehenden Fahrzeug. Selbst kurze Wege können sehr lange dauern. Auch das Klima war am Anfang sehr neu für mich. Ich habe viel geschwitzt und das heiße Wetter war sehr anstrengend.

Nach diesen ersten Eindrücken und Empfindungen bekam ich jedoch mit der Zeit einen tieferen und differenzierteren Einblick in die Werte, die Normen und vor allem in die gesellschaftlichen Strategien und Gewohnheiten. Ich lernte, mich an neue Routinen zu gewöhnen und für sie Verständnis zu entwickeln. Ich liebte auf einmal meine täglichen Kochbanen, die Gallo Pinto Portion auf meinem Teller wurden immer größer und das Wassertrinken war auf einmal langweilig und gar nicht mehr erfrischend. Lieber eine schöne kalte Cola mit ganz vielen Eiswürfeln.

Ich lernte neue Hygiene- und Styling-Routinen, um mich bei dem heißen Wetter trotzdem frisch zu fühlen. Ich kaufte neue luftige Klamotten und passte mich an meine Umgebung an. Die Zeit, die man im Bus oder im Auto warten musste, wurde lebensfroh und mit viel Zusammenhalt und vor allem Musik genutzt. Das Leben hörte nicht auf, nur weil man warten musste. Der Bus und das Auto waren voller Leben. Warten kann Spaß machen.

Auch, wenn ich am Ende nicht alles positiv einschätzen würde, zum Beispiel die wenigen Abwechslungen bei der Ernährung und der hohe Fleischkonsum. Oder das lange Warten, wenn man müde und verschwitzt im Bus sitzt und eigentlich nur nach Hause und unter die kalte Dusche will. Ich fing an, den Alltag mit anderen Augen zu sehen und eine realistische Einschätzung von Vor- und Nachteilen zu kreieren. Ich entwickelte eine globalere Perspektive und ein tieferes Verständnis von Costa Rica, seiner Geschichte und seiner Rolle auf dem amerikanischen Kontinent.

Für meinen ersten Eindruck ist auch relevant die Reaktionen auf mich als fremde Person aus einem anderen Land auszuführen. Es gab viele sehr emotionale Reaktionen zu mir, meinem Wohlstand und vor allem meiner Optik. Ich war davon anfangs sehr schockiert und verwirrt und rechnete nicht mit so einer Reaktion von außen. Meine blauen Augen, meine Adidas-Schuhe, mein Schmuck oder mein i-Phone Mini wurden an keinem Tag unkommentiert gelassen. Dies regte mich zum Nachdenken an und ich entwickelte ein komplexeres Verständnis über strukturelle Ursachen wie zum Beispiel das Verhältnis von Lohn und Lebenserhaltungskosten in Costa Rica. Ich fing an über die globalen Zusammenhänge in unserer Welt zu reflektieren und meine eigene Rolle als Freiwillige zu hinterfragen. Ich wurde auf verschiedenen Ebenen sensibilisiert für mein eigenes Privileg und wie ich damit nach außen gehe.

Unterstütze an einer Schule in costa Rica in deinem Freiwilligendienst.

Mit am meisten hat sich mein Eindruck zum Thema Bildungssystem und meinem Projekt entwickelt. Anfangs war ich von meinem Projekt und der entspannten Haltung in der Arbeitsweise dort sehr überrascht aber eher negativ anstatt positiv. Ich war an einer costa-ricanischen Grundschule als unterstützende Englisch Lehrkraft stationiert.

Das System, den Kindern den Stoff mit einer scheinbar chaotischen und fast schon undisziplinierten Weise beizubringen war ich nicht gewohnt. Dies frustrierte mich
anfangs, weil ich mit einer anderen Vorstellung hineingegangen war. Ich fing an, sehr genau zu beobachten, wie unterschiedliche Lehrkräfte den Unterricht gestalteten und stellte ziemlich schnell fest, dass es wie an jeder deutschen Schule auch, schlechtere und bessere Lehrkräfte gibt und nicht alles, was schlecht läuft, auf das allgemeine costa-ricanische Bildungssystem zurückzuführen ist.

Auch, wenn die deutsche Bildung deutlich strenger und leistungsorientierter ausgerichtet ist als in Costa Rica, ist sie nicht besser oder vorteilhafter. Ich stellte nach mehreren Monaten fest, welch eine gute Bildung in Costa Rica zur Verfügung steht im Vergleich zu vielen anderen Ländern. Meine anfängliche Frustration, Abwertung und Unsicherheit entwickelten sich hin zu einer Anpassung an die Strukturen vor Ort und einer Wertschätzung anderer Lösungsansätze.

Schule findet auch draußen statt in Costa Rica.

Ich wurde flexibler in meinem eigenen Sein und begann selbstständig meine eigene Aufgabe als Englischlehrerin auszuweiten und ging mit den Kindern in einen direkten Dialog, sodass ich am Ende vor allem dazu da war, den Kindern neue Perspektiven und eine neue Kultur näherzubringen. Und das Allerwichtigste daran ist, dass ein Dialog niemals einseitig funktioniert und man in einem guten Austausch voneinander lernt. Ich kommunizierte mit den Kindern auf Augenhöhe und lernte unglaublich viel von ihnen. Sie ermöglichten mir schnell gutes Spanisch zu lernen und hörten mir mit meinen etlichen Fragen mit unglaublich viel Geduld und wahrem Interesse zu. Durch eine Entspannung meinerseits und das Loslösen von meinen für gut befundenen Vorstellungen von Bildung lernte ich und die Kinder um mich herum mehr als je zuvor.

Integration

Ich erinnere mich gut. Als ich ankam, stand ich vor einer meiner größten Hürden während meiner Costa Rica-Zeit: Zu wissen, welchen Menschen ich vertrauen kann und welchen Menschen nicht. Ich hatte anfangs viele unangenehme Erfahrungen mit Sexismus durch Männer. Dies hat mich sehr verunsichert und eingeschüchtert. Vor allem, weil ich die Sprache nicht beherrschte und gewisse wichtige Nuancen und Untertöne nicht einschätzen konnte. Es führte zu einer sehr großen Skepsis und dazu, dass ich erst ein Grundvertrauen aufbauen musste. Meine Einstellung zu den Menschen und ihrer Mentalität entwickelte sich stetig weiter.

Zudem hatte ich oft eine Sehnsucht nach Gleichaltrigen und – wie ich das aus Deutschland kannte – das Bedürfnis nach einer solchen Freundesgruppe. Ich merkte jedoch schnell, wie die Ticos eigentlich auf mich reagierten und, wie herzlich und offen ich empfangen wurde. Ich stellte fest, dass ich gar keine klassische Freundesgruppe mit Leuten in meinem Alter brauchte, um mich wohlzufühlen. Ich lernte Menschen kennen, die auf mich aufpassten, mich in ihr Herz schlossen und mir halfen, meine Außenwelt zu verstehen, Diese Menschen gehörten allen Altersgruppen an, jedoch meistens waren sie entweder viel älter oder viel jünger als ich selbst. Dies hing in erster Linie mit meinem Einsatzort zusammen. Ich lebte in einer sehr ländlichen Gegend im Süden Costa Ricas mit vorwiegend kleinen Städten und Ortschaften, wo junge Leute häufig wegziehen, um in der Hauptstadt zu studieren.

Ich entwickelte einen differenzierten Blick von Individuen und erkannte, warum man nicht pauschal sagen kann: „ Die Menschen in Costa Rica sind alle so oder so…“. Ich verstand den Kommunikationsstil, was wichtig ist in den zwischenmenschlichen Beziehungen und wurde meiner Position als Freiwillige und Andersartige bewusst. Langsam entstand eine neue Familie für mich. Ich lernte immer mehr Vertrauenspersonen kennen, die alle jeweils eine andere Rolle für mich einnahmen. Plötzlich hatte ich immer mehr Onkel, Tanten, Nichten, Cousinen, Cousins und Freunde. Ich fand eine Mama, zwei Brüder und eine Schwester. Ich wurde selbst Tante, Cousine, Freundin, Nichte, Tochter, Schwester und letztendlich ein Teil einer Gruppe, die alle einmal fremd und unbekannt waren und mit denen ich jetzt zusammen lachte und weinte.

Außerdem verstand ich, dass ich nicht allen ein nettes Lächeln zu schenken habe und ich lernte, einzuschätzen, wer echtes Interesse hat und wer sein Interesse nur an meinem Äußeren festsetzt. Immer mehr stellte ich auch Gemeinsamkeiten in mir und den Menschen in Costa Rica fest. Ich fand Meschen mit gleichen Interessen, gleichen Denkansätzen und Perspektiven auf das Leben. Außerdem entstanden durch Videospiele, Trends oder Filme und Serien Verbindungen zwischen meinen beiden Welten in Deutschland und in Costa Rica.

Perspektivwechsel und Selbstbild

Entwickle dich weiter bei einem Freiwilligendienst mit AFS in Costa Rica.

In den ersten Wochen und Monaten in Costa Rica fühlte ich eine starke Identifikation mit meiner eigenen deutschen Herkunft. Ich merkte, wie ich stetig am Vergleichen und Nachdenken war über unterschiedliche Aspekte.

Das Gefühl des Fremdseins begleitete mich tagtäglich und abends lag ich mit leerer Batterie und ohne Anhaltspunkte in meinem Bett und wusste am nächsten Tag würde es wieder genauso sein. Doch mit der Zeit fing ich an, meine eigenen Werte zu hinterfragen und zu erkennen, dass ich einige Werte und gesellschaftliche Strukturen in Costa Rica viel schöner finde als in meiner eigenen Heimat. Dies führte zu einer inneren, kleinen Selbstkrise und Neugestaltung des Selbstbildes und der Identität.
Ich spürte eine aktive Stärkung in meiner Selbstständigkeit, meinem Selbstbewusstsein und meiner Resilienz. Ein neuer Blick auf mich, meine Stärken, meine Schwächen, meine Ressourcen begann. Ich bekam Jobvorschläge, die ich nie in Erwägung gezogen hätte. Plötzlich waren Fähigkeiten, die ich als normal ansah, besonders. Ich solle doch eine Bäckerei eröffnen, weil meine Zimtschnecken und Kuchen so lecker seien.

Ich lernte neue Seiten von mir Selbst kennen, bildete eine neue Identität, sprach vor Freunden und Familie von der „costa-ricanischen Nane“ und der „deutschen Nane“. Manchmal hatte ich fast das Gefühl meine eigene Heimat und Herkunft zu vergessen und mich immer mehr, wie eine Tica zu fühlen. Nun spielte ein Stück von beiden Welten in mir und mein Herz schlug plötzlich für zwei Orte auf dieser Welt. Costa Rica begann ein Teil von mir und meiner Persönlichkeit zu werden und dies wird es für immer bleiben.

Arbeitsplatz

Weg zum Projekt im Freiwilligendienst in Costa Rica mit AFS.

Ich arbeitete an der Grundschule Santa Marta in der Nachbarschaft „Barrio el Carmen“ ganz im Süden von Costa Rica an der Grenze zu Panama. Ich hatte zwei Auswahlmöglichkeiten für die Arbeitszeiten. Entweder vormittags von 7-12 Uhr oder nachmittags von 12-17 Uhr. Diese Regelung führte meine Chefin erst nach einer Weile ein. Anfangs arbeitete ich täglich vormittags. Dadurch, dass ich an einer Schule arbeitete, hatte ich jedes Wochenende frei. Ich hatte das Glück, dass meine Gastmutter meine Chefin war und so konnte ich immer entweder den Hin- oder den Rückweg mit ihr im Auto fahren. Den anderen Weg machte ich mit dem Bus und dies kostete mich sehr viel Zeit. Ich war meistens für einen Weg etwa eineinhalb bis zwei Stunden unterwegs.

Meine Aufgaben waren, als unterstützende Englischlehrerin da zu sein. Allerdings hat sich dies auch sehr verändert je länger ich im Projekt war. Anfangs war ich nur im Englischunterricht dabei und habe Tafelaufschriebe gemacht, die Kinder individuell unterstützt, bin durch die Reihen gelaufen und habe geschaut, ob alles klappt und habe offene Fragen geklärt. Mit der Zeit war ich auch in anderen Fächern wie Mathematik, Spanisch, Science oder Sport dabei und war eine helfende Hand für die jeweilige Lehrkraft.

Unterstütze im Englischunterricht in Costa Rica.

Eine meiner Hauptaufgaben war überdies, für die Kinder eine Ansprechperson zu sein. Ich war sehr viel mit den Kindern im Austausch und stand bei allen möglichen Themen zur Verfügung. Hauptsächlich auch, was den Kulturaustausch anging. Bei schulischen Events habe ich gerne beim Schmücken und Vorbereiten geholfen. Durch die Tatsache, dass ich die erste Freiwillige in diesem Projekt war, hatte ich sehr viel Freiheit in der Gestaltung meiner Aufgaben und die Erwartungen waren sehr offen gestaltet.

Meine Einführung und Anleitung bestanden darin, dass mich die Direktorin der Schule bei allen vorstellte und fortan mir zu jeder Zeit als direkte Ansprechpartnerin zur Verfügung stand. Der Rest ergab sich mit der Zeit und mit meiner eigenen Initiative von selbst.

Anfangs fühlte ich mich während der Arbeitszeit ziemlich unterfordert und hätte mich über mehr konkrete Aufgaben gefreut. Dies hat sich allerdings mit der Zeit und nachdem ich das Kollegium und die Kinder im Projekt kennengelernt hatte, schnell geändert und gebessert. Am Ende hatte ich zwar immer noch Momente, in denen ich nicht unbedingt gebraucht wurde, aber ich war immer beschäftigt, auch wenn es „nur“ ein schönes Gespräch mit einem Kind war. Ich war also keinerlei ausgelastet aber zum Ende hin auch absolut nicht mehr unterfordert. Außerdem stand ich mit meiner Gastmutter und gleichzeitig Chefin immer in einem sehr guten Austausch über meine Arbeit im Projekt. Das hat mir sehr geholfen.

Gastfamilie/ Unterkunft

In den ersten zwei Wochen kam ich bei einer temporären Gastfamilie unter, bis eine andere Familie für mich gefunden würde. In der ersten Gastfamilie fühlte ich mich aufgrund meiner sehr mangelnden Sprachkenntnisse und meines Fremdheitsgefühls sehr unwohl und hatte eher einen schwierigen Start. Danach wurde meine dauerhafte Gastfamilie gefunden. Ich wurde im Haus der Schulleiterin meiner Schule, also meiner Chefin, aufgenommen. Dies beruhigte mich sehr, da ich wusste, dass sie mich herzlich aufnehmen würde. Ich blieb dort bis zum Ende des Freiwilligendienstes.

Finde dein zweites Zuhause im Freiwilligendienst mit AFS in Costa Rica.

Ab dem Moment, als ich bei ihr im Auto saß und die Straße bis nach Rio Claro, meinem neuen Zuhause, entlangfuhr, fühlte ich mich einfach wohl. Von einem auf den anderen Moment verlor ich das Fremdheitsgefühl. So fiel mir das Einleben sehr leicht. Ich hatte von Anfang an ein sehr positives und angenehmes Bauchgefühl.

Ich lebte in einer sehr schönen und sicheren Nachbarschaft, in der der Großteil Mitglieder der Verwandtschaft waren. Dies brachte mir Sicherheit und ein sofortiges Wohlfühlen. Ich war meine ganze Zeit über von unzähligen Kindern umgeben, mit denen ich täglich auf den Straßen der Nachbarschaft spielte und für sie da war.

Meine Gastmutter passte auf mich auf, als wäre ich ihr eigenes Kind. Ich führte sehr viele ausführliche Gespräche mit ihr und so lernten wir uns immer besser kennen. Wir erzählten von unseren bisherigen Leben und was uns ausmacht. Schnell baute ich mit ihr eine tiefe und besondere Bindung auf, die mir sehr viel Kraft, Freiheit aber auch Sicherheit brachte. Sie fühlte sich an, wie eine Mama. Meine „Mama Tica“. Und das aller wichtigste war, dass ich mich gesehen und gehört fühlte.

Die Einsamkeit und das Fremdheitsgefühl hatten sehr schnell ein Ende. Und auch das Gefühl, sich anpassen und zurückhalten zu müssen verschwand schnell. Im Haushalt lebte auch mein 14-jähriger Gastbruder. Uns beiden gelang auch eine sehr schöne und besondere Beziehung.

Meine Gastschwester wohnte in San José und ich habe sie auch regelmäßig besucht, was toll war, weil sie auch in meinem Alter ist und ich so immer wieder Kontakt zu Gleichaltrigen hatte, obwohl das in meinem Alltag eher weniger der Fall war. Meine Gastschwester hatte auch sehr ähnliche Interessen wie ich, was uns sehr verband. Insgesamt ist meine Gastfamilie sehr groß und ich hatte immer jemanden, der für mich da war und habe sehr viele tolle Gespräche geführt.

Nachbarschaft in Costa Rica - genieße deinen Freiwilligendienst.

Ich ging in meiner Nachbarschaft von Haus zu Haus und wurde überall aufgenommen, als wäre ich schon immer Teil der Familie gewesen. Am allermeisten bin ich dankbar für die immer offene und ehrliche Kommunikation zwischen mir und meiner Gastfamilie, denn selbst, wenn es einmal Missverständnisse oder Konflikte gab, konnte man diese schnell wieder beiseite räumen, indem man zusammen darüber sprach. Von einer anfänglichen Unsicherheit und Zurückhaltung war am Ende fast gar nichts mehr geblieben und es bestand eine wunderschöne und wertschätzende Bindung. Ich lernte, was meine Aufgaben sind und wie ich Teil der Familiendynamik werden kann. Ich wurde zu einer Tante von einer wunderbaren 4-jährigen Nichte, die wirklich immer da und mich ab Tag eins angenommen und in die Arme genommen hat, als wäre ich schon immer da gewesen.

Die Werte meiner Gastmutter waren fast identisch zu meinen. So gab es sehr wenige Reibungspunkte und ich hatte immer die Möglichkeit ein respektvolles und menschliches Gespräch mit ihr zu führen. Zum Ende hin habe ich immer mehr über die Emotionalität und die Gefühle, die dahinterstecken, gelernt. Sowohl von meiner Seite als auch seitens meiner Gastfamilie und der ganzen Nachbarschaft.

Ich bin unfassbar dankbar, so tolle Menschen zu haben und vor allem eine Gastmutter gehabt zu haben, die mir so ans Herz gewachsen ist und mir so viel mitgegeben hat. Ich schätze das sehr und weiß, wie viel uns beiden an dem jeweils anderen liegt.

Ich habe ein zweites Zuhause gefunden, zu dem ich immer wieder zurückgehen kann.

Dementsprechend kann man verstehen, dass der Abschied mir sehr schwerfiel, und mit ganz viel Kraft und Tränen verbunden war. Ich musste mich mehrere Wochen lang gedanklich darauf vorbereiten und sprach vorab mit unterschiedlichsten Menschen in Costa Rica und in Deutschland darüber. Ich habe ein neues Zuhause mit einer weiteren Familie gefunden, die immer für mich da sein wird, nur einfach sehr weit von mir entfernt.

Betreuung

Die Betreuung im Gastland fand bei mir dadurch statt, dass ich eine Kontaktperson hatte, auf die ich bei Fragen pro aktiv zugehen konnte. Das heißt, sobald ich Probleme oder Fragen hatte, meldete ich mich bei ihr, aber weiter nichts. Es gab keine klassischen Chapter Treffen und auch kein regelmäßiges Treffen vor Ort. Dies war der besonderen Situation geschuldet, dass ich in meiner Gegend die einzige Freiwillige unserer Ausreise war, und somit waren solche Treffen eher schwierig und die Betreuung lief individueller und ungezwungener. Ich habe bei allen drei verpflichtenden Seminaren während meines Freiwilligendienstes teilgenommen. Das On Arrival Camp. Dann das Mid Stay Camp und abschließend das End Stay Camp.

Gut betreut im Freiwilligendienst durch AFS vor Ort.

Ich hatte an AFS Deutschland die Erwartung da zu sein, wenn es Dinge gibt, die schwer sind aus dem Gastland zu lösen und, dass sie uns gut vorbereiten auf die Zeit, die uns in Costa Rica bevorsteht. Meine Erwartungen haben sich erfüllt und die Seminare in Deutschland vor und nach der Ausreise haben mich sehr gut auf meine Zeit in und nach Costa Rica vorbereitet. Sie halfen mir, über wichtige Themen zu reflektieren. Sie haben mich gedanklich sehr gut unterstützt. Es gab keine offenen Konflikte, da für mich meine Kontaktperson keine zentrale Rolle spielte und ich eine tolle Gastfamilie hatte, die mich unterstützte, wenn ich Fragen hatte. Allerdings wäre diese Form von Kontaktperson schwierig gewesen, wenn ich oder meine Gastfamilie Probleme und Konflikte gehabt hätten.

Sprache und Kommunikation

Ich unterhielt mich grundsätzlich mit allen nur auf Spanisch, weil ich keine Umgebung hatte, bei der eine andere Sprache eine Option gewesen wäre. Dies kam mir zum Vorteil, da ich gezwungen war, Spanisch zu lernen und mich grundsätzlich nur in Spanisch zu verständigen. Anfangs hatte ich bis auf ein paar kleiner Basics keinerlei Spanischkenntnisse und war sehr abhängig von meinem Übersetzer. Ich führte in meinem Alltag auf meinem Handy in der Notizen App eine Vokabelliste mit Wörtern, die im täglichen Sprachgebrauch verwendet werden. So sammelte ich mir täglich neues Vokabular. Ich hörte ganz genau bei Gesprächen zu selbst, wenn ich nichts verstand, versuchte ich neue Wörter aufzuschnappen und die Sprache so anzuwenden. Ich versuchte auch immer ohne Scham dem Thema gegenüberzutreten und sprach viel und stellte noch mehr Fragen.

Anfangs entstanden Missverständnisse. Ich fühlte mich fremd, weil ich die Menschen um mich herum nicht verstand und auch selbst keine Sprache hatte, um mich auszudrücken. So oft saß ich im Auto und wusste gar nicht, wo wir hinfuhren. Ich war einfach dabei. Die nonverbale Kommunikation gewann an Bedeutung. Jede Mimik oder Gestik half, um sich zu verständigen.

Dein häusliches Umfeld in Costa Rica.

Aber vor allem spielte bei dem Prozess des Sprachelernens die Geduld eine zentrale Rolle. Mein Umfeld hat sich sehr viel Zeit genommen und mit viel Verständnis auf meine sehr mangelnden Sprachkenntnisse reagiert. Natürlich wurde man auch mal ausgelacht, vor allem von den Kindern aus der Nachbarschaft aber am Ende muss man auch das mit Humor nehmen und sich nicht einschüchtern lassen. Scham und Unsicherheit waren mir nie gute Berater. Was mir allerdings auffiel, war, dass einige Menschen mit einer gewissen Überforderung mir gegenübergetreten sind und am Ende nicht mit mir gesprochen haben, weil sie dachten ich verstehe sie nicht. Dies hemmte am Anfang vor allem die Gespräche in meinem Projekt mit meinen Kollegen. Aber sobald die meisten realisierten, dass ich mir die größte Mühe gab und immer mehr an Sprache gewann, wurden sie offener und gingen auf mich ein. Nach ungefähr drei Monaten verstand ich Menschen im Bus, die hinter mir saßen. Ich hatte auf einmal sehr viele Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen über die unterschiedlichsten Themen. Nach mehreren Monaten konnte ich dann sogar auf Spanisch telefonieren und merkte, dass ich Ironie, Humor und Redewendungen immer besser verstand.

Ich entwickelte eine sehr gute Sprachkompetenz und wurde mit jedem Tag besser. Fremde Menschen fingen an auf mich zu reagieren und dies meist mit Verwunderung und am Ende fast Bewunderung. Viele fragten sich, wo ich so gut Spanisch gelernt hätte und ich bekam oft gesagt, ich hörte mich an wie eine Tica.

Auch ich trat dem Thema mit einer Verwunderung aber auch Bewunderung gegenüber. Ich fragte mich immer wieder, woher ich das gelernt habe und wie mein Gehirn das gemacht hat. Ich merkte, wie ich das Spanisch sprechen liebte und wie ich anfing, auch im Deutschen spanische Begriffe einzubauen und dies mit großer Freude und der festen Überzeugung, dass der spanische Begriff viel schöner sei als der Deutsche. Ich fing an zu vergessen, wie manche Dinge auf Deutsch heißen. Ich erkannte, wie die Sprache das Denken widerspiegelt und konnte alles in meiner Umgebung noch viel mehr verstehen. Beziehungen wurden tiefer, ich entwickelte ein differenzierteres Verständnis gesellschaftlicher Themen und baute viele Vorurteile durch tiefere Gespräche ab. Es entstand das Erleben des Landes „von innen“, nicht mehr nur „von außen“. Ich träumte am Ende sogar auf Spanisch und entwickelte eine eigene neue Identität als spanischsprechende Nane. Eben „casi Tica“.

Globales Lernen und Entwicklungspolitik

Globales Lernen bedeutet für mich Zusammenhänge zwischen meinem eigenen Leben und einem Leben weltweit zu sehen. Verknüpfungen zwischen Welten zu ziehen. Es bedeutet die Komplexität der Weltgesellschaft zu verstehen und sich selbst darin einordnen zu können. Sich selbst über sein eigenes Sein bewusst werden und auch Verantwortung für das eigene Handeln und Verhalten zu tragen. Das Verständnis auf der Welt als Weltbürger zu leben. Damit einher geht Diversität, das heißt, die Offenheit gegenüber anderen Perspektiven und kultureller Vielfalt. Das heißt auch Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zu schaffen und selbst Diversität zu leben. Es ist auch mit viel Menschlichkeit, Solidarität und Empathie verbunden.

Am Straßenrand auf dem Weg in dein Projekt.

Über die Entwicklungszusammenarbeit habe ich gelernt, dass es ein unglaublich komplexes System ist und das allerwichtigste dabei ist es, die Menschen vor Ort nicht zu entmenschlichen und ihnen immer auf Augenhöhe zu begegnen. Ich durfte so viel lernen und dies ging nur, weil wir uns gegenseitig einfach als Menschen gesehen haben und eine Kommunikation auf dem gleichen Level geführt haben.

Ich ging nicht nach Costa Rica, um zu „helfen“ und die Leute vor Ort zu belehren. Dies sollte mit einer großen Offenheit und vor allem Freude am Neuen passieren. Es sollte bei der Entwicklungszusammenarbeit nicht um eine gesetzte Hierarchie gehen, sondern um das Miteinander-kommunizieren und darum, in einen Dialog zu treten und sich gegenseitig zuzuhören mit echtem Interesse an seinem Gegenüber. Nur so kann man voneinander lernen und sich auf die neuen Perspektiven, Strukturen und Kulturen einlassen.

Außerdem habe ich gelernt: Entwicklungszusammenarbeit ist nicht die Lösung, um strukturelle Ungleichheiten aufheben zu können. Ich möchte meine gesammelten Erfahrungen in Gesprächen mit meiner Familie, meinen Freunden und in meinem weiteren Umfeld teilen.

In Deutschland möchte ich langfristig in einen Beruf gehen, indem ich Menschen berühren und Seminare oder Workshops durchführen kann. Ich möchte andere Menschen durch meine eigene geweitete Sicht und meine eigenen Erfahrungen zum Nachdenken anregen und sie inspirieren, nicht nur durch meine Worte und Geschichten, sondern auch durch meine Lebensweise und meine Einstellung zum Leben und der Welt. Dafür werde ich immer darauf achten selbst bewusst und reflektiert zu sein und mir meiner Selbst mit Vernunft und Ehrlichkeit gegenüberzutreten.

Entdecke vielfalt in Costa Rica mit AFS.

Ich möchte ein Stück Costa Rica nach Deutschland bringen und die Herzen der Menschen erreichen. Ich möchte merken, wie die Menschen anfangen zu verstehen, was das bedeutet, ein Zuhause 9000 km entfernt von seiner eigenen Heimat zu haben. Ich will die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, in Form von Emotionen weitergeben. Mein Umfeld soll meine Emotionen fühlen und sehen, wie mein Herz spricht, wenn ich über Costa Rica spreche.

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