Alina, Chile, 2023, AFS-Stipendienfonds

Nun bin ich schon seit einem Monat wieder zurück in Deutschland. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich mir niemals vorgestellt hätte, Chile als mein zweites Zuhause zu bezeichnen. Doch ganz genau so ist es gekommen! Dabei sind Chile und Deutschland ganz unterschiedlich: Noch nie habe ich mich bei bis vor kurzem wildfremden Menschen, in einem wildfremden Land mit einer wildfremden Kultur so sehr Zuhause gefühlt, ohne die Sprache zu beherrschen, die Menschen zu kennen oder ansatzweise irgendetwas zu vestehen, sei es die Sprache oder Kultur – trotzdem wusste ich: Diese Menschen sind meine Familie. Und das einfach bloß bei einem gemütlichen Grillabend „Zuhause“. Ohne mich je zuvor gesehen zu haben oder meine Sprache und Bräuche zu verstehen hat mich meine Gastfamilie mich ins Herz geschlossen. Das macht Chile für mich aus: Die Menschen.

Kulturelle Unterschiede
Natürlich hatte ich auch Schwierigkeiten, denn die Menschen in Chile sind zwar auf den ersten Blick gastfreundlich, können aber bei tieferen Beziehungen sehr reserviert sein. Ich hatte kein Problem, in meiner chilenischen Klasse aufgenommen zu werden, zu Feiern eingeladen wurde ich aber trotzdem nicht. Dafür, sagte man mir, kenne man mich nicht gut genug. Gesprochen wurde über solche Dinge aber nie, so etwas kam stets von mir aus. In Deutschland spricht man alles offen an, aber in Chile wird es unter den Teppich gekehrt, in der Hoffnung, dass sich das Problem schon irgendwie von alleine löst.
Aber nicht alles Soziale ist in diesem Land schwierig; meine Lehrer waren zum Beispiel wie Freunde, einige meiner Mitschüler gingen sogar mit meiner Klassenlehrerin gemeinsam ins Kino. So etwas wäre in Deutschland nie auszumalen! Das hat mich erstaunt. Warum denn auch anders? Wir Deutschen sind oft nur auf uns selbst fokussiert, wir rempeln einander mit den Ellbogen an, um selbst durchzukommen, dabei wäre es doch viel schöner, mit anderen gemeinsam Spaß zu haben.
Rückblick: Alles perfekt?

Chile zu bereisen und dort auf einem vollkommen weißen Blatt Papier anzufangen, war offen und ehrlich gesagt das allerbeste, was ich hätte tun können. Ich kann Euch nicht einmal über „das Ereignis“ berichten, weil es einfach so viele gab. Es geht mir nicht um „die Sache“. Es geht mir nicht um „den einen Tag“. Es geht mir um die Morgen, an denen ich mich noch im Halbschlaf zur Schule schleppte und die Menschen sah, die ich so sehr ins Herz geschlossen habe. Es geht mir um die Tasse Tee, die ich abends mit meiner Gastfamilie genoss, während wir uns gemeinsam alte Fotos ansahen und Geschichten erzählten. Es geht mir um die schönen Sommernachmittage, als ich mit meinen Freunden loszog um eine Kugel Eis zu kaufen. All diese alltäglichen Dinge machen für mich mein Auslandsjahr aus, und beinahe kommen mir vor Sehnsucht die Tränen – wer weiß, ob und wann ich all diese Menschen wiedersehe? Was ist, wenn das hier eine einmalige Sache war und wir nun wieder getrennte Wege gehen müssen?
Sicher war nicht alles perfekt, dort am anderen Ende der Welt. Die Kommunikation bereitete mir oft Schwierigkeiten; ständig hatte ich das Gefühl, mich von der besten Seite zeigen zu müssen, da man von mir als Austauschschülerin Großes erwartete, auch, wenn es mich sehr müde machte. Ich war oft überfordert von der Fremde, die ich manchmal in meiner Gastfamilie spürte: „Ich gehöre doch irgendwie nur zur Hälfte dazu. Ich bin nicht so frei wie ich es in Deutschland war“, dachte ich, „Ich kann nicht wirklich ich selbst sein, weil das den Erwartungen der Menschen um mich herum nicht gerecht würde“.
Wenn man etwas einmal nicht mehr hat, dann behält man nur die schönsten Dinge in Erinnerung; aber ich kann mich genauso gut noch daran erinnern, wie ich mir selbst sagte: In Chile möchte ich nicht leben. Mir machte es sehr zu schaffen, wegen der hohen Delinquenz in Santiago nie allein rausgehen zu können, nie ohne Sorgen in einem Park zu sitzen, ständig das Handy verstecken zu müssen und meine Kamera im Schrank einstauben zu lassen. All diese Dinge sind leider auch Chile.
Deswegen sage ich: Ich liebe Chiles Menschen, aber ich liebe Deutschlands Sicherheit. Ich liebe Deutschlands Aussehen, mit seiner Architektur und seiner Natur, aber ich liebe Chiles Küche und seine Mentalität. Natürlich sind Chilenen auch nicht perfekt (Stichwort Kommunikation) und nicht jede Ecke hier in Deutschland ist wunderschön (erst recht nicht bei grauem Himmel und Dauerregen), aber ich denke, Ihr versteht, was ich damit sagen wollte. Man muss natürlich auch bedenken, dass ich bei einer Familie in der chilenischen Hauptstadt Santiago gewohnt habe, in der es von Bäumen und Natur nur wenig zu sehen gibt; wahrscheinlich war das Erlebnis anderer Austauschschüler in anderen Regionen ein ganz anderes. 
Zuhause?
Und nun? Was mache ich denn jetzt, wo ich wieder Zuhause bin? „Zuhause“… Das ist für mich statt meiner Adresse nun ein riesiges Fragezeichen über meinem Kopf geworden. Möchte ich Deutschland überhaupt noch mein Heimatland nennen? Die Antwort lautet Ja und Nein: Ich habe gemerkt, dass ich Deutschland aus der Ferne viel mehr schätze als wenn ich tatsächlich dort bin.
An meinem ersten Schultag hier erlitt ich einen „Reverse-Culture Shock“. Es erschrak mich, wie kalt Deutsche sein können. Ich fühlte mich, als hätte nur ich mich verändert, während die Zeit hier in Deutschland für alle anderen stehengeblieben war. Nichts hatte sich verändert! Natürlich habe ich meine Freunde und Familie unglaublich vermisst, aber ich habe sie durch die Entfernung viel mehr zu schätzen gelernt. Ich habe gemerkt:
Ich bin Deutsche, aber Deutschland allein ist nicht mein Zuhause. Ich bin eine Weltbürgerin.

Mein Zuhause ist kein Land; es sind die Menschen, denen ich begegne, die Gerüche, die ich wahrnehme, und das Essen, das ich genieße. Und ich weiß, dass mein Auslandsjahr in Chile nicht die ganze Geschichte gewesen ist, sondern lediglich das erste Kapitel. Ich finde, wir sollten alle das Privileg ausnutzen, auf so einem vielfältigen Planeten mit so vielen Kulturen, Orten und Menschen zu leben.
Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass das Leben unfassbar schnell an einem vorbeilaufen kann, wenn man nicht aufpasst. Man sollte das, was man hat, schätzen, aber auch nie aufhören, nach den Sternen zu greifen. Man sollte dankbar sein für alles, was man hat, und trotzdem immer offen dafür sein, neues zu entdecken.
Mein Auslandsjahr in Chile ist zu einer Geschichte geworden, die ich später meinen Kindern erzählen will, so, wie meine Mutter mir von ihrem erzählt hat. Ich möchte die eine sein, die den Unterschied macht. Wenn die Menschen engstirnig sind, möchte ich offen sein. Wenn sie unfreundlich sind, möchte ich ihnen zulächeln. Wenn niemand ein Problem anspricht, dann möchte ich es tun. In Chile habe ich nämlich nicht nur über das Land selbst und seine Kultur gelernt, sondern auch über mich selbst. Und ich finde, das ist eine unfassbar wertvolle Stärke, die Austauschschüler besitzen.
Ohne AFS wäre es mir nie möglich gewesen, diese tolle und wertvolle Erfahrung zu machen – deswegen ein riesiges Dankeschön auch nocheinmal an meinen Stipendiengeber AFS Deutschland. Vielen Dank, dass Ihr mir so ein unvergessliches Erlebnis möglich gemacht habt.

