Lea, Kanada, 2025, Community Service Program, Halbjahresprogramm
Land und Leute

Mein erster Eindruck von Vancouver war, das alles sehr viel größer ist als in Deutschland. Ich erinnere mich noch an den Weg vom Flughafen zu meinem künftigen Homestay. Ich war mit einer weiteren Deutschen und einer Schweizerin in einem Transferauto und als wir über den Highway gefahren sind, konnte ich nicht anders als die riesigen Autos um mich herum zu bestaunen. Aber schnell wurde klar, dass das nicht die einzigen Unterschiede zu Deutschland sein sollten.
Der wahrscheinlich größte Unterschied ist wohl das „How are you?“, man hört es überall – ob beim Einkaufen an der Kasse oder einfach nur zur Begrüßung – es gehört zum Alltag dazu. Anfangs war es noch sehr ungewohnt und es fühlte sich etwas komisch an von komplett fremden Menschen gefragt zu werden, wie es einem denn geht, aber ich gewöhnte mich sehr schnell an den Spruch und nach nicht mal einer Woche benutzte ich ihn selbst.
Ebenso überrascht war ich von dem Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Anders als in Deutschland bilden die Menschen in Vancouver eine Schlange beim Einsteigen in den Bus. Hier gibt es kein Drängeln und Quetschen und die Hoffnung, Hauptsache irgendwie in den Bus zu kommen. Stattdessen steigen die Leute geordnet und rücksichtsvoll in den Bus ein.
Das Highlight jeder Busfahrt war das Ziehen an den gelben Seilen, die an den Wänden einmal rund um den Bus gespannt sind und damit das Aussteigen signalisieren. Auch anders zu beobachten war das eigentliche Aussteigen, denn wenn die Leute den Bus verließen, bedankten sie sich bei dem Fahrer und riefen einmal „Thank you“ quer durch den Bus.
Das, was ich wohl am meisten an Kanada vermissen werde, ist Tim Hortons. Mindestens genauso beliebt wie Starbucks, verkauft auch Tim Hortons Kaffees und kleine Gebäckstücke. Am besten haben mir dort die sogenannten „Timbits“ geschmeckt, kleine Donutbällchen, die es in allen möglichen Geschmacksrichtungen gibt.
Was mich aber mit Abstand am meisten an Vancouver fasziniert hat, ist, dass für jeden etwas dabei ist. Es gibt wirklich IMMER etwas zu unternehmen oder Neues zu entdecken, egal worauf man Lust hat, es wird nie langweilig. Das schätze ich an der Stadt sehr, sie vereint drei so große, aber gleichzeitig so verschiedene Bereiche – du willst den einen Tag in den Bergen wandern gehen und am nächsten einen entspannten Strandtag verbringen? Kein Problem, in Vancouver ist das möglich!
Auf der einen Seite sieht man die gigantischen Hochhäuser von Downtown Vancouver, auf der anderen Seite hat man die Berge und schließlich kann man den offenen Ozean bestaunen.
Es gibt super Wanderoptionen, aber auch kleinere Spaziergänge mit ebenso atemberaubenden Aussichten sind möglich. Meine erste Wanderung in Vancouver war der „Quarry Rock Hike“, denn ich damals mit einer Freundin, die ich in meinem Homestay kennengelernt hatte, gemacht habe. Direkt nach der Ankunft im Wald bemerkt man, wie sich die Luft verändert und alles viel frischer und natürlicher riecht – und das alles nur eine halbe Stunde von Downtown Vancouver entfernt, wo es süße Cafés, Bars, Restaurants etc. gibt. Außerdem auch viele Shoppingmöglichkeiten – was mich besonders überzeugt hat, war die riesige Auswahl an Second-Hand-Geschäften auf der sogenannten „Main Street“.
Aber auch die Strände, welche überall am Rand der Stadt und im Stanley Park verteilt sind, sind super geeignet für einen entspannten Tag. Mein Lieblingsstrand war der „Kitsilano Beach“, wo ich des Öfteren abends mit Freunden hinging, um den Sonnenuntergang zu beobachten.

Was meine Freunde aus dem Homestay und ich an unseren freien Tagen auch gerne gemacht haben, war, zu kleinen Events zu gehen, welche wir zufällig auf Flyern oder im Internet entdeckt haben.
Vancouver ist eine so große Stadt, dass eigentlich immer etwas geplant ist. So waren wir auf verschiedenen „Night Markets“, wo es superleckeres Essen gab und viele unterschiedliche Dinge, wie Schmuck, Deko, Klamotten und so viel mehr von lokalen Künstlern zum Verkauf standen. Außerdem haben wir diverse Flohmärkte und Vintage Sales besucht.
Arbeitsplatz
Während meiner Zeit in Kanada habe ich bei RAPS Cat Sanctuary in Richmond gearbeitet, einem Tierheim für über 500 Katzen, darunter auch viele mit besonderen Bedürfnissen wie Leukämie oder sogenannte „feral cats“, Katzen, die scheu sind und auf menschlichen Kontakt eher aggressiv reagieren, wodurch sie ungeeignet für Adoption sind.
Ich arbeitete vier Tage die Woche mit Arbeitszeiten von 10-17Uhr, habe also ungefähr 20-29 Stunden pro Woche gearbeitet. Alle zwei Wochen haben meine Mitfreiwilligen und ich unsere „schedule“ bekommen, der Plan mit unseren Arbeitszeiten für die nächsten zwei Wochen, wobei die Tage an denen ich arbeitete und frei hatte jede Woche variierten. Gelegentlich musste ich auch mal am Wochenende arbeiteten, da das Tierheim an den Wochenenden für Besucher geöffnet war, das kam allerdings eher seltener vor.
Zur Arbeit bin ich immer eine Stunde mit dem Bus gefahren, wobei es sich hier gut angeboten hat die „Compass Card“ zu besorgen und einen Monatspass zu kaufen, um jederzeit die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen zu können.
Ein typischer Arbeitstag bestand aus Ankommen und erstmal die Katzen begrüßen, bevor es richtig losging. Jeden Tag hat man einen bestimmten Bereich zugeteilt bekommen, den es zu reinigen galt, dazu gehörten Aufgaben wie Reinigen der Katzentoiletten, das Auswechseln des „beddings“, das Fegen und Wischen der Böden, das Bereitstellen von Wasser und Futter und vieles mehr…
Nach der Mittagspause ging es dann an allgemeinere Aufgaben, die jeden Tag unterschiedlich aussehen konnten. Meistens waren meine Mitfreiwilligen und ich damit beschäftigt die Wege im Außenbereich vom Laub zu befreien oder im Adoptionscenter für Babykatzen auszuhelfen, welches direkt neben dem Tierheim lag.
Da während meiner Zeit im Tierheim ebenfalls einer der vielen Innenbereiche renoviert wurde, halfen wir auch dort des Öfteren aus, strichen neue Käfige an, schleppten alte Bretter nach draußen oder schraubten die neuen Lichter an die Decke.
Nachdem diese Arbeit erledigt war, kam dann auch das Highlight jedes Tages – das anschließende Kuscheln und Spielen mit den Katzen.
Anfangs war die Arbeit im Tierheim noch ungewohnt und ich wusste häufiger nicht, wo welcher Bereich war oder wo ich denn die sauberen Scoops finden konnte, da das Gelände echt groß ist. Aber schon nach wenigen Wochen hatte ich eine Routine gefunden und fand mich gut zurecht, wobei die Festangestellten dort immer unglaublich nett und hilfsbereit waren, auch, wenn ich zum dritten Mal fragte, wo ich denn nochmal die sauberen Scoops finde.
Ein Tag der auf jeden Fall in Erinnerung bleiben wird, war, als unsere Managerin eine Pizza-Party für uns Freiwillige organisiert hatte, als kleines Dankeschön. Zusammen mit dem Staff haben wir dann zwischen den Katzen unsere Pizza gegessen, wobei viel gelacht wurde, als Lindor, eine sehr gierige Katze, sich ein Biss Pizza ergattert hatte, als kurz nicht aufgepasst wurde.
Insgesamt habe ich meine Arbeit im Tierheim sehr genossen und jeden – vor allem aber die Katzen – ins Herz geschlossen. Die Festangestellten und anderen Freiwilligen dort sind so herzlich und zuvorkommend gewesen und ich bin sicher, dass ich eines Tages zurückkehren werde.
Gastfamilie und Unterkunft
Wie so viele andere Freiwillige lebte auch ich während meiner Zeit in Vancouver in einem Homestay. Meine indische Gastfamilie bestand aus meiner Gastmutter, ihrem Mann, meinen zwei Gastschwestern und den zwei Hunden, Benzo und Nala. Schon bei meiner Ankunft wusste ich, dass ich mich hier für die nächsten Monate auf jeden Fall wohlfühlen werde, da ich unglaublich herzlich willkommen wurde. Mir wurde mit meinem Koffer geholfen und ich habe sogleich auch die anderen Deutschen kennengelernt, die schon etwas länger in dem Homestay wohnten und mit denen ich auch später sehr viel unternehmen würde. Meine Gastmutter erklärte mir, dass wir, die anderen Deutschen und ich, im Erdgeschoss wohnen und sie und der Rest der Familie im oberen Teil des Hauses sind. Trotzdem konnten wir jederzeit nach oben gehen.
Anschließend hat sie mir mein zukünftiges Zimmer gezeigt, dass geräumiger war, als ich mir vorgestellt hatte. Schon nach einigen Wochen hatte ich es mir dort schön eingerichtet und persönlich gestaltet, sodass es sich richtig nach „zuhause“ anfühlte.
Der einzige Nachteil in dem Homestay war, dass wir insgesamt fünf Leute im Erdgeschoss waren und uns nur ein Bad teilten, was anfangs etwas nervig war, weil morgens jeder gleichzeitig ins Bad wollte. Aber das hat sich auch schnell gelegt und es hat sich eine Routine entwickelt – ohne, dass wir uns ständig in die Quere kamen.
Gleich an meinem ersten Abend fragte mich meine Gastmutter, ob ich mit in den Tempel meiner Gastfamilie gehen möchte, da es an dem Tag ein kleines Fest gab. Und so saß ich kurze Zeit später mit einer anderen Deutschen aus dem Homestay und meinen zwei Gastschwestern im Tempel und aß gemeinsam mit ihnen meine erste Mahlzeit in Kanada. Meine Gastmutter hat generell hauptsächlich indisch für uns gekocht und ich werde ihr Essen auf jeden Fall vermissen, auch wenn es manchmal etwas zu scharf für mich war.
Nach meinem ersten Besuch im Tempel meiner Gastfamilie war ich dort noch einige weitere Male und auch sonst unternahmen wir viel zusammen. Des Öfteren waren wir mit den Hunden Benzo und Nala gemeinsam spazieren, sind zusammen Shoppen gegangen oder spontan auf „late night drives“, wie meine Gastmutter sie nannte, mit dem Auto gefahren.
Meinen 19. Geburtstag habe ich ebenfalls in Kanada verbracht. Auch wenn ich den Tag nicht mit meiner Familie in Deutschland verbringen konnte, war er trotzdem genauso schön, denn die anderen Deutschen in meinem Homestay haben mich zusammen mit unserer Gastfamilie mit einer riesigen Torte überrascht!
Insgesamt habe ich mich supergut mit meiner Gastfamilie verstanden und so viele schöne Erinnerungen mit nach Deutschland genommen. Highlights mit meiner Gastfamilie waren auf jeden Fall die Gossip-Einheiten mit meiner älteren Gastschwester und die Feste, die wir gemeinsam verbracht haben, wie Thanksgiving oder Diwali, das indische Lichterfest.
Gleichzeitig freundete ich mich immer mehr mit den anderen Deutschen in meinem Homestay an und nach einer Weile sind wir eng geworden und haben viel zusammen unternommen. Auch jetzt, nachdem ich wieder in Deutschland bin, habe ich noch Kontakt mit ihnen, und einigen anderen Freiwilligen, die ich auf der Arbeit kennengelernt habe. Ich bin sehr dankbar für diese entstandenen Freundschaften und freue mich schon auf unsere Pläne für ein Wiedersehen.
Betreuung
Bevor es überhaupt für mich nach Kanada ging, musste ich in Deutschland zwei Vorbereitungsseminare besuchen, auf denen viele unterschiedliche Themen behandelt wurden. Die Leiter der Seminare waren dabei alle selbst ehemalige AFS-Teilnehmer, wodurch man Einblicke in das Gastland bekam und natürlich auch viele Fragen stellen konnte. Was ich ebenfalls sehr praktisch fand war, dass man schon im Vorhinein andere Leute kennenlernen konnte, die in das gleiche Gastland wie man selbst reisen würden.
In Kanada hatte ich dann eher weniger Kontakt mit AFS, weil dort alles über die Partnerorganisation Internex geregelt wurde. Falls ich also irgendwelche Probleme, Fragen oder Anliegen hatte, konnte ich mich immer an Timothy Wells wenden, welcher die zuständige Kontaktperson war. Noch vor meinem Flug schickte er mir die Details und einige Bilder zu meiner künftigen Arbeitsstelle, sodass ich mich vorbereiten konnte. Die Kommunikation lief hier auch immer unkompliziert und reibungslos über WhatsApp ab.
Auch sonst habe ich mit Internex nur gute Erfahrungen gemacht. Es gab wöchentliche „pub nights“, die im Sommer sogar manchmal am Strand stattfanden, wo man entspannt mit anderen Freiwilligen plaudern konnte oder eine Runde Volleyball spielen konnte.
Aber es wurde nicht nur unter der Woche etwas organisiert. Des Öfteren gab es auch Ausflüge an den Wochenenden. Eine Freundin, die ich dort kennengelernt habe, war sogar bei einem mehrtägigen Rockys-Trip dabei, der sich nach den Bildern her auf jeden Fall gelohnt haben muss.
Ein absolutes Highlight meinerseits war das Eishockeyspiel der Vancouver Canucks. Ich bin zuvor noch nie auf einem Eishockeyspiel gewesen, was es nur umso mehr zu einer einmaligen Erfahrung gemacht hat.
Die Rogers Arena, das Stadion, in dem das Spiel stattfand, war riesengroß und die Stimmung der Fans sehr intensiv. Während der Spielpausen gab es auch die berühmte „Look-alike Cam“, welche Zuschauer gefilmt hat, die einer berühmten Person optisch ähneln und dann auf dem breiten Bildschirm in der Mitte des Stadions gezeigt wurden.
Sprache und Kommunikation
Was die Kommunikation in Kanada angeht, hatte ich kaum Probleme. In Vancouver wird hauptsächlich Englisch gesprochen, und so habe ich mich mit meiner Gastfamilie und Arbeitskollegen nur auf Englisch verständigt.
Durch diese offene Kommunikation mit meiner Gastfamilie war es auch möglich, dass wir keine festen Regeln vorgeschrieben bekommen haben. Wir durften kommen und gehen wann wir wollte – es war nur wichtig, dass eben zu kommunizieren, sodass unsere Gastmutter Bescheid wusste und sie spät abends nicht aus Versehen die Tür abschloss, obwohl wir noch unterwegs waren.
Neben Englisch habe ich auch viel Deutsch gesprochen, da die anderen Leute in meinem Homestay ebenfalls Deutsch waren und wir viel zusammen unternommen haben.
Trotz dessen würde ich aber sagen, dass sich mein Englisch generell nochmal deutlich verbessert hat, einfach dadurch, dass ich es doch jeden Tag sprechen musste. Allein schon durch die Arbeit habe ich viele neue Begriffe aufgenommen, wie z. B. „litter box“ (Katzentoilette), die ich vorher nicht kannte. Aber auch sonst, durch alltägliche Aktivitäten – ins Kino gehen, im Restaurant die Speisekarte lesen – überall wird man mit Englisch konfrontiert und man kann nicht anders, als dazuzulernen.
Im Großen und Ganzen war meine Zeit in Kanada einfach einmalig. Ich habe so viele schöne Erinnerungen geschaffen, neue Freunde gefunden und unglaubliche tolle Orte entdeckt.
Ich kann es jedem nur ans Herz legen, Freiwilligenarbeit im Ausland zu leisten, weil diese Zeit einfach unvergesslich ist und man sich so sehr als Person weiterentwickelt. Vancouver hat mich sehr geprägt und ich bin dankbar, dass ich diese Chance hatte, für ein halbes Jahr in eine neue Kultur einzutauchen.
Ich bin sicher, dass ich eines Tages zurückkehren werde, da Vancouver und die Menschen dort während meines Aufenthalts zu einem zweiten Zuhause für mich geworden sind.

